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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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wollen wir weiter nach dem waldigen Helikon wandern, dessen be 
rühmte Quellen Hippokrene und Aganippe uns Erquickung versprechen. 
An diesem glücklichen Orte wächst keine einzige schädliche Pflanze, 
wohl aber manch heilsames Kraut, nützlich den Menschen und treff 
lich zur Weide für Schaafe und Ziegen. Aus Konifeldern und 
Weinbergen steigt man die Höhe hinan, die Schatten des Waldes 
umfassen den Wanderer, immer stiller und einsamer wird eS, bis 
man endlich auf de» Gipfel des BergeS gelangt. Hier herrscht hei 
liges Schweigen, nur durch das Summen der Bienen und durch 
das Plätschern der Wasserfälle gestört; zuweilen hört man vom grü 
nenden Felshang oder aus dem Thale herauf die Hirtenflöte» erklin 
gen. Gar unähnlich dem Helikon ist der auf demselben Bergrücken 
befindliche Cithäro», wo im finstere» Dickicht Bär und Eber Hause», 
wo das Geheul der Wölfe die Reisende» schreckt; die benachbarten 
Einwohner sagen, daß beide Berge einst zwei Brüder gewesen, He 
likon sanft und gut, Cithäron wild und blutdürstig; man sähe deut 
lich noch an den Felsen den verschiedenartigen Sinn. Die erwähn 
ten Höhen gehören der Landschaft Böotien an, einem fruchtbaren 
Tbaüande, welches östlich bis zum Aegcischen Meere geht, und die 
Stadt Theben mit einer uralten Burg zum Hauptorte hat. I» 
der wohl bewässerten Thebanischen Ebene wurden treffliche Rosse 
gezogen, an dem nahe» See KopaiS wuchs das Schilfrohr, aus dem 
die bei den Hellenen so beliebten Flöte» gemacht wurden, und auf 
den benachbarte» Fluren von Chäronca lieferten Rosen und Lilien 
die wohlriechende Salbe, die den Alten zur Erhaltung und Verschö 
nerung des Leibes als unentbehrlich erschien. Also Böotien, eine 
Gegend, die in mancher Schlacht mit dem Blute Griechischer Hel 
den getränkt worden. — Wir wenden uns nach der Südostspitze 
von Hellas, nach dem schöne» Attika hin. Als Halbinsel streckt sich 
hier das Land in das Aegeische Meer, und außer einzelnen Bergen 
von mäßiger Höhe breiten sich weite Ebenen ans. An der West 
küste, unfern des Meeres, erhebt sich 150 Fuß hoch ein steiler Fels, 
nur von einer einzigen Seite zugänglich; zu seinen Füßen lag die 
weltberühmte Stadt Athen, auf seinem Gipfel die prächtige B»rg, 
nach Eekrops, dcnt Gründer des Attischen Staates, Cekropia, spä 
ter Akropolis genannt. Auf Marmorstufcn stieg man hinan, um 
durch die Vorhallen oder Propyläen auf den Gipfel der Höhe zu 
kommen. Die Propyläen selbst waren ein fünffacher Eingang, dem 
in Berlin das Brandenburger Thor nachgebildet ist, und durch den 
man zu den Tempeln gelangte, deren herrliche Bauart, deren Säulen 
und Statue» ich in dieser kurzen Beschreibung nur andeuten kann. 
Die Trümmer jener alten Kunstwerke setzen noch jetzt in Erstaune», 
und mit Recht konnte der Grieche Lyfippus sagen: Wer in Athen 
war ohne entzückt zu werden, der ist gefühlloser als ein Thier. Die 
Schönheit der Stadt wird noch jetzt nicht wenig durch die Reize 
ihrer Umgebung erhöht. Da find schattenreiche Wäldchen mit Nach 
tigallengesang, da freundliche Wiesen, auf denen Narzissen und Hya-
        
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