Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

342 
Vater von in Wanderschaft zurückgekommen ist, hat er von weil 
her eine» ganzen Beutel voll Kastanien mitgebracht, die größte und 
schönste aber auf de,» Hose eingepflanzt und znm Großvater gesagt: 
Wenn ein Baum daraus wird, und der liebe Gott sonst mente Ar 
beit segnet, sollst du künftig gar nicht nrebr arbeiten. Im Sommer 
ruhst du i» des Baun,cs Schatten, und im Winter verzehrst du 
die Früchte, die er tragt. Als aber mein guter Vater schon 6 Jahr 
darauf gestorben und das Bäumchen auch kränklich geworden ist, 
bat sich der arme Großvater einen Stock da,aus geschnitten, damit 
er doch eine Stütze halte von dem liebe» einzige» Söhn, und die 
sen Stock, de» er so lieb bat wie sein Leben, bad ich nun verloren." 
Ja dam, ist dir freilich nicht zu helfen, antwortete Julie, die 
etwas beleidigt schien, daß der Kleine ihr (Md so gering achtete. 
Kinder, laßt uu? eilen, daß wir fort kommen. Die Andern folg 
ten, Ernestine aber dachte im Stillen: Halt, da ist wohl schon eine 
treffliche Gelegenheit, auch ohne Reichthum Gutes z» thun, »ud rasch 
entschlostcn »ahm sie Abschied von den Gespielinnen, sagte, sie habe 
etwas Nothwendiges vergessen, kehrte tun und holte bald den wei 
nende» Knaben ein, der immer von Neuem alle Sträucher im Ge 
hölz durchsuchte. „Vier Augen sehe» besser als zwei, redete sie ihn 
freundlich an, such du an jener Seite des Weges, ich will a» die 
ser nachsetzn." 
Bald eindeckte Ernestine wirklich den verlorenen Stab; der 
Knabe hatte den Stranch, worin er steckte, schon mehrcremal durrii- 
sncht, allein seine durch das Weine» getrübten Augen batten das 
Kleinod übersetzn. O wie glücklich war er jetzt, glücklicher noch 
fühlte sich jedoch Erntzüine. Immer schwebte des Knaben Dank 
und des alten Großvaters Freude vor ihrem Sinn, und od sie gleich 
die Freundinnen nicht wieder einholte, sondern allein nach Hause 
wandern nnifite, kam ihr doch dieser Nachmittag wie einer der ge 
nußreichsten ihres Lebens vor. 
Einige Zeit darauf hörte Ernestine eine arnie Tagclöhnerftau 
bitterlick, darüber klagen, daß ihre Kinder wie das Unkraut anfwnch- 
sen müßte». Sie selbst gehe Morgens, sobald der Tag graue, schon 
auf Arbeit aus, und komme nur Mittags eine Stunde und Abends 
ganz spät »ach Hanse. Da müßten denn die älteste» Kinder ihre 
Stelle pertrcten, die kleinere» Geschwister warte» »nd pflegen, Essen 
kochen, Futter für da» Vieh holen »nd den ganze» Haushalt besor 
ge», so gern sie auch in die Schule gehn »nd etwas Tüchtiges ler 
nen möchte». Sieh da ist ja schon wieder eine Gelegenheit zum 
Wohlthun für mich, sprach Ernestine, und bat die Tagelöhnerin, 
ii-r Sonntags und in den Mittagsstunde» die Kinder zuzuschicken, 
sie wolle versuchen, ihnen lese» »nd schreiben beizubringen. 
Diese Unterrichtsstunden raubte» der menschenfrenndliche» Er 
nestine mm zwar den größten Theil ihrer früheren ErholiMgszrit, 
indeß die Lust und der Eifer, womit ihre jungen Zöglinge lernten, 
„nd die gute» Fortschritte, welche sie machte», gewährten ihr reiche»
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.