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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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wie ich fünf Silbergroschen gäbe, lächelte sie, nahm fünf harte Tha 
ler ans ihrer Börse, die bis oben heran voll blanker Silbcrstücke 
war und sagte: Wenn's solche Kleinigkeit nur ist, brauchst du dich 
gar nicht welker mit Sammeln z» bemübe», das bischen Geld geb' 
ich dir ganz allein. An bcmiibe» brauche ich mich nun freilich nicht, 
aber das ist'S eben, was mich recht traurig macht, ich wollte gern 
recht viel für die arme» Leute thun und habe nur so wenig, fast 
gar nichts für sie gethan. 
Frau Hülsreich freute sich, daß ihre Kleine aus so guter Mei 
nung den unbedachten und unverstandene» Wunsch gethan, setzte 
ihr auseinander; daß Juliens größeres Geschenk keineswcges den 
Werth deS ihrige» verkleinere, tröstete sie mit der Wittwe am Got 
teskasten, deren Schärflei» unser Heiland höher schätzte als der Rei 
chen prunkende Gabe und machte ihr recht anschaulich und klar, wie 
man nicht allein durch Geld und Gut, sonder» eben so wohl durch 
thcilnehmende», mcnschcnsreundlicheii Sinn dem Nächsten Trost und 
Unterstützung bereiten könne. Achte einmal aufmerksam darauf, be 
endete sie dies Gespräch, wie viel du schon in deiner jetzigen Lage 
zur Beglückung der Mitbrüder thun kannst, und sei überzeugt, daß 
wen» du alle diese Gelegenheiten treu benutzest, kein Kind reicher 
ist als du, keine Mutter glücklicher als die deine. 
Ernestine überzeugte sich schon am nächsten Tage von der Wahr 
heit dessen, was die gute Mutter ihr gesagt. Sie war mit mehre 
ren ihrer Schulgesährtimie» auf dem Wege z» einem freundlichen 
Gehölz, als ein zehn bis zwölfjähriger Knabe weinend daher kam. 
Was fehlt dir? fragten die Mädchen wie aus einem Munde. Ach 
ich habe meines Großvaters schöne» Krückstock verloren, jammerte 
der Kleine. Während er schlief hatte ich ihn genommen, um ein 
bische» damit zu excrziren, wie aber bald nachher noch andere grö 
ßere Junge» kamen, ward ich bange, sie möchte» mir ihn fort neh 
men, und versteckte ihn schnell in einen dichte» Strauch; nun mag 
ich suchen so lange ich will, ich kann ihn nicht wieder finde». 
O mein armer, armer Großvater, o ich unvorsichtiges Kindl 
Höre doch nur auf zu schreien, sprach Julie, die auch mit in 
Ernestines Gesellschaft war, der Schade» wird ja doch zu ersetzen 
sein. Komm morgen früh zu mir, dort in das große, gelbe Haus, 
da geb ich dir so viel Geld, daß du zwei neue Stöcke dafür kaufen 
kannst. Ach liebes Fräulein, antwortete der Kleine, das würde doch 
Alles nichts helfen. Großvater ist blind, aber er merkte gc>viß im 
Augenblick, daß ich ihm einen fremde» Stock gegeben hätte, und 
würde sich grämen, daß seiner fort ist. Stocke giebts genug, aber 
mit diesem hier hat's noch ganz was anders zu bedeuten. 
„Und was denn eigentlich?" fragte Julie, neugierig gemacht. 
„Ja sehn Sic, nahm der Knabe von Neuem da» Wort, Groß 
vater hat immer für sein Leben gern zahme Kastanien gegessen, die 
da, wo er zu Hause gehört, überall wachsen, die aber hier kein 
Mensch pflanzt, wenn sie auch wohl fortkämen. Wie nun mein
        
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