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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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hen Rothe. Während die andern Kinder vor Freude hüpften und 
sprangen, stand ein kleiner Knabe in einem Winkel und weinte bit 
terlich. Auf die Frage deS Lehrers, warum er-weine, antwortete 
er: alle haben Schuhe und Strümpfe und ich nicht. Man hatte 
diese Sachen auf seinen Platz zu legen vergessen. Die Schuhe wa 
ren schon alle vertheilt, und deßhalb bekam er nur ein Paar Strümpfe. 
Jetzt hörte er auch auf zu weinen und stimmte mit in den Jubel 
derAudern ein. Bald darauf entfernten sich die Herren, und nicht 
lange nach ihnen gingen die Kinder nach Hause, um sich dort erst 
recht an allen ihren Herrlichkeiten zu ergötzen. A- . . 
Fabeln. 
Die Wasser- und die Champagner-Flasche. 
Mit einem furchtbaren Knalle sprang der Kork einer Wein 
flasche, die mit edlem Champagner angefüllt war, hoch in die Höhe, 
daß der Wein schäumend im Zimmer umherfloß. Bald darauf zer 
sprang eine mit kaltem Wasser angefüllte Flasche, die man unvor 
sichtiger Weise auf eine warme Stelle gesetzt hatte, und verursachte 
einen nicht minder starken Knall. „Champagner!" rief der Sohn 
des Hauses — „Champagner, lieber Vater!" „Nicht doch!" ant 
wortete der Vater: „Es ist nicht alles Champagner, was die 
Korke heraustreibt und die Flaschen zersprengt." 
ES ist nicht jeder ein Genie, der alle Schranken durchbricht. 
Der Kirschbaum und die Sperlinge. 
Die Sperlinge fielen gierig über die süßen Früchte eines Kirsch. 
baumS her und plünderten ihn so, daß nichts als die entfleischten 
Kerne an de» Stielen blieben. Darüber führte der Kirschbaum bit 
tere Klage, aber die Sperlinge fuhren ihn an: „Wie? Du er 
kennst unsre Großmuth nicht? — Ließen wir Dir nicht die Kerne, 
aus denen Dir eine zahlreiche Nachkommenschaft erwachsen kann, 
um die es Dir hauptsächlich zu thun sein soll; und gaben wir uns 
nicht sogar die Mühe, sie vom Fleische zu entblöße», damit die 
Schale sich leichter öffnen und der Keim hervorbrechen könnte?" — 
Das ist die Großmuth ungerechter Menschen. 
Die Barbiermesser. 
Ein einfältiger Barbierlehrling sahe zwar, daß sein Herr die 
Barbiermesser erst auf einem harten Stein und dann aus einem wei 
chen seidenen Tuche zu streichen pflegte; da er aber klüger sein wollte, 
machte er es umgekehrt: strich die Messer erst auf dem seidenen 
--ruche und dann auf dem Steine. Die Messer schnittcii nicht. —
        
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