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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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verschlang. Um ihn aber noch näher zu haben und besser allerlei 
Spaß mit ihm treiben zu können, lockte man ihn auch zuweilen in 
den Bärensang. Dies war ein Bebältniß, in welches der Bär Hin- 
ei, igelockt wurde, um ihn dann durch eine schnell herabgelassene Fall 
thüre vv» dem Garte» abzusperren, und durch eine andere Öffnung 
in einen großen Kasten zu leiten, in welchem er fortgeschafft wurde, 
wenn man seiner zu de» Jagden bedurfte- Damit aber diese Fall 
thüre leichter regiert werden konnte, war ein Gegengewicht ange 
bracht. weiches sich durch eine in der Decke de» Fanges gemachte 
Öffnung nach Erforderlich entweder heradsenkte oder hinaufzog. 
Hunderte »lochten schon ihr Dcrgnügcn gehabt haben, wenn sie durch 
diese ziemlich weite Öffnung das zottige Thier beobachtete». Doch 
eiitinal hätte diese Kurzweil ein sehr trauriges Ende nehmen können. 
An dem Nachmittage eines schönen Sonntags — den 13. Au 
gust 1752 — hatten sich mehr als gewöhnlich Zuschauer an dieser 
Öeffnuug eingefunde», und »och drängte» sich immer mehr Neugie 
rige heran; der Eine wollte das belustigende Schauspiel unten im 
mer besser sehen als der Andere; selbst Mütter mit Kindern an der 
Hand oder auf dem Arme traten herzu. Dicht am Rande der 
Oessnung stand ei» kleines Mädchen, kaum 3 Jahr alt, welches sich 
an der Hand der Mutter hielt, die mit weit vorgebogenem Halse 
hinabsah und auf nichts weiter aufmerksam war, als auf den Bä 
ren. Doch in dem Augenblicke ihrer gänzlichen Unachtsamkeit ent 
stand ei» neues Dränge» von hinten heran; die Mutter hielt ihr 
Kind nicht fest, und es stürzte hinab zu dem Bären. Ein Schrei 
des Entsetzens entfährt den Zuschauerif, und Alle stehen in den er 
sten Augenblicken vor Schreck wie leblos da. Nichts schien jetzt ge 
wisser, als daß das grimmige Thier sogleich über das arme Kind 
herfallen und es zerreißen würde. Doch bald sollte man zum freu 
digsten Erstaunen sehen, wie sehr man sich in dieser Besorgniß ge 
täuscht habe. 
Das kleine Mädchen hatte, als es hinunterstürzte, einen Arm ge 
brochen und auch wohl einen Fuß etwa» beschädigt. Es konnte da 
her nicht gehen, sondern richtete sich nur auf und saß mit seinem 
gebrochenen Ärmchen ganz kläglich da. Lange betrachtete cs der 
Bär aus einiger Entfernung still und gelassen. Endlich nähert er 
sich ihm. Da ergreift neues Schrecken die Obenstehenden. Verge 
bens vereiniget sich Alles, um durch Schreien, Pochen und Lärmen 
das Thier von seiner Beute zurückzuscheuche». Immer naher tritt 
der Bär zu dem Kinde, und schon hält man es für verloren. Doch 
nein! Er beriecht es von allen Seite», bleibt dann ruhig bei ihm 
stehe» und wirft sich endlich nebe» ihm hin an die Erde, seine 
Schnauze auf des Kindes Schulter legend. Recht deutlich sab man, 
daß er cS lieb gewonnen hatte; und wenn cS sich einmal rasch be 
wegte, gleich machte er Mine, es zu halte» und zum Bleiben zu 
nöthigen. Mau ruft daher dem Kinde aus Besorniß von oben 
herab zu, eS möge sich ganz still und ruhig verhalten. Wenn man
        
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