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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Wenn ich euch den Schatte» eines Menschenhaares zeigen wollte, 
so würdet ihr eS in der Dicke eines Knüttels an der Wand erblik- 
ken. Dieser Halm wird also ungefähr 1000 mal feiner sein als ein 
Menschenhaar. Wer vermag sich ein Menschenhaar 1000 mal fei 
ner zu denken! Warum sind aber die beiden Aale plötzlich so still 
geworden? Das will ich euch sagen. Sehet ihr wohl dort aus der 
Ferne das furchterregende Thier langsam heranschleichen, das wie 
ei» Krokodil gestaltet ist, nur mit dem Unterschiede, daß es Hörner 
hat und viel längere und dünnere Beine, als diese schrecklichen Am 
phibien der heißen Zone? Dieses Ungeheuer ist der Feind der beiden 
Aale. Schaut nur, wie es immer näher kommt, aber nicht auf 
graben Wegen. Es schleicht auf Umwegen, schielend »ach seinem 
Opfer, heran. Unsere beiden Aale verhalten sich immer noch ruhig; 
dicht neben einander gedrängt schwimmen sie und scheinen die Ge 
fahr zu ahnen. Wenn sie doch nur recht vorsichtig gegen de» Bö 
sewicht sei» möchten, der ihren Freundschaftsbund zerreißen will! 
Doch ich habe kaum das Wort gesprochen, seht, da hat er sich zu 
ihnen geschlichen und daS eine Thierchen von der Seite mit seinen 
Hörnern, die nichts weiter sind, als ein Paar scharfer Zangen, bei 
der Gurgel gepackt. Nun wird es nicht lange mehr dauern, dann 
hat er es erwürgt. Betrachtet nur den Schmerz des anderen Aa 
les; seht, wie er seine Verzweiflung durch gewaltige Sprünge aus 
drückt. Doch der Bösewicht läßt sich nicht störe»; er schleppt seine 
Beute fort und überläßt den andern seinem Schmerze. Auch in 
tweui Tropfen Wassers ist also das Glück und der Friede nicht 
'dauernd. Auch da ist Krieg und Zerstörung. 
Den», gebt nur recht Achtung! ich will jetzt 2 Tropfen von 
verschiedenem Wasser in einander lausen lasse», und das Bild der 
Ruhe, das sich euch bis jetzt darstellte, wird ein wildes Schlachtge 
mälde werde». Es rückt der Feind gegen den Feind. Seht, es ist 
ein grausames Morde» und Würgen unter de» Thieren entstanden, 
die sich durch die Vereinigung der beide» Tropfe» zum ersten Ma 
le nähern. Ja, wenn ihr recht genau in die empörte Menge schaut, 
könnt ihr bemerken, welche Wunden geschlagen, welche Glieder ab 
gerissen werden, und wie viel Todte bleiben in dem blutigen Kampfe, 
in welchen alle Thiere der beiden Tropfen verflochten sind. Wie 
mag es nun- erst i» der großen Natur sein, beim Zusammenfluß 
verschiedener Ströme, bei einem Platzregen und in dem große» 
Weltmeer, wohin sich alles fließende Wasser ergießt. Muß man 
nicht glauben, daß die Mündungen der Ströme große Schlachtfel 
der feien, auf welchen stündlich Millionen solcher Tropfenthierc, wie 
ihr hier sie vergrößert sehet, ibr Leben einbüßen. 
Nun, ihr Mädchen und Knaben, habe ich mein Versprechen ge 
halten, euch in einem Tropfen Wassers eine neue Welt zu zeigen. 
Ja, bewundert die Weisheit und Allmacht unseres Schöpfers! Auch 
ei» Tropfen Wasser ist die Werkstätte seiner Wunder und ein Zeua 
»iß seiner Erhabenheit und Kraft! C. A. R- Schultze. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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