Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

30 
Weihnachten für arme Kinder. 
Es giebt hier in Berlin treffliche Anstalten für Erziehung und 
Unterricht, auch die kleinste» Kinder sind nicht vergessen. Wenn 
arme Eltern ihre Kleinen zu Hause nicht beaufsichtigen und abwar 
ten können, so schicken sie dieselben in eine Klein-Kinderwarteschule, 
wo sie unter guter Leitung lernen, war sie fasse» können, und außer 
dem Spiel und mancherlei Freude haben. Auch zu Weihnachten 
wird ihnen ein Fest bereitet, und wie die« am letzten Christtage be 
gangen worden, darüber hat mir eine jüngere Freundin folgenden 
Bericht mitgetheilt. 
Den Heiligabend gegen 11 Uhr des Morgens ging ich mit 
Dorchen I. . . . . in die Kinderwartefchule, i» der F. . . Straße. 
Madame Z hatte eine Pyramide ausgeputzt, und schickte sie 
uns nach. Als wir hinkamen, war schon für alle Kinder aufgebaut, 
und die Tische mit Tüchern verdeckt. Die Knaben standen auf der 
einen und die Mädchen auf der andern Seite. Während wir un- 
mit den Kindern beschäftigten, die u»S ihren Neujahrswunsch her 
sagten, hielt eine Equipage vor der Thür, aus welcher der Graf 
von G. . . . und Herr Prediger G- - - - mit den Glitdern des 
Schulvorstandes stiegen. Der Lehrer der Kinder empfing die Her 
ren an der Thür und führte sie in das Zimmer, in welchem auf. 
gebaut war. Nun mußten die Kinder Sprüche, Lieder u. s. w. 
aussägen, ein NerSchen singen, und dann ezaminirte sie der Herr 
Prediger über die Ereignisse bei der Geburt Christi und über Hes 
sin Kinderjahre. Die Kinder antworteten auf alle Frage» über 
alles Erwarten gut, zuweilen aber auch ziemlich drollig. So z. B. 
wurden sic gefragt, wo man den Herrn gefunden hätte? Da ant 
worteten sie ganz richtig, im Tempel. Nun gut, sagte der Herr 
Prediger, wo soll man euch denn auch finden? Keiner wußte dar 
auf zu antworten; endlich sagte ein kleiner Knabe: Auf der Straße. 
Als der Herr Prediger aufhörte, wurden die Kinder in ein andere- 
Zimmer gebracht, die Tücher von den Tischen genommen, die Py 
ramide angezündet und dann die Kleinen gerufen. J»der Knabe 
hatte aus seinem Platze ein Bild, «in Buch, ein Hemd, ein Paar 
Strümpst; ein Paar Schuhe, einen Kantel, eine Stolle und Aepfel, 
Nüsse und Pfefferkuchen. Die Mädchen dagegen ein Paar Strümpfe, 
ein Paar Schuhe, eine Schürze, ein Hemd, eine Puppe, Aepfel, 
Nüsse und Pfefferkuchen und ebenfalls eine Stolle. Da hättest Du 
einmal den Jubel hören sollen! Man konnte sei» eigen Wort nicht 
hören. Nun wurden die Namen der Kinder nach der Reihe auf 
gerufen. Als ein jedes Kind sein Theil bekommen hatte, zeigten 
sie sich gegenseitig ihre Sachen und riefen durcheinander: Sieh ein. 
mal meine Puppe; ach mein Buch; dar Bild ist hübsch; der große 
Apfel; ei, der Pfefferkuchen schmeckt schön! u. s. w. Ihre Freude 
war unbeschreiblich, die Augen glänzten vor Freude, und die Gesich 
ter der erst vor Kurzem genesene» Kinder färbte» sich mit einer ho-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.