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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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ftncn den vor Leid gestorbenen Sänger. Er hat seinen Platz bis 
zum Tode behauptet, u»d Ei» Grab umschließt Beide. 
Neues Schattenspiel an der Wand*). 
Kommt her, ihr Mädchen und Knaben, ich will Euch ein 
Schattenspiel zeigen, viel belustigender als das, mit welchem ibr 
euch an Winterabenden die Zeit vertreibet. Hier sind keine todten 
Gestalten zu sehen oder einzelne lustige Gcschichtchen dargestellt, die 
eure Lachlust reizen; kommt nur näher, ich zeige euch lebende Ge 
schöpfe, deren Schatten in den wunderbarsten Veränderungen be 
schaut werden können, und versichere euch, daß ihr euch nicht nur 
an einer oder an zehn Figuren belustigen werdet, sondern daß sich 
euch eine ganze Welt nie gekannter und nie gesehener Geschöpfe 
darstellen wird. Zn kurzer Zeit soll es hier an der Wand von le 
bendigen Thieren wimmeln, die ihr nie gekannt und doch sehr oft 
berührt habt, von denen ihr nie gehört habt, von denen ihr euch 
aber eben so wenig als vom Wasser und von der Lust trennen 
könnt, die so alt sind wie die Welt überhaupt, und die doch erst 
in unseren Tagen dem Auge des Mensche» stchtbar gemacht worden 
sind. Seht, ich habe hier einen Schattcnspiclkastcn, von einem Eng 
länder verfertigt, dessen Einrichtung von dem eurigcn dadurch sich 
unterscheidet, daß, während ihr in denselben, gewöhnlich eine kleine 
Lampe hincinsetzt, um einen lichtvollen Kreis an der dunklen Wand 
zu erhalten, in dem meinigen ein viel helleres und lebhafteres Licht 
wirkt, dessen Bereitung ich euch ein andermal erklären will. Wäh 
rend bei eurem Kasten das Vergrößerungsglas die Gegenstände viel 
leicht fünfzig, höchstens hnndertnial größer erscheinen läßt, ist in 
dem meinigen die Vergrößerung durch künstliche Gläser bis in'S 
Tausendfache ausgedehnt, und während ihr auf euer» Schiebegläsern 
gemalte Figuren habt, sind aus den meinigen nichts weiter als 
Wassertropfcn zu sehen, die sich euch bald als kleine Seen an der 
Wand des Saales zeigen werden. 
Wie nun in den "natürlichen Seen eine Menge von Geschöpfe» 
das Wasser erfüllt, welche theils in lustigen Sprüngen, theils still 
schwimmend sich kund giebt, so seht ihr auch hier in dem Abbilde 
solcher tausendmal vergrößerten Tropfen eine ungeheure Zahl von 
Thieren. Und was für Thiere! Ihr sucht sie von solcher Gestalt 
vergebens sowohl im süßen als im salzigen Wasser. Die uneiidlich 
verschiedenartig gestalteten Klassen der Fische und Amphibie» oder 
der wenigen Säugethicre, welche in dem nassen Elemente leben, 
zeigen uns solche Mannigfaltigkeit und Sonderbarkeit der äußeren 
Gestaltung nicht. WaS sind der riesige Walisisch, der Sägefisch, 
der gefräßige Hai, der vielbeinige SeekrebS, das großrachige Kroko 
dil gegen diese vergrößerten Tropfenthiere, die ihr in buntem Ge- 
') Dieses merkwürdige Schauspiel wird jetzt Abends im hiesigen Gast 
hofe (Uötcl de Russic) von Herrn Christeineke aufgeführt.
        
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