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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Höhe gehoben, bald in die Tiefe auf die Arbeit seines Herrn senkend. 
Da blieb er dann sitzen, bis er die Worte seines Herrn hörte: Matz, 
fort! Eilig ergriff er dann die Flucht und flog in seinen Käsig, aus 
welchem er durch die Stube nach seinem Herr» hinsah, fast traurig, 
daß ihm sein Lieblingsplatz genommen war. Sein ganzes Wesen 
aber veränderte sich, wenn er die ihm wohlbekannten Worte vernahm: 
komm, Mätzchen! Dann war er in einem Nu an seinen vorigen 
Platz zuruckgekehrt und sah ganz munter um sich her Was sonst 
die Gesellschaft der Kanarienvögel lästig und bisweilen unerträglich 
macht, nämlich ihre Gewohnheit, sobald irgend ei» Gespräch in dem 
Zimmer geführt wird, in welchem sie sich befinden, stärker zu schla 
gen, und wo möglich alles vorhandene Geräusch durch ihren Ge 
sang zu übertöne», das war bei diesem so artig gezogene» Vögelchen 
nicht der Fall. Nun, wie lange wirds? brauchte der strenge Gebie 
ter nur zu rufen, dann fing der muntre Gesellschafter seinen Gesang 
erst leise, allmählig aber stärker an, bis er seine lang gehaltenen 
Triller schmetternd hören ließ. Wurde eS seinem Herrn zu viel, so 
waren die Worte: „Matz, eS ist genug," hinreichend, den fröhlichen 
Sänger verstummen zu machen. Ganz genau batte er sich dabei 
die Stimme seines Gebieters gemerkt, so daß kein Anderer im Stande 
war, weder ihn zum Gesänge zu bewegen, noch ihn zum Schwei 
gen zu bringen. Sogar als mich sein Herr einst aufforderte, ich 
sollte mich an seinen Platz setzen und so thu», als wenn ich arbeite, 
ließ ihn das von mir Ausgesprochene: „Nun, wie lange wird's?" 
ganz gleichgültig. Er sah nach mir hin, als wenn er sagen wollte: 
Du hast mir nichts zu befehlen! So wie aber sein Herr die Worte 
sprach, erhob er seinen angenehmen Gesang. In dieser rührende» 
t reundschaft lebte daö Vögelchen mit seinem Gebieter bis zu dessen 
ode, doch hat cs ihn nicht lange überlebt. Während der Meister 
bei seiner Arbeit saß, wurde er plötzlich aus dem Leben abgerufen. 
Da er an seinem Wohnorte keine Verwandte und in Folge seines 
zurückgezogenen Lebens nur eine geringe Zahl von Freunden hatte, 
so waren nur wenige mit der Bestattung der Leiche beschäftigt. Ich 
selbst war zur Zeit seines TodeS abwesend, konnte also seinen treusten 
Freund und Gesellschafter, den fröhlichen und gehorsamen Säizger, 
nicht beobachten. Man erzählte mir später, er habe den Tod seines 
Herrn nicht lange überlebt. Während der Zeit, wo man die Leiche 
in Tücher gebullt auf der Bettstelle liegen ließ, hat er zusammenge 
kauert in seinem Bauer gesessen, ohne zu singen. Vielleicht war 
das letzte Wort seine« Herrn das Schweigen gebietende: „es ist 
genug, Matz," gewesen. Mit traurigen Blicken hat er auf de» 
Platz hingesehen, auf dem er sonst den Meister so gern sah. Er 
hörte nun den Ruf: komm, Mätzchen, nicht mehr, und war also, 
des Befehles gewärtig, in dem Vauer sitzen geblieben. Da legte 
man am Abend des 2ten Tages nach dem'Tode des Künstlers die 
Leiche in den Sarg, ohne sie zu verdecken, und als nun am Mor 
gen des 3tcn Tages die schwarzen Männer kamen, die enge Wohnung 
des Todten zu verschließe», fand man auf dem Kopfe des Entschla-
        
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