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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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ten gebracht werden. Darum wer sie angriff, konnte sie »,'cht fas 
sen, wenn sie nicht aufgefunden sein wollten, und wer tief in ihr 
Land eindrang, konnte ihnen nicht entfliehen. 
Sir waren.überaus wild und streitbar, und eS galt bei den 
Männern für die größte Ebre, recht viele Feinde erlegt zu haben. 
Wer eine gewisse Änzabl derselben getödtet hatte, durfte bei öffent 
lichen Festen aus zwei Bechern trinken; wer aber noch keine» über 
wunden, der mußte zusehen. Wenn Einer den ersten Feind erschla 
gen hatte, so trank er von dessen Blut, und die Köpfe der Ueber- 
wundenen sandte man als Siegeszeichen dem Könige. Zuvor aber 
zog der Krieger jedem abgehauenen Kopfe die Haut ab, und diese 
hängte er an de» Sattel, sich die Hände daran zu reinigen vom 
Blut. Ja manche zogen den Erschlagenen die ganze Haut ab und 
machten sich Kleider davon. Daß der Krieg ihre ehrenvollste Be 
schäftigung war, zeigten sie auch dadurch, daß sie von allen Göttern 
den Kriegsgott am höchsten ehrten, und zwar hatten sie in ihren 
Wohnörtrrn ei» altes Schwerin aufgerichtet, das war ihnen ei» Sym 
bol des Mars. 
Gegen solche Leute nun wollte DariuS ziehen, und mit Recht 
warnte ihn sein Bruder vor dem Kriege, und suchte ihm begreiflich 
zu machen, wie er den Scythen nichts nehmen könne, diese aber 
chm alles; dennoch ließ sich der König nicht abhalten, und betrieb 
die Sache so eifrig, daß er einem seiner Diener, welcher drei Söhne 
bei dem Heere hatte und ihn bat, ihm einen davon zurückzulassen, 
die Betteln der schauderhaften Weife gewährte, daß er alle drei 
hinrichten, und sie so todt bei dem Bater ließ. 
(Fortsetzung folgt.) 
Anekdoten von Thieren. 
Der treue Kanarienvogel. 
<BeschIuß.) 
Nicht minder ausgezeichnet, nur in andrer Art, war ein Kanarien 
vogel, den ich in meiner Jugend zu sehen Gelegenheit gehabt hatte. 
Er gehörte einem Künstler, dessen Hauptbeschäftigung im Zeichnen 
und Malen bestand, und der ohne Familie, kein anderes lebendes 
Wesen um sich hatte als diesen Kanarienvogel. Das Thierchcn hatte 
sich aber so an chn gewöhnt, daß es ihm auf das Wort gehorchte. 
Sein Bauer war nie verschlossen, frei flog der Bogel von einem 
Ende des Zimmers bis zum andern. Obgleich daS Fenster im Som 
mer gewöhnlich geöffnet war, blieb die Außenwelt ihm gleichgültig; 
er kannte keine andere Freude, als bei seinem Herrn zu verweilen 
und seine Eiissamkeit zu theilen. Auf seiner Reise durch das Zim 
mer ruhte er ans dem Köpft des scharf auf seine Arbeit blickenden 
Meisters aus, ohne diesem durch unruhiges Hin- und Herspringen 
lästig zu werden. Still saß er aus dem Scheitel seines Gebieters 
mit zufriedenem Blick um sich schauend, das Köpfchen bald in die
        
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