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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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gel», reckt sich lang aus und bleibt so lange wie todt liegen, bis es 
durch den Ruf seines Herrn neu belebt wird. (Beschluß folgt.) 
Mittheilung. 
In der Erziehungsanstalt vor denz Halleschen Thore sah man 
jüngst ein Knableiii von 8 — 9 Jahren eiligen Schrittes zu dem 
ein?? Baues wegen weit geöffneten Thorweg hereinwandern. Ohne 
sich auf Fragen und Nachforschungen cisszstlaffe,?, stieg er die Treppe 
hinan, aus welcher die Hausfrau ihm entgegen kam und sich des 
kleinen Ankömmlings wunderte, der sein dürftiges Röckchen eng zu 
sammenfassend, damit es ihn im Steigen nicht hindre, immer zwei 
Stufen zugleich, hastig vorwäts eilte und ohne auf sie zu achte» an 
ihr vorüber wollte. Sie hielt iim deßhalb an und sprach: Wohin 
willst du so eilig, lieber Sohn? — Zum Herrn Ober-Inspektor, 
antwortete der Knabe freundlich und dreist, ist er wohl zu Hause? 
O ja, was willst du aber von ihm? — Der Kleine, welcher nun 
wohl ahnde» mochte, daß die liebe Frau ein Recht habe ihn also 
zu fragen, blieb stehen, schaute ihr treuherzig in's Gesicht und 
sprach: „Ja sehen Sie, ich wollte daß er mich hierher nähme. 
Meine Eltern zanken und schlagen sich alle Tage, ich kann gar 
nichts Gute? zu Hause lernen, und da möcht' ich gern hierher." 
Und woher weißt Du denn, daß es gut bei uns ist? hat Dich Je 
mand hergeschickt? fragte die Frau Jnspektorin weiter. „Nein, 
aber ich kenne einen Jungen, der auch hier ist, und der hat mir ge 
sagt, daß man eS nirgend besser haben könnte," erwiederte her 
Knabe lebhaft, folgte darauf seiner freundlichen Begleiterin zum 
Herrn Inspektor, chcm er eben so unbefangen, wenn auch etwas 
schüchterner, seinen! Namen, Wohnung und alles Nähere angab, 
und hoffte wahrscheinlich, in seines Herzens Einfalt, daß er "nun 
gleich Hierbleiben und in dem rettenden Zufluchtsort Befriedigung 
für seines. GbisteS und Gemüths Verlangen finden könne. 
Die? ging zwar nicht sogleich, indeß gab man dem kleinen 
Bittenden die besten Mittel zur Erfüllung seiner Wünsche an, und 
so wollen wir denn hoffen, das er sein gutes Ziel erreichen und die 
sch.önsten Früchte für Zeit und Ewigkeit daraus gewinnen möge. 
' Euch aber, theure Kinder, theilte ich die kleine Begebenheit nur 
mit, um Eüch einmal wieder an das Glück zu erinnern, welches 
Ihr durch gute, fromme Eltern, durch eine vernünftige und liebe 
volle Erziehung und durch vielfältige Anleitung zu allem Edlen und 
Schönen so reichlich genießt. Fragt Euer Gewissen, ob Ihr dieses 
Glück zu allen Zeiten, so wie Ihr sollet, benutzt und gewürdigt 
habt. Ist dies aber bei Einem oder dem Andern nicht geschehen, 
o so raffe er sich ans und ahme dem lieben Knaben nach, der ohne 
alle Hülfe, nur aus innerem, frommen Drang, der Sünde zu ent 
fliehen suchte und de» Weg sich bahnte, der zur Tugend und zu 
ew'gcm Glück und Frieden führt. Emilie Feige. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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