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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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um den Bauer Epheu und Immergrün gerankt ist, gegen welches 
das citroncngelbe Gefieder des kleinen Bewohners sich sehr hübsch 
auSnimnit. — Bei den Armen sitzt es in ganz kleinen hölzernen 
Bauern und ist dennoch sehr vergnügt. Biele von Euch mögen sich 
durch den Augenschein schon überzeugt haben, welche Beweise von 
Klugheit dies allerliebste Thierchen nicht selten giebt, mit welchen 
pfiffigen, schelmischen Augen cS seine Lieblinge betrachtet, mit welchem 
neckenden Tone cS die in seiner Nähe sich Aushaltenden zuni Sprechen 
auffordert, damit es dann gleich mit seiner überaus fertigen Kehle 
einfallen und alle Sprechende» überschreien könne. Kan» es auch den 
Künstlerfamilien unter den Vögeln es nicht nachthun, welche in der 
Gesellschaft der Menschen mitsprechen und gewöhnlich, ohne gefragt 
zu sein, ihre Weisheit ausplaudern, so hat es doch schon auf daS 
deutlichste bewiesen, daß es jene Schwätzer in chrem buntfarbigen 
Kleide an Schärfe des Verstandes bei weitem übertrifft. Ich brauche 
wohl nur an das berühmte Vögelchen zu erinnern, welches manchen 
sechsjährigen Knabe» in der Kunst des Buchstabirens beschämte. 
Denn auf einem Tische vor ihm lag ausgebreitet und untereinander 
geworfen ein Alphabet, dessen einzelne Buchstabe» auf Pappe ge 
klebt und a» einem seidenen Bändchen befestigt waren. Zeigte man 
nun dem Vogel ein geschriebenes Wort, so suchte er aus jenen die 
richtigen Buchstaben zusammen, und legte sie in derselben Ordnung 
nebeneinander, wie sie in dem aufgegebene» Worte aufeinander folg 
ten. Für. seine Geschicklichkeit war ihm der Ehrentitel, „ Professor 
zu Theil geworden, und unter diesem Namen war er in de» vorzüg 
lichsten Hauptstädten Europas gekannt und bewundert. Vielleicht 
hat mancher unserer jungen Leser Gelegenheit gehabt, die jetzt durch 
die.vorzüglichsten Städte Deutschlands ziehende Gesellschaft von Ka 
narienvögeln zu beobachten, welche durch ihre seltene Gewandtheit 
im Nachahmen menschlicher Beschäftigungen und Künste eine Menge 
Schaulustiger zu versammeln, und diese durch überraschende Geschick 
lichkeit in Erstaunen zu setzen versteht. Da sieht man ganze Rei 
hen exercirender Vögelchen, welche dem Worte ihres Herrn gehor 
sam, das Gewehr präscntiren, und kleine Kanonen mit brennender 
Lunte abfeuern; man freuet sich über eine Gesellschaft gefiederter 
Tänzer, welche mit großer Geschicklichkeit die kleinen dünnen Beine 
nach dem Tacte setren, und durch ihre dem Menschen nachgeahmten 
Bewegungen unwillkührlich zum Lachen reizen; man bewundert an 
dere, welche, gleich dem berühmtesten Seiltänzer, auf einer stramm 
gezogenen Schnur die gefährlichsten Sprünge vollführen, und mit 
erstaunlicher Sicherheit Kopfüber mehrere Male, wie die Flügel ei 
ner Windmühle, sich herumdrehen; ja man weiß nicht, ob man sei 
nen Augen trauen darf, wenn man das sonst so schüchterne Kana- 
ricnvögelchcn bei dem entsetzlichen Knall einer Pistole gleichgültig 
bleiben sieht. Es stellt sich auch wohl, als wäre es von dem Geschoß 
tödtlich getroffen; dann fallt es taumelnd hin, zappelt mit den Flü-
        
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