Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

318 
Schrecken- und der Ueberraschung, und der Löwe, der Affe und die 
Schlange traten in den Saal. Der Affe ritt auf dem Löwen und 
hielt die Schlange um seinen Arm gewickelt. Als sie hereinkamen, 
brüllte der Löwe, der Affe grunzte, und die Schlange zischte. — 
Ha! da sind die Thiere aus der Grube, rief Vitalis, von Entsetzen 
ergriffe» bei diesem Anblick. — Herr Vitalis, begann der Vor 
sitzer der Inquisitoren, als die Verwirrung, welche diese Erscheinung 
hervorgebracht, ei» wenig gewichen war, Ihr fragtet, wer Masaccios 
Zeugen wären; Ihr seht, daß Gott sie zu rechter Zeit vor die 
Schranken unseres Gerichts geschickt hat. Wenn also Gott gegen 
Euch gezeugt hat, so würde» wir vor ihm schuldig sein, wenn wir 
Eure Undankbarkeit nicht bestraften. Euer Palast, Eure Güter sind 
eingezogen, den Rest Eurer Tage werdet Jbr in einem enge» Ge 
fängniß zubringen; geht! Und du, fuhr er, sich zu Masaccio wen 
dend, fort, der unterdessen seinen Löwen, seine» Affen und seine. 
Schlange liebkoste, da ein Venetiancr dir einen Marmorpalast und 
deiner Braut eine Aussteuer versprochen, so wird die Republik Ve 
nedig das Versprechen erfüllen; Vitalis Palast und Güter sind dein. 
Ihr, sagte er zum Schreiber des Gerichts, Ihr verfaßt einen Be 
richt über diese ganze Geschichte, und macht sie dem Volke von Ve 
nedig bekannt, damit cs erfahre, daß das Gericht der Staatsinqui 
sitoren nicht minder billig als streng ist. 
Masaccio und seine Frau lebten lange Jahre in Vitalis Palast 
mit dem Affen, dem Löwen und der Schlange, und Masaccio ließ 
sie auf einer Wand seines Palastes darstellen, wie sie in den Ge 
richtssaal traten, der Löwe den Affen, und der Affe die Schlange 
tragend. 
Anekdoten von Thieren, 
ii. 
Oer treue «Kanarienvogel. 
. Wer von unser» jungen Lesern kennt nicht das niedliche Vögel 
chen mit dem klugen Auge und dem schöne» gelben Gefieder, und 
wer hätte nicht schon zu bemerke» Gelegenheit gefunden, wie dieses 
über das große Weltmeer zu uns herübergekommcne Kind des Wal 
des seine Freiheit entbehren und auf den engen Raum eines Bau 
ers, höchstens einer Stube sich beschränken gelernt habe. Eö ist 
heut zu Tage in vielen Familien heimisch, und gewiß manche unserer 
jungen Leser werden durch seinen schmetternden Gesang aus dem 
Morgentraum gestört. Das Thierchcn ist der Liebling der Reichen 
wie der Armen, und von Beiden ist es gern gelitten. Bei den er 
steren findet Ihr es in prachtvollen Bauern, in Gittern von Bronze, 
in deren Mitte ein Ring hängt, auf dem das Thierchcn sich ge 
schickt zu schaukeln weiß und dann noch einmal so pfiffig und nied 
lich aussieht; bisweilen sitzt es auch wie in einer grünen Laube, wenn
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.