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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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„Die Stürme durchfahren die Lust und schleudern Wolken auf 
Wolken," sagt ein Dichter. Aber cS giebt noch einen dritten Him 
mel, von dem sprach ich zu meinem kleinen Freunde und sagte, 
seine Schwester sei da, und Luther sprach von diesem zu seinem 
Söhnchen. Ob der auch mag hinaufgesehen haben in das Blau 
über seinem Haupte, und dort die Engel gesucht, die mit den Kin 
dern spielen, und den schönen Garte» mit den goldenen Früchten? 
Uns allen wenigstens ist es natürlich, wenn wir an Gott denken 
und an die, welche hinweg gegangen sind von der Erde, und von 
denen wir hoffen, daß wir sie selig nennen dürfen, hiiiauszuschauen 
mit dem leiblichen oder geistigen Auge, und so thun wir eS auch 
wohl beim Gebet; aber was bedeutet daS nun eben? 
Unser Gott ist im Himmel, so sagen wir, und meinen damit, 
daß er unendlich über uns erhaben sei. So viel der Himmel höher 
ist als die Erde, so sind meine Gedanken höher denn eure Gedan 
ken, und meine Wege denn eure Wege, spricht der Herr; also das 
ist das Eine. 
Aber um mir die Sache recht auSzudenken, habe ich mir noch 
etwas anders vorgestellt bei den Worten: Unser Vater im Himmel. 
Wenn ich auf einem Hügel oder Berge stehe, wo ich eine weite 
Aussicht habe, so scheint der Himmel rings herum aufzuliegen auf 
der Erde, und der Kreis, welchen ich überschauen kann, wird be 
grenzt durch eine Linie, in der Himmel und Erde sich berühren. 
Das, was ich da Himmel nenne, umschließt, umfaßt, umarmt den 
Erdboden auf dem ich lebe; der Himmel trägt meine Erde. So 
umfaßt Gott, der liebe Vater, der Herr über Alles, diese kleine 
Erde mit allen ihren Geschöpfe» und Bewohnern. Wie eine Mut 
ter ihre Kinder in den Armen hält, sie an sich drückt, um ihnen 
recht ihre Liebe zu zeigen, um sich recht ihrer Liebe zu versichern: 
so umgiebt der himmlische Vater mit seiner unendlichen Gnade alle 
Geschöpfe, und die vernünftigen unter ihnen sollten daS fühlen und 
empfinden; scheine» doch Blumen und Gewächse, die Vögel und 
die andern Thiere ein Gefühl davon zu haben, wenn jene blühen 
und rauschen und duften, und diese singen und springen und jauchzen. 
Was ich da Himmel nenne, das ist ja eigentlich die Luft, die 
alles dicht umgiebt und durchdringt, die mich hält und trägt von 
allen Seiten. So umgiebt Gottes Geist und durchdri'ngt Alles, 
und trägt und halt mich, daß ich bin und lebe, und ist doch überall. 
Lasset Euch das nicht zu hoch dünken, lieben Kinder, was ich 
da gesagt habe, cS liegt ja uns Alle» allzu nahe; und ich möchte 
gern, daß Ihr verständig dächtet, nicht nur über das Sichtbare, 
sondern auch über das Unsichtbare, wovon doch unter Chrisilichen 
Leuten auch wohl die Rede kommt. 
A. Merzet.
        
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