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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Cyrus, wie ich diesem Zweige gethan habe. Da gerieth der König 
in Wuth und stieß die Schwester und Gattin so hart mit dem 
Fuße, daß sie starb. 
Wenn aber ein Mensch so Schreckliches begeht und bereut es »i'cht, 
und thut nicht von Herzen Buße, daß er Vergebung empfindet, so wird 
er immer wilder und toller in seiner Leidenschaft, und ist da kein 
Aufhalten mehr: so ging es dem Kambyfts. Er ergab sich beim 
Mahle dem unmäßigsten Trunk, und that dann, was man kaum von 
einem Menschen glauben sollte. Einst bei Tische fragte er seinen 
Freund, der den Auftrag wegen deS Bruders ausgerichtet hatte, 
was die Perser von ihm hielten, und da der Mann antwortete: 
Herr, sie loben dich sehr, nur meinen sie, du seist im Trinken nicht 
mäßig genug: so stand grade der Sohn des Gefragte» nahe bei in 
der Halle. Da nahm Kambyfts einen Bogen und sprach: daß die 
Perser damit lügen, sollst du gleich sehen; denn wenn ich deinen 
Sohn mit meinem Pfeile mitten in das Herz treffe, so wirst du 
wohl zugeben, daß ich nicht betrunken bin. Und er schoß und ließ 
den getödtetcn Knabe» aufschneiden, da fand man den Pfeil grade 
im Herzen stecken, und der König fragte den Vater, ob er wohl je 
einen bessere» Schützen gesehen habe. Mit niedrigem Kncchtssinn 
antwortete der Mann: Herr, ich glaube, ein Gott selbst kann so 
gut nicht schießen. Aber cs möchte kaum ein Teufel so Böscö thu» 
wie jetzt KambyscS, denn so ließ er einst zwölf Perser, die nichts 
verbrochen batten, lebendig in die Erde graben bis an de» Köpf. 
Darüber und über das Ändere machte ihm sein Begleiter, der Kö 
nig Krösus, vernünftige Vorstellungen, er aber befahl, auch diesen 
zu tödten; und aiS die Diener ihn nur verbargen, weil sie voraus 
sahen, ihr Herr würde bald wieder Verlangen tragen nach deS Man 
nes Gesellschaft, da freute sich KambyscS zwar hernach, daß er den 
Freund noch am Leben sahe, die Leute aber ließ er tödten, weil sie 
feinen Befehl nicht vollzogen hatten. So wüthete er gegen seine 
Landsleute, wieviel schlimmer mußten es die besiegten Völker unter 
ihm haben. Es schien ihm in Memphis zu gefallen, aberden Aegyptcrn 
konnte unmöglich gefallen, was er that; denn er ging in ihre Tem 
pel und stieß die Götterbilder um, öffnete alte Gräber und warf 
die Leichen heraus. Das nimmt ihm denn mit Recht der alte He- 
rodot besonders übel und sagt: Wer sich so versündige an eines 
Volkes Brauchen, der müsse offenbar ganz rasend sein; denn jedes 
Volk habe seine eigenen Hciligthümer und wolle die geehrt sehen, 
und Pindar, der Griechische Dichter, hatte Recht, der da spricht: 
Die Sitte ist Aller König. — Merke: Es müssen die Götzenbil 
der zwar fallen in allen Ländern, aber die christliche Religion setzt 
den Glauben an den Einen, wahre» Gott an ihre Stelle; und Kam- 
byses verhöhnte bloß, was den Menschen heilig war, ohne daß er 
ihnen' etwas Besseres dafür geben wollte. 
Aber das Schicksal ereilte ihn endlich wegen seiner Thaten; denn 
daheim in seinem Vaterlandc brach eine Empörung wider ihn aus,
        
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