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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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und darum ist Gott allgegenwärtig; dennoch lehrt uns der Herr 
beten: Vater unser, der Du bist im Himmel. Wie ist das zu verstehen? 
Ich hatte einen kleinen Knaben zum Freunde, dem war seine 
Schwester gestorben, und er grämte sich sehr und suchte die Gespie. 
lin überall und fragte oft: Wo ist Adelheid? So war er eines 
Tages auch bei mir, und et war in einem Garten im Frühling, 
der Himmel blau und hell über uns ausgespannt. Der Kleine ge 
dachte wieder seiner Schwester und fragte auch mich: Wo ist. Adel 
heid? und ich antwortete und hatte mich eigentlich lange darauf ge 
freut, ihm das z» sagen: Deine Schwester ist im Himmel bei Gott. 
Da blickte der fünfjährige Knabe hinauf zu dem blaue» Gewölbe 
über uns und fragte weiter: Wo? — Und ich mußte eine Weile 
schweigen, herzliche Rührung ergriff mich, und ich konnte ihm wei 
ter nichts sagen, als was er wohl schwerlich verstand: Das ist ei» 
andrer Himmel, wo Adelheid jetzt ist, als der da oben. Lieben 
Kinder, im vorigen Jahrgange dieses Blattes hat ein schöner Brief 
von Dr. Martin Luther gestanden, wo der Mann Gottes seinem 
Sohne Hänschen den Himmel beschreibt, in de» die fromme» Kin 
der kommen,, und wir Großen auch, wenn wir Gottes Willen thun. 
Denkt Euch diesen Himmel, so schön Ihr mögt; aber ich so wenig 
wie irgend ein andrer kann Euch sagen, wo er ist. 
Es ist ein Dreifaches, was wir mit dem Worte Himmel be 
nennen. Wenn Ihr in der Nacht aufschauet zu dem dunklen Ge 
wölbe über Euch, , an den« die unzählige» Sterne glänzen wie gol 
dene Knöpfe, das ist der eine Himmel, und in diesem Sinne sagt 
die Schrift: die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und seiner Hände 
Werk zeigt an dqS Firmament. Das Firmament, das heißt die 
Feste; es ist ja aber kein fester Bau, den wir da oben sehen; son 
dern wen» die Sterne uns zwar so erscheinen, als seiet« sie an ei 
ner großen Saaldccke befestigt: so wissen «vir doch, daß sie alle i» 
unendlicher Weite von einander stehen, und in unermeßlichen Bah 
nen umeinander hinrolle». 
De» zweiten Himmel sehet Ihr, wenn der erste Euch unsicht 
bar geworden ist, und er ist es, der jene» bedeckt; ich meine den 
Wolkenbiinniel. Wenn im Sommer schwere Wetterwolken den 
Gesichtskreis umlagern wie Gebirge, wenn sie dann heraufsteigen 
und dicht über uns stehen, daß kein Sonnenstrahl hindurch kan», 
wen» alles /«rau ist und dunkel uin uns her, da cS doch Tag ist, 
dann reden wir voin trüben, schweren Hiinniel. Bon diesem sagt 
die Bibel: Gott rollet ihn wie ein Gewand, und so ist eS ja. 
Wenn das Wetter vorüber gezogen ist und die Sonne in der Abend- 
gegend wieder hervorbricht, dann wälze» sich die Wolken von ihr 
rückwärts und ziehen davon, und ein andrer Hiniincl ist wieder da. 
Oder wenn im Frühling cs stürmisches Wetter ist, wie fahren dann 
die Wolken so schnell dahin, vom Winde gejagt. Wie ei» Soldat 
seinen Mantel aufrollt, so rollt Gott diesen Himmel; wie der Hund 
die Schafe jagt, so der Wind die Wolken.
        
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