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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Störche, bald einen der lästigen Frösche, bald eine der schädlichen 
Schlangen im Schnabel haltend, zum Neste flogen, mit Sorgsalt 
den Frosch oder die Schlange zerhackten, und mit altcrlicher Aärllich- 
teit die Speise unter ihre Jungen vertheilten; dann selbst nebe» ein 
ander friedlich weilten, Schnabel gegen Schnabel gekehrt, indem der 
Eine auf dem Rande des Nestes stand und der Andere im Neue saß; 
und auch, wie die junge», herangewachsenen Störche ihre Ältern, 
wenn diese auf einer Reise Schaden genommen oder alt und schwach 
geworden waren, mit kindlicher Liebe und Dankbarkeit warteten und 
„ährten. Diese Aufinerksamkeit, die der Bauer de» Störchen be 
wies, verdroß eine Elster, deren Nest von ihm schon mehrmals auf 
einem hohen Birnenbaume seines Gartens zerstört worden war. — 
„Laß mich nur wenigstens wissen," sprach sie daher eines Tages 
zu dem Bauer, „warum du so gern neben den Störche» wohnst, 
und warum du nicht auch nebe» mir wohnen willst?" — „Das will 
ich dir wohl sagen, du zänkische und diebische Elster!" antwortete 
der Bauer; „ich wohne ungern bei dir, aber gern bei den Stör 
chen, weil mir da am wohlsten-ist, wo Unschuld, Liebe und Ein 
tracht wohnen." 
Der Sperber. 
Ein Sperber wohnte unter Dohlen, Krähen und Elstern, und 
wurde von diesen wegen seiner Größe, Schnelligkeit und Stärke all 
gemein bewundert. Wo er sich sehen ließ, da umkreisete ihn, in ehr 
furchtsvoller Ferne, ein Heer dieser Vögel, stimmte jubelnd ein, wenn 
er seine Stimme erhob, und spendete mit Schnabel und Flügel Bei 
fall, so oft er einen armen Sperling erjagte. — Hierdurch stolz ge 
macht, sprach er bei sich selbst; „Was willst du unter diesen elenden 
Dohlen, Kraken und Elstern?" machte sich auf, verließ das Thal und 
flog den hohen Alpe» z». — Aber ach! wie ward ihm hier, als er 
sich von großen, starken Adlern und Lämmergeyern umgeben sah, die 
auf Ziege» und Lämmer Jagd machten, und vor denen er in den 
hohen Lüsten selbst von Dohlen, Krähen und Elster» nicht mehr be- 
merkt wurde? — 
Zweisylbige Charade. 
Auf meinem Erste» liegt das Rind, 
Damit es bald an Fett gewinnt. 
Die Zweite wird, wen» wir sie pflegen, 
Uns reiche Frucht zu Füßen legen. 
DaS Ganz' erhebet stolz sich in die Lüfte, 
Auf einem großen Haufe ohne Grund/ 
Geht cS durch Blitz, Geschütz und Sturm verloren, 
So sinkt das Haus oft in den tiefsten Schlund. 
Förtsch. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. ü.
        
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