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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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sie». Erst ergriff mich der eine, nahm mich hoch mit empor in die 
Lust und schleuderte mich dann hernieder, dem andern z», der, nach 
dem er schwerer noch den Frevler getroffen, weit über den Umkreis 
der Bah» hinweg, zu den Füßen meiner schaudernden Gespielen 
mich niederwarf. 
Nach vielen Tagen erst kehrte das klare Bewußtsein und die 
Empfindung meiner Schmerzen mir zurück. Langer als ein Jahr 
habe ich auf dem qualvollste» Krankenlager zwischen Tod und Leben 
geschwankt, und nur ein Wunder Gottes und der ärztlichen Kunst 
machte meine vollkommene Genesung möglich. Der geschickteste Dok 
tor der nahen Hauptstadt übernahm, ohne selbst auf Gelingen zu 
rechne», die unendlich schwierige Kur. Denn ich war im eigentli 
chen Sinne des Wortes gerädert. Eine Hüfte, beide Arme und 
mehrere Rippen fanden sich bei der Untersuchung zerbrochen, am ent 
setzlichsten jedoch war mein Kopf beschädigt. Man sieht »och jetzt 
die Spure»; nicht die Natur hat mich so häßlich gestaltet, nur mein 
ssindlichcr Uebcrmuth ist Schuld an der Entstellung meines Gesichts. 
Diese breite, eingedrückte Nase, die ungleiche, zusammengepreßte Stirn, 
die Nähte und Narben auf Wangen und Kinn, der kakle Schädel, 
de» nach tausend Operationen nie wieder ein Haar bedeckte, diese 
Mängel alle sind die traurigen Zeichen, welche jene unglückliche Mi 
nute für das Leben mir ausdrückte. Zudem hatte der jahrelange 
Schmerzenskämpf, mitten in den Jahren der Entwickelung, mein 
Wachsthum zurück gehalten, ich blieb klein und verkümmert und habe 
nie die Kräfte erlangt, welche ich ohne meinen Unfall haben würde. 
Doch ich wollte nicht klagen, hätte mich, den Schuldigen, allein 
dies schreckliche Gericht getroffen, leider wurden aber auch meine ac- 
inen Elker» die Opfer deffelve». Die Mutter, ohnehin eben krank, 
starb vor Schreck, als man ihr das einzige gcllebte Kind blutig und 
zerschmettert in'r Haus trug, und der Vater ward durch den tägli 
chen Anblick der Oual, durch Noth und Elend, die in Folge der 
langwierigen Kur und deS gänzliche» Mangels an Verdienst ihn tra 
fen, so heruntergebracht, daß er gleichfalls nicht meine völlige Wie 
derherstellung erlebte. 
Schwach wie das kleinste Kind, arm wie ein Bettler und so 
entstellt, daß Jeder meinen Anblick scheute, wäre ich das verlassenste 
Geschöpf auf Erden gewesen, hätte der Retter meines Lebens, der 
wackere Arzt, sich nicht auch ferner und mehr noch als früherhin, 
meiner angenommen. Er wußte am beste», wie sehr ich seines 
Schutzes bedurfte. Mein Kopf war zwar geheilt aber »och so empfind 
lich, daß die geringste Berührung, jede noch so leichte Bewegung, der 
ich bei dem Leben unter fremden, »»wissenden Leuten ausgesetzt gewesen 
wäre, das Wunderwerk seiner Kunst und Mühe wieder zerstöre» konnte- 
So »ahm er mich denn lieber in sein Haus, schenkte mir noch Iah. 
relang die sorgsamste Aufsicht und Pflege, und adoptirte mich später 
da er selbst keine Kinder hatte, als seine» Sohn. ' 
Doch nicht nur Gesundheit, Liebe und Pflege habe ich diesem
        
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