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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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ter begann statt seiner die Erzählung dessen, was diesen räthsclhasten 
Zustand veranlaßt hatte. 
Der Brief, worin du uns deine heutige Ankunft meldetest, h>st> 
sie zu ihrem Gatte» gewendet an, traf Mittag erst hier ein. Du 
kannst denken, welche Freude er verbreitete. Wilhelm besonders war 
außer sich vor Lust, er konnte nicht mehr arbeiten, nicht mehr ruhen, 
und bat so lange bis ich ihm erlaubte, auch den Leuten, die währ 
rend deiner^ Abwesenheit fleißiger waren als du es verlangt hattest, 
jetzt schon Feierabend zu geben. 
Im Nu standen alle Mühlräder still, Jeder ordnete, schmückte 
und bereitete Alles zu deinem Empfang. — Endlich gegen Abend 
hatten wir unsre kleinen Vorbereitungen beendet, und voll Ungeduld 
dich zu sehen, ging ich mit Wilhelm zur Landstraße, dir entgegen. 
Ich möchte aus die Windmühle steigen, sagte der Kleine, nachdem 
wir ein Weilchen gegangen waren, von der Gallerie dort oben sicht 
man noch ein Stückchen weiter in's Land, erlaubst du's liebe Mut 
ter, und kommst du mit? 
Ich war den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, schon das 
Gehen ward mir sauer. Klettre immer allein hinauf, antwortete 
ich, die steile Treppe kannst du dir zu steigen ersparen, vorn auf dem 
Berge kannst du eben so gut die Gegend überschn. Die Mühle 
steht ja still, da leid' ich's gern, nur wenn sie geht, darfst du nie 
mals dieser Stelle nahen. Der Knabe hüpfte fröhlich fort, während 
ich, an der Hecke weiter wandelnd, von hier aus de» Weg übersah. 
Plötzlich rollte ein Wagen aus der Tannenschoiiung hervor. 
Der Vater! dachte ich im ersten Augenblick, erkannte aber bald mei 
nen Irrthum, denn ein fremdes Gesicht schaute aus dem Verdeck 
nach der Mühle hi», von deren Vorderseite Wilhelm mir zuwinkte. 
Er mochte wohl daraus, daß ich ruhig stehn blieb, schließen, daß das 
an mir vorüberrasselnde Fuhrwerk ein freindcS sei, denn auch er ver 
ließ seinen Wachtposten nicht und schien aufmerksam zu spähen, ob 
nicht ein zweites sich nahe. 
Mich verlangte indeß darnach, meinen kleinen Begleiter wieder 
bei mir zu haben, schon zog ich das Schnupftuch hervor ihm ei» 
Zeichen zu geben, da ach, mir graust noch jetzt, wenn ich an 
das Schreckliche zurück denke da fingen die Mühlenflügel an 
sich zu drehen, sah ich mein Kind von ihnen erfaßt, sah eö empor- 
gcschleudert von ihnen, schrie laut auf, rannte einige Schritte weit 
fort, stürzte nieder und verlor das Bewußtsein. 
Erlaubt, daß ich in aller Kürze die Erzäblung beende, nahm 
der Fremde jetzt das Wort. — Schon von' Weitem hatte ich mit 
Entsetzen das Kind unter der Mühle gesehn. Zwar sah ich, daß 
diese still stand, aber ein unbeschreiblich ängstliches Gefühl, das mit 
der schrecklichsten Begebenheit meines eigenen Lebens in Verbindung 
steht, trieb mich den Kleinen fortzureißen, ihn zu warnen, niemals 
wieder einen so gefährlichen Punkt zu betrete». — Rascher ließ ich 
meine Pferde traben, denn noch reichte die Stimme wohl kaum
        
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