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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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an, die aus der Ferne schon mit ihren lustig tanzenden Fliigeln ihm 
ei» freundliches Willkommen zugewinkt halte. 
Fast wunderte eS den guten Mann, daß diese unbeseelte Be 
grüßung die einzige war, womit mau ihn in der Hcimath empfing. 
War er sonst nur einen Tag abwesend, so kamen Gattin und Sohn 
ihm entgegen, war's auch »och so spät, und diesmal schien Niemand 
ihm entgegen zu eilen, trotz der wochenlangen Trennung und der oh 
nehin zum Spaziergang lockenden freundlichen Sommerzeit. 
Es wird doch nichts Ucbles zu bedeuten haben, nicht irgend 
ein Unglück vorgefallen sei»? dachte Hr. Eugelhart und trieb die 
schnaubende» Rosse zu noch schnellerem Laufe an; aber als er nun 
am See vorüber, der die Wassermühle trieb, in den großen Hof ein 
fuhr, die Hausthür schön umkränzt, die Treppe mit Sand bestreut 
und einen fremden Wagen unter dem Schuppe» erblickte, ward die 
ser trübe Gedanke schnell durch den freudigeren verdrängt, daß si 
cher eine angenehme Ueberraschung ihn erwarte, daß Freunde und 
Hausgenossen ihn empfangen würden im festlich frohen Kreis. 
Auch ich will euch überraschen, dachte er, übergab einem Knechte, 
der die Sense auf der Schulter, eben vom Felde heimkehrte, mit 
einem Wink zum Schweigen das Gespann, und schlich, während Je 
ner am Eingang still hielt, leise in daS Haus dem Gescllschaftszim- 
incr zu. 
Alles war hier in der That zum Feste geschmückt und bereitet. 
Blumen und Laubgewinde umkränzten Thüren, Spiegel und Wände, 
der große, zierlich gedeckte Tisch stand i» der Mitte, aber die mun 
tern Gäste mußten im Wohnzimmer versammelt sein, von dort her 
schallten jubelnde Stimmen ihm entgegen. 
Erwartungsvoll riß der gute Engelhart die Thür auf, doch ach, 
wie verschieden war das was er erblickte, von dem, was er im Geist 
sich vorgestellt. Denn als er durch einen Schwarm von Taglöhnern, 
Knechte», Müllerburschen, Weibern und Kindern, mühsam und un 
beachtet sich Bahn gemacht, sah er dort, wohin aller Augen sich wand 
te», in dem kleinen halbgeöffneten Alkoven, Wilhelm, seinen gelieb 
ten Sohn, matt und bleich ans dem Ruhebette liegen und die Mut 
ter neben ihm, die weinend und jauchzend bald des Knaben Hals, 
bald seine Knie umschlang. 
Gott, was ist vorgegangen! rief Engelhart von Angst durchbebt, 
wie finde ich euch wieder? 
Dank dem Allmächtigen und diesem wackern Mann, außer al 
ler Gefahr und voll Freude und Wonne über die Gnade, welche 
uns wiederfuhr, cntgegnete Marie, nachdem sie mit zärtlicher Umar 
mung den ersehnte» Gatten begrüßt, darauf den Schwarm der 
Leute entfernt und einen sehr häßlichen kleinen Herr» dem Müller 
zugeführt hatte. 
Auch der Knabe richtete sich jetzt vom Lager auf und wollte zu 
sprechen beginne», der Fremde jedoch gebot ihm Ruhe, und die Mut
        
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