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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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wohl nicht erkennen, was für ein Todtes ihm vorgezeigt würde. So 
geschah cs, und Cyrus wurde unter Hirten auferzogen, der Enkel 
des Königs wie ein Baucrnkind. Das ist denn das zweite Mal, 
daß uns in der Urgeschichte ein solcher Fall von geretteten Kindern 
vorkommt; wie bei Moses so auch hier. Nur wurde dort das arme 
Kind reich durch die Aussetzung, und hier ein reiche« arm. Es wer 
den uns aber solcher Beispiele noch mehrere begegnen, und eS ist 
wunderbar,.wie zum öfter» in den Men Zeiten besonders königliche 
Herren aus Furcht oder Aberglauben den Tod kleiner Kinder bcfeh- 
lrn, die ihnen dann doch zum Verderben heran wachse». Denn mit 
wen, Gott Großes vorhat, den kann er auch erhalten trotz aller 
grausamen Rathschlage der Menschen; und die Leute sind -recht thö 
richt, die da meinen eine Weissagung zu haben, und ihr entgehen 
wollen durch allerlei Künste. Den» ist es eine Weissagung, so muß 
sie ja auch in Erfüllung gehen, und ist es keine, wozu die Sorge 
und die mühsamen Veranstaltungen? Das ist aber ein Glaube der 
alten Zeit und am Ende eines jeden Menschen: 
Noch Niemand entfloh dem verhängten Geschick; 
Und die sich vermessen cs klüglich zu wenden, 
Die müssen cs selber erbauend vollenden. 
Den Astyages hat das Schicksal auf diese Weise, wie man sa 
gen könnte, fast geneckt. Denn des Cyrus wahrer Stand ward kund, 
als er etwa 10 Jahr alt war. Da spielte er einst mit mehreren 
Hirtenknaben nach Kinderart, daß sie einen unter sich zum König 
machten, und er ward es, weil er ein sehr kräftiger, schöner Knabe 
war, von vielem Muth und Verstand, und demnach bei den übrigen 
sehr beliebt. Es spielte aber auch ein seines Jüngelchen mit, der 
Sohn eines Gutsbesitzers aus der Gegend und Freundes vom Kö 
nige. Der wollte nicht thun, was CyruS ihm befahl, und nach dem 
eben nicht sehr wohlerwogenen Rechte unter de» Knabe» schlug ihn 
dieser ctiyas hart. Da lief das> feine Bübchen weinend zu seinem 
Vater, und der gar mit ihm zum Könige, und verlangte die strenge 
Bestrafung des Hirtenknaben. Der Majestät mochte ein solcher Fall 
Unterhaltung versprechen, und sie beschied den Cyrus vor sich, der 
damals nicht Cyrus hieß. Mit großem Freimuth vertheidigte der 
Knabe sich vor Astnageö, sagte, er sei zum König erwählt gewesen, 
und hätte also volles Recht gehabt den Ungehorsamen zu strafen. 
Unter seiner Rede ward der König immer aufmerksamer auf ihn 
und seine lebhaften Züge; es fuhr ihm wie ein Blik durch das Ge 
müth, dieser Knabe möchte Cyrus sein, denn das Alter^stimmte zu; 
und so rief er denn de» Pflegevater des Knaben herbei, und drohte 
ihm mit der Folter, er sollte ihm die Wahrheit sagen. Da beichtete 
der Hirt, wie alles sich zugetragen hätte, und Astyages erschrak An 
fangs sehr, bis ihn die Magier beruhigten: die Vorbedeutung jene- 
Traunies sei nun erfüllt, den» Cyrus sei ja nun König gewesen,
        
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