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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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führt. Und mit ihm zogen wehklagend die Bewohner von Jerusa 
lem und andere ansehnliche Leute dcS Landes, die der Sieger gesun 
gen in sein Reich bringen ließ, wie es die barbarische Weise des 
Morgenlandes war, wenn ein Volk sollte zu Grunde gerichtet wer 
den. Jerusalem selbst lag schon in Trümmern. Der Tempel und 
der Palast des Königs waren verbrannt und niedergerissen, die mei- 
srcn Häuser der Stadt lagen gleichfalls danieder. Alle Herrlichkei 
ten und Schätze des Tempels wurden geraubt oder zertrümmert; 
was Salomo so prachtvoll hatte errichten lasse», ging jetzt zu Grunde. 
Die Priester wurden weggeführt und i» der Gefangenschaft am bär 
testen behandelt oder gar gelobtet. So war erfüllt, was die Pro 
pheten geweissagt hatten, und dem damals lebenden Jeremias, 
welcher der Gefangenschaft entging, blieb nur übrig, da» Schicksal 
der Stadt Gottes zu beweinen. 
„Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war? Sie ist 
wie eine Wittwe. Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Kö 
nigin in den Ländern war, muß nun dienen. Die Straßen nach 
Zion liegen wüste, weil Niemand auf ein Fest kommt; alle ihre 
Thore stehen öde, und ihre Paläste liegen in Trümmern. Wie ist 
das Gold so gar verdunkelt, und die Kleinodien zertreten! die Steine 
des Heiligthums liegen auf den Gaffen zerstreut. Die Stadt kann 
ihre übrigen Kinder nicht mehr ernähren; sie irren umher und schmach 
ten. Die Drachen reichen die Brüste ihren Jungen und säugen sie; 
aber Zion muß unbarmherzig sein wie der Strauß in der Wüste. 
Dem Säugling klebt seine Zunge am Gaumen vor Durst; die jun 
gen Kinder verlangen Brodt, u»d niemand ist, der eS ihnen breche. 
Die vorher das Köstlichste aßen, verschinachten jetzt auf den Gassen; 
die in Seide erzogen find, müssen jetzt im Kothe liegen. Unsere 
Fürsten sind ermordet, die Alten hat man nicht geehrt; dir Jüng 
linge müssen schwere Lasten schleppen, und die Knaben straucheln 
beim Holztragen. Die Väter des Volkes sitzen nicht mehr unter 
dem Thor, und die Jungen üben kein Saiteuspiek mehr. Unsers 
Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen ver 
wandelt. Die Krone unsers Hauptes ist abgefallen. O wehe, daß 
wir so gesündigt haben!" (Klagelieder Jeremia.) 
In der Gefangenschaft aber zu Babylon klagten die edlen 
Juden: 
„An den Wassern zu Babel faßen wir und weinten, 
wenn wir an Zion gedachten; 
unsere Harfen hingen wir an die Weiden/ 
die im Lande sind. 
Daselbst hießen uns singen, die uns gefangen hielten, 
und in unserm Elend fröhlich sein. 
„Ihr Lieben, singet uns ein Lied von Zion!" 
Wie sollten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande? 
Vergesse ich dein, Jerusalem,
        
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