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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Der Herr Seminar-Direktor Diesterweg hatte am Weihuacbts- 
deiligabend unter ander» Gaben der Liebe seinem achtjährigen Sohne 
Adolph auch einen kleinen Tuschkasten aufgebaut. Der Knabe freute 
sich höchlich darüber, da er ein solches Geschenk sich vor allen an 
dern eifrig gewünscht hatte, und gleich am andern Morgen früh 
probirte er die Farbe» des Kastens, tuschte Bilder damit aus, und 
um die Wcihnachtsfrcuden beisammen zu haben, aß er von dein 
gleichfalls am vorigen Abend empfangenen Pfefferkuchen dazu. In 
feine kleine Arbeit vertieft, begegnet es ihm, daß er den Bissen 
nicht beachtet, den er zum Munde führt, und entweder verschluckt 
er statt eines Stückes Pfefferkuchen die einzeln liegende Tafel grü 
nen Tusch, oder diese ist unglücklicher Weise an dem angefeuchteten 
Kuchen hangen geblieben. 
Nach kurzer Zeit empfindet der arme Knabe Uebclkeit und die 
heftigsten Schmerzen, die Farbe war giftig, und trotz aller ange- 
wandten Mittel und der Bemühung mehrerer Aerzte ist Adolph 
Diestcrweg am vierten Tage nach dem unheilvollen Genuß gestorben. 
Ist seine Todesanzeige also nicht eine Warnungstafel auch für 
Euch, lieben Kinder? Zwar, das sei ferne, daß wir dem lieben 
Verstorbenen irgend einen Vorwurf machen wollten; denn er kannte 
ja so wenig wie seine Eltern die Gefahr, die ihm mit den bunten 
Farbentäfclchen nahe lag; Euch aber wollen wir erinnern, daß viele 
Farben aus Giften bereitet sind, daß Ihr also bei deren Gebrauch 
die allergrößestc Behutsamkeit anzuwenden habt, niemals den Pin 
sel oder die Tuschtafel in den Mund bringet, und das Kästchen 
sorgfältig verwahret: damit Ihr Euer junges Leben nicht in Gefahr 
setzet, das Euch ja wohl selbst lieb ist, und Euren Eltern thcnrcr 
als irgend etwas in der Welt. 
Nun lebet wohl, und spielet überall hübsch vorsichtig, und der 
liebe Gott erhalte Euch Euren Eltern noch lange. ^ ^ ^ 
Räthsel. 
Ein Kind, in stiller Nacht geboren, 
Lebt auf der Erde nur ein Jahr. 
ES ist wie alle seine Brüder 
Und doch verschieden ganz und gar. 
Du magst von ihm wohl manches hoffen, 
Und wenig wird von allem wahr; 
Von Gaben, die cs Dir versprochen, 
Beut eS vielleicht kaum Eine dar. 
Doch wenn Du'S nicht zu heftig liebtest 
Und pflegst es treu doch immerdar, 
Und wenn Du nutzest, was es bietet: 
So weinst Du nicht an seiner Bahr. A. M. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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