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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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ste so lange-er sie nöthig Haftes als er aber -seiner nicht mebr be 
durft«, - erfuhr auch Meliabeth das gewöhnliche Schicksal großer Män 
ner, er erndtete den größten Undank. Man gönnte ihm nicht, die 
Früchte feiner Mülren im häusliche» Kreise zu genießen. Der Neid, 
der gewöhnlich« Begleiter des Ruhmes und Verdienstes, verfolgt« 
ihn; seine Feinde beschuldigten ihn der Veruntreuung öffentlicher 
Getdtr, und brachten er bei dem Könige dahin, daß dieser ihm ohn« 
alle Untersuchung und Anhörung seiner .Vertheidigung in Ketten 
legen und in einen LhurNi einsperre» ließ, welcher von den Flüche» 
des Tigris umflossen 'ward. ^ Halb nackt, mit einem alte» Kittel 
bedeckt, statt aller andern Nahrung mit schwarzem Brede und cinent 
Kruge Wasser versehen, lag er auf Lumpen und Feyen feuchter und 
faulender Matten. Böü Schiückzen gequält, vergesst» von allen 
Mönschen, beklagte der unglückiicift Manu Lag unk Nacht sein har 
tes Schicksal. Was ihn aber am meisten schmerzte, war die Tren 
nung von seine,» einzigen Kinde, seiner geliebten Tochter. 'Diese war, 
da seine Gemahlin früh starb, seine einzige Freude u»d Gesellschaft 
gewesen, und auch sie hatte außer ihm keinen Freund gehabt. Um 
so schmerzvoller war Beide» jetzt die Trennung. Gleich nach des Va 
ters Gefangenschaft hatte eiiie° Tante sich de» unglücklichen KindeS 
in ihrem Elende angenommen, und fünf Jahre lang hatte die lieben 
de Tochter sich nun schon vergeblich bemüht, über den Aufenthalt 
und das Schicksal des Väter» Erkundigung«» einzuziehen, so daß si« 
fast die Hoffnung aufgab, ihn wieder zu sehen. 
Ein Hofmau», früher deS BaterS Freund, dtm der geheime 
Kummer und die Trauer des sehnenden Herzen»--naht' ging, ent 
deckte ihr endlich im Vertrauen de» entfernten Aufenthaltsort de» 
Gefangenen, der unweit der Stadt Bassora sich btffnde. Froh über 
diese Nachricht, dankte Cantimi're dem Freunde und gelobte ihm, 
eher zu sterben, als ihn zu verrathen. Aber ein neuer Kummer störte 
ihre- Freude. Sollte ste ihre Wohlthäterin, ihre Tante, heimlich 
verlasse»? denn von ihr würde sie die Erläubniß zu einem Schritte, 
weicher dem Anstande und der Klugheit widerstritt, nicht erhalten 
habe»/'- Sie war darüber in großer Unruhe. In ihre Auge» kam 
kein Schlaf, und ihr Herz fand nur in Thränen Erleichterung. 
Endlich besiegte die kindliche Liebe jede ander« Rücksicht. Sie schrieb 
zu ihrer Rechtfertigung ihrer Tante unter Thräiren folgende» Brief: 
Theuerste Tante! 
„Sollte ich Ihre Güte und Ihre Sorge um mich mit Undank 
belohnen? Nimmermehr. Dieses Laster ist nie in inein Herz ge 
kommen. Ich liebe und achte Sic, und fühle gegen Sie die lcb- 
' haftest« Dankbarkeit. Wenn ich Sie jetzt verlasse, so geschieht cS 
nur, um endlich meinen Vater aufzusuchen. Ich denke nur an 
ihn und irälime nur von ihm. Ich kan» ohne ib» nicht sein! Le 
ben Sie wohl, liebste Tante. Nie we^c ich Ihre Wohlthaten
        
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