Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

253 
viel Großes und Gutes, und wir erkennen cs selten, und danken 
ihm nicht, wie wir sollten. Darum muß er immer wieder sirasen, 
daß wir ih» fürchten; und helfen, heilen und retten, um zu locken, 
daß wir ihn lieben möchten: denn er ist barmherzig und gnädig, 
geduldig und von großer Güte, und straft nur, um zu bessern und 
zu erhalten. 
A. Merzet. 
Züge von Berufstrcue und Selbstvergessenheit 
bei Estheischen Bauern. 
Im Jahre 1830 ttat der neue Besstzcr ei» Gütchen in der 
Nähe von Dorpat an und fand dort einen Hofknecht vor, der da 
mals 62 Jahre alt, aber »och rüstig und gesund war, und cS den 
jünger« Knechte» im Arbeiten gleich, in redlichem Eifer aber zuvor 
that. Vor etwa 3 Jahren traf ihn das Unglück, auf einer Seite 
gelähmt zu werden, aber das verbinderte ihn nicht, sich bald wieder 
zur Arbeit zu melden. Der Besitzer machte ihn darauf aufmerk 
sam, daß er ja krank sei, und des Lebens Mühe» ihn zur Ruhe 
berechtigten. „Nein," sprach er, „noch kann ich arbeiten und will 
mein Brod nicht umsonst esse»; ich bitte um Beschäftigung." Da 
ward für ihn der früher »och nicht bestandene Dienst eines Nacht 
wächters ersonnen, — und spät und früh hörte man, von Stunde 
zu Stunde des Rastlosen Stimme durch die Nacht ertönen. Selbst 
während der strengsten Winterkälte, aller Erinnerung zuwider, sah 
und hörte man ihn auf seinem Posten. Im Frühling schlug er sich 
eine Hütte auf dem Blcichplatz auf und bewachte diesen. Zwei 
Jahre später (nach der ersten Lähmung), cs mochte im Februar ge 
wesen sein, erfolgte eine zweite Lähmung, »nd warf ihn wieder auf's 
Krankenlager. Kaum hatten ihn die heftigen Schmerzen verlassen, 
als er wieder um Beschäftigung bitten ließ. Die Antwort war: 
er sei noch krank, und wenn er ganz hergestellt wäre, möge er sich 
melden. Aber cs ging mit dem Melden nicht mehr. Da war der 
Frühling eingetreten, die Sonne schmolz den Schnee und das Eis 
weg; die Bleiche ward ausgelegt, ein anderer Blcichwächtcr bestellt. 
Das hörte der Alte scheinbar ruhig an, und ließ einige Tage still 
hingehen. Darauf überredete er seine alte Frau, ihn hinaus zu füh 
re», er wolle sich im Freie» sonnen. Mit Mühe dem Krankenla 
ger enthoben, ward er hinaus geführt; aber nicht diese, nicht jene 
Stelle war ihm recht, bald zu viel Schatten, bald war er dem 
Winde ausgesetzt. „Tragt mich doch in die Hütte zum Bleichplatz," 
rief er aus, „da wird's besser sein." Es geschieht. Kaum dort an 
gelangt, ruft er ironisch auS: „das habt Ihr gut gemacht! Nun 
sollt ihr mich hier auch nicht wegkriegen!" Seine alte Fra» er 
schrak, den» noch war das Wetter sehr rauh, die Nächte waren 
kalt und regnicht. Keine Bitten, keine.Vorstellungen vermochten
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.