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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Vätern gewesen bist, verlaß uns nicht, und ziehe deine Hand nicht 
von uns ab. Du bist der Herr und keiner mehr. 
i A- Merzet. 
Das Opfer der Bruderliebe. 
tBeschluß.) 
Diese, ohne alle ernste Beziehung hingeworfene Aeußerung Ro- 
derigo's fiel nicht auf felsigen Bode», und in der traurigen, aber 
treuen Seele des liebevollen Miguel reifte ei» Plan, den er so gern 
in Ausführung gebracht sehen mochte, wen» es möglich sein konnte. 
Löic? Ist das Herz nicht groß zu nennen, das zu der steilen 
Höhe der Selbstentsagung sich emporgcrungen, das gekämpft hat für 
ein herrliches, köstliches Gut, welches es gern sei» eigen nennen mochte, 
und welches das Leben als Opfer forderte? Wie eS in der dunkle» 
Niedrigkeit armseliger Hütten oft zu geschehe» pflegt, daß sich Lei 
denschaften wider Leidenschaften auflehne» und Kriege gegen einan 
der beginnen: eben so und nicht anders geschieht es oft selbst auch 
auf glänzenden Erdenthronen. Karl IV., Spaniens Beherrscher, 
war der SpielbaU seiner ränkesüchtige» Gemahlin und des Günst 
lings derselben, des logenanten FriedcnSfürstcn. Aufgereizt durch 
Beide gegen den eignen Sohn, den Prinzen von Asturien, suchte er 
demselben den rechtmäßigen Thron zu entreißen, »nd bewirkte durch 
seine Machinationen, daß der allgewaltige Napoleon, der seine Po 
lypenarme nach alle» Kronen ausstreckte, mit gewaltigen Heercsmassen 
in sein Haus einrückte, um — dasselbe für seine Familie in Besitz 
zu nehmen. 
Die Gäbrungen im Volke waren fürchterlich, blutige Kämpfe 
wurden geführt, Tausende fielen unter den eiserne» Würfeln Bello- 
nenS, und noch war kein Ende des mordlustigen Spieles abzusehen. 
Da ward eines Morgens, als die Familie sich eben zum Früh 
stück versammeln wollte, Miguel zu aller Schrecken vermißt. Man 
fucht ihn im Garten, im Gehölz, auf dem Acker, nirgends ist er zu 
finden. Endlich bringt der Sohn des Nachbars, ein allerliebster 
Knabe von 10 Jahren, der stets Miguels Liebling gewesen, einen 
Brief, de» ihm dieser gestern Abend zum Bestellen an die Familie 
eingehändigt hatte. Man erbrach ihn und las: 
„Wenn Ihr dieses leset, bin ich schon weit von Euch entfernt, 
doch mein Herz ist immer bei Euch! Ich muß Dich, mein gelieb 
ter Bruder, glücklich wissen, sonst bi» ich eS selbst nicht! Empfange 
hierbei die gerichtliche Schenkung meines Antheils an dem älter- 
liche» Grundstück nebst beifolgender Summe, die ich redlich er 
worben, da sie mein Wcrbegeld für den Dienst ist, dem ich mich 
fürder gewidmet habe. Sorgt nicht für mich, grämt Euch mei 
nethalben nicht, seid glücklich und vergcßt nur nicht 
Eucrn X."
        
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