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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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schlichten konnten, das wurde dem Könige vorgelegt, und er wußte 
die Wahrheit an'S Licht zu bringen und die streitenden Theile zu 
beruhigen. So ereignete sich einst folgender merkwürdige Fall. 
Zwei Frauen wohnten bei einander in einem Gemach, und jede hatte 
ei» kleines Kind. Da sie aber beide schliefen in der Nacht, erdrückte 
die Eine ihr Kind, und ward eS mir Entsetzen gewahr", und weil 
es bei den. Israelitinnen zu allen Zeiten für eine besondere Ehre 
galt, Mutter zu sein, so raubte sie der Schlafenden ihr Kind und 
legte cs zu sich, das todte aber that sie in da? Bett der Gefährtin. 
Am andern Morgen nun erhob sich großer Streit um das lebende 
Kind, denn seine Mutter erkannte es wohl, aber die andre Frau 
wollte es nicht herausgeben; und sie gingen vor den Richter, doch 
der konnte die Sache nicht entscheiden: so brachte man sie vor Sa 
lomo. 
Da nun von den beiden Frauen jede sprach: es ist mein Kind, 
so ließ der König ein blankes Schwerdt hereinbringen, und befahl 
einem Diener, er solle das Knablein theile», und Jeder von den 
Streitenden die Halste geben. Da sprach die Mutter des Kindes 
(denn ihr Herz konnte sich nicht verleugne»): Ach, mein Herr, gieb 
ihr nur de» Knabe» lebendig und todte ihn nicht; die Andre ober 
entgegncte: Wohlan, laß ihn theilen, er sei weder nicin noch dein. 
Leicht erkannte nun Salomo, welche die Mutter des Kindes wäre, 
und sprach es ihr zu; die Schuldige aber ging mit Schanden.heim. 
Solche Urthcilssprüche erhöhten de» Ruf von der Weisheit des 
Königs sehr, daß unter seinen Bewunderern auö der Ferne auch eine 
Königin von Arabien kam, ihn zu sehen und ihn mit Rätbselfragcn 
auf die Probe zu stellen. So soll sie zwölf Kinder verschiedenen 
Geschlechts, aber gleichen Alters, an Gestalt und Haar und Kleidung 
ununterscheidbar, vor ihn geführt haben, er sollte ihr sagen auf den 
bloßen Anblick, welches die Knaben und welches die Mädchen seien. 
Da ließ Salomo Becken und Wasser herbei bringen, und hieß 
die Kinder sich waschen, und nach der Art wie das ein jedes that, 
stellte er die Knaben besonders und die Mädchen auch. — Hoch ver 
wundert über seine Weisheit verließ ihn die Königin, und sie wech 
selte» reiche Geschenke zum Abschiede; jene aber vermehrte seinen 
Ruhm ist der Fremde. Am meisten jedoch hat er diesen begründet 
durch den 
Bau des Tempels zu Jerusalem. 
Ihm war es vergönnt, den Wunsch seines DaterS David zu 
erfüllen, und dem Dienste des Herren und der BundcSlade ein schö 
nes Haus zu errichte» in seiner Hauptstadt. Darum machte er ei 
ne» Bertrag mit Hiram, dem Könige von TyrnS, der mußte ihm 
Künstler und Handwerker senden, Steinmetzger und Zimmcrlcute 
zum Bau eine« PrachtgebäudeS, und mußte ihm etlaubcn viele tau 
send Cedern falle» zu lassen auf dem Libanon, denn das Gebirge 
gehört zum größten Theil nach Phönicie»; Künste und Handwerke
        
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