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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Herren zufiel, bot dennoch einen Ueberfluß an wohlriechenden, nutzba 
ren Kräutern, die von de» kundigen Söhnen mit Emfigkeit aufge 
sucht und gesammelt, und an die Apotheker der benachbarten großen 
Städte verkauft wurde»; auch halfen sie dem Vater treulich in der 
Pflege und Bearbeitung des Gartens, in welchem sie Kümmel, Anis 
und die nutzbare Baxillc erbauete», aus der man eine so heilsame 
Asche zu brennen pflegt; nebenbei trieben sic noch einen nicht unbe 
trächtlichen Handel mit Honig, den man hier in besonderer Güte und 
Menge gewann. 
Eine seltene, aber um so rühmlichere Rechtlichkeit und unver 
kennbare Gradheit bezeichnete alle Glieder dieser Familie, die sich 
nicht nur in allen ihren Worten und Aeußerungen, sondern auch in 
jeder ihrer kleinsten Handlungen kund that, und die ihrem Thun 
eine gewisse Würde verlieh, welche sich die Achtung und den Beifall 
guter Menschen um sie her erwarb. „Lieber betteln gehen, als auf 
eine unredliche Weise erwerben, lieber entbehren und darben, als auf 
Unkosten der Tugend und Wahrheit schwelgen," das war der Grund 
satz, den Vater und Mutter schon gleichsam mit der ersten Milch 
ihren Kindern einzuprägen wußten, und der mit den zuneh 
menden Zähren ihres Wachsthums auch immer fester in deren 
Seele wurzelte. Blühend, wie der Boden, den sie bewohnten, den 
sie anbauetcn, sproß auch die Jugend der beiden Knaben empor; in 
seltener Kraft, durch die heitere, gesunde Gebirgslust erzeugt und ge 
nährt, und von anziehendem Liebreiz, war ihr Verstand gesund und 
ihr Herz unverdorben von dem Gift der Bosheit und des Lasters, 
weil sie Mäßigkeit liebten und den Fleiß, die zwei unerschütterlichen 
Grundfesten irdischer Glückseligkeit. Rvderigo, der ältere der Söhne, 
stark und nervig, mit Rabenlocken um den Kops, hochemporgeschos 
sen gleich der Tanne in Germaniens Forsten, vereinte mit seiner Kör 
perstärke ein muthigcS Herz, aber zugleich auch die Hitze deS Sü 
dens, die oft bei nur geringer Veranlassung rasch und'schnell em 
porlodert, und häufig verderblich zu werden beginnt. Miguel dage 
gen, ganz gegen die Weise und Natur des Südens, mit blondem 
Lockenhaupte, war von kleinerm Wüchse, dabei zwar durchaus nicht 
schwach, doch aber dem Bruder hierin nicht zu vergleichen. Aus den 
blauen Augen blickte das sanfteste Herz von der Welt, und wen er 
damit anschauete, der erkannte es bald, welch eine Fülle von Lieb' 
und Güte darin wohnte. Dennoch niüsse» wir es Rodrigo zum 
Ruhme nachsagen: daß er seine angeborene Heftigkeit und flammende 
Hitze gegen den Bruder, welchen er aufrichtig liebte, häufig mäßigte, 
und alles that, diese Leidenschaft, die, falls sie den Menschen beherrscht, 
ihm zum Verderben gereicht, möglichst zu unterdrücken. 
Wie glücklich fühlten sich die Eltern, sahen sie das blühencd 
Kinderpaar vor sich, das, mit Fleiß und reger Thätigkeit, im frohen 
Bewußtsein seiner körperlichen Gesundheit, gern allen, auch noch so 
beschwerlichen, Arbeiten sich unterzog, denen sein Stand nach der 
damalige» Logender Zeit (es war in den verhaiignißvollen Jahren,
        
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