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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Fabeln. 
Der Platzregen. 
Seit Monaten war kein labender Regen oder Thautropfen auf 
die jungen Saaten gefallen. Sie drohten zu verschmachte», und der 
Landmann flehte, den Blick zum Himmel gehoben, um Segen für 
seiner Hände Arbeit. — Das rührte eine Regenwolke, die ein Sturm 
wind über jene lechzenden Saaten führte; sie vergoß Thränen, die 
in einzelnen großen Regentropfen herab fielen, und war ihrer vor 
Rührung und Begierde zu helfen, so wenig mächtig, daß fie mit 
einem Male de» ganzen Sergen ihres Schoofies auf die dürren Saa 
ten ausschüttete. Aber ach! wie viele junge Pflänzchen wurden durch 
den heftigen Regenguß entwurzelt oder umgeknickt, und wie wenig 
konnte die Feuchtigkeit, die, mit Staub vermischt, von de» Feldern 
wieder hcrablief, in den ausgetrockneten Boden eindringen! — 
-Auch beim Wohlthun ist weise Umsicht nöthig. K. 3. 
Der Wcinstock und der wilde Apfelbaum. 
Ein Wcinstock und ein wilder Apfelbaum standen in der Nähe. 
Der Apfelbaum trieb, schon bei den erste» wärmenden Sonnenstrah 
len, neben seinem zarten Laube große, weiß und roth gemalte Blü 
then, die verzüglich schöne Früchte zu verheißen schienen. — Der 
Weinstock blühte weit später und in so kleinen, farbenloscn Blüthen, 
daß sie von den Vorübergehenden kaum bemerkt wurden. Als aber 
die Blüthen des Apfelbaum» sich zu Früchten bildete», erwuchsen 
nur kleine, grünliche Aepfelchen, deren hartes und saures Fleisch nie 
mand genießen konnte; die Blüthen des WeinstockeS dagegen schwol 
len bald darauf zu großen, saftreichen; süßen Trauben an. 
Wer viel verspricht, hält oft wenig. K- Z- 
Der Schäferhund und die Schafe. 
„Phylax, gib auf die Heerde acht!" 
So sprach der Hirt zu seinem Hunde: 
„Zch gehe fort auf eine Viertelstunde." 
Phylax versetzt': „Ich halte Wacht, 
Und mach' indeß um sie die Runde." 
Der Hirte geht, doch Phylax streckt 
Gemächlich auf das Gras sich nieder. 
Wo er, des Amts vergessend, seine Glieder 
Behaglich in die Sonne reckt. 
Der Hirte kommt und sehr erschrickt, 
Als er zerstreut die Heerd' erblickt, 
Und zu sich spricht er ärgerlich: 
„Verlass auf Andre keiner sich!" K.Müchler. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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