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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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tobte, etwas so Unheimliches, daß dem kleinen Begleiter, welchem 
Ephraim ein gang anderes Bild von dem rüstigen Andreas entwor 
fen hatte, fast bange i» der Nähe des stummen, traurige» Mannes 
ward. 
Auch Sarah, deS Juden Weib, die ihn nach beendetem Kauf 
in ihrer kleinen Wohnung mit tausend Beweisen der Freude und 
Dankbarkeit überhäufte, konnte den Betrübten nicht aufheitern, noch 
weniger ihn bewegen, bis zu Ephraims bald erfolgender Rückkehr 
bei ihr zu verweilen. 
Es ist mir ein großes Unglück begegnet; wenn ich wiederkomme, 
will ich'S euch mittheile», war das Einzige, was er ihr von seinem 
Leid enthüllte, und fort gings dann wieder zum Thore hinaus, der 
Stätte seines Jammers entgegen. Denn es zog ihn mit unbeschreib 
licher Sehnsucht zu dem Leichnam seines Kindes hin, und ob ihm 
gleich bangte vor dem Augenblick, wo er also mit ihm heimkehrend, 
das entschliche Unglück den Seinen offenbaren müsse, dennoch wollte 
er diesen Zeitpunkt beschleunige». Der Trost deS frommen Vaters, 
das Mitgefühl seiner Elisabeth thaten ihm Noth, sollte er nicht ver 
zweifeln und verzagen. 
So näherte sich der Aermste dem wohl bekannten Ort; drei 
Tannen, die mit ihrem düstern Grün den kleinen Hügel überschatteten, 
machten ihn schon von fern her seinem Blicke kenntlich. Doch — 
welch neues Entsetzen drang auf den armen Vater ei», als er wohl 
jedes andre Zeichen, aber nicht die Leiche seines Kindes wiederfand. 
Die Vertiefung im Schnee war noch deutlich zu erkennen, Fußtapfen 
rings umher, sonst keine Spur, Alles öde und leer. 
Zwei Möglichkeiten, eine so schrecklich wie die andre, stellten sich 
dem trostlose» Andreas jetzt nur dar. Entweder hatten die Wölfe 
in der Nacht den Leichnam ansgcwühlt und verschlungen, oder Men. 
schc» fanden ihn auf, und hatten dann auf jeden Fall schon Anzeige 
von ihrer Entdeckung gemacht. Harte Strafe, Einbuße des Geldes, 
womit er die Seinen aus der Noth zu reißen dachte, Gefängniß 
und langes Getrenntsein von Allem, was er liebte, unter diese» schau 
rigen Bildern irrte setzie gequälte Phantasie jetzt umher. Und was 
sollte er thun? Sich retten und seiner Familie Hülfe bringen? Durch 
den nahen Wald sich zur Heimath stehlen und abwarten, ob der Arm 
der Gerechtigkeit ihn treffen oder verschonen werde? Doch dann 
blieb ja die fach, vielleicht doch noch aufzufindende) Hülle seines Kin 
des hier zurück. Er säh im Geist,'wie man die ilim so theueren 
Uebcrreste öffentlich ausstellte, um auszuforschen, ob Niemand sich z» 
ihnen bekennen werde. Er sah, wie Gleichgültigkeit und roher Sinn 
sie entweihten, wie sie endlich verscharrt wurde», ohne daß fromme 
Lippen de» Segen darüber aussxrache», ohne daß eine liebende Thräne 
ihnen nachsank. Er sah — doch nein, es war schon genug a» die 
sen Vorstellungen, sie waren ihm bittrer noch als Strafe und Ge 
fängniß. Mochte kommen, was da wollte, Gewißheit beschloß er auf 
jeden Fall zu suchen. Gott, Gott erbarme dich mein! flehte der ge-
        
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