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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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ihn fragte; doch hörte er ihn anfangs laut schnarchen und war froh, 
daß er auf diese Art die schweren drei Stunden, die ma» gewiß noch 
auf der Reise zubringe» mußte, ruhig verschlafe» werde. Denn da 
bei ist man immer warm, dachte er; komme ich auch noch so erfro 
ren zu Haus, kann mich durch keine» Trunk, durch kein Feuer auf- 
thauen, kaum schließt der Schlaf die Augen, ist alle Kälte vorbei. 
Dem kleinen Braunen mußte das ununterbrochene Traben in 
so arger Kalte gleichfalls schlecht behage», er machte seinem Herrn 
so viel zu schaffen und schien so matt und erschöpft, daß dieser für 
nothwendig erachtete, ihm in einer kleinen, nahe vor Warschau liegen 
den Schenke noch eine Stärkung zu reiche», das Steinpflaster greift 
nachher noch tüchtig an, und was Hilsts, wenn wir übermorgen nicht 
wieder zu Haus kommen, oder bas Thier gar krank wird, dachte er, 
hing dem Pferde das Hafersäckchen um, besorgte einen Eimer Was 
ser und steckte dann den Kopf unter das Verdeck des Karrens, um 
nachzusehen, ob sein kleiner Schläfer noch gut zugedeckt sei und im 
mer noch fortträume. Wirst große Augen machen, wenn du aufwachst 
und die schöne Stadt siehst, murmelte' er vergnügt vor sich hin. 
Glänze» doch die Lichter bis hier herüber; so hell wie bei Tage muß 
es driuuen sein.- Gott sei Dank, daß wir glücklich so weit gekom 
men sind. 
Ach wie bald machte die sich also äußernde Freudigkeit des gu 
ten Andreas dem bittersten, verzweiflungsvollste» Jammer Platz. 
Denn kaum hatte er die Hände und das Gesicht seines Sohnes be 
rührt, als er mit dem Ausruf: Gott, er ist todt! Hülse, Hülfe! von 
dem Wagen zurück »ach dem Fenster der Wirthsstube taumelte, aus 
der sogleich alle Anwesenden hervorstürzten, um das geschehene Un 
glück näher zu untersuchen. 
Der Knabe ward nun in das Haus getragen, betrachtet, ange 
fühlt, und Alles, was man in solchem Falle anzuwenden pflegt, bei 
ihm versucht; doch weder nach dem Reiben, Athem cinblasen, noch 
irgend einem andren Hülfsmittel zeigte sich die geringste Spur von 
Leben in dem starren, mit der Farbe des Todes überzogenen Leich 
nam des Erfrornen. Besonders eifrig bei diesen Versuche» bewies 
sich ein alter Mann, von dem der Wirth versicherte, daß er geschick 
ter sei als alle Doctoren weit umher; und könne noch ein Mensch den 
armen Jungen gesund machen, so sei es dieser hier. — Jetzt hörte 
auch der Gepriesene auf sich zu mühen, nahm bekümmert seine» Platz 
am Feuer wieder ein und murmelte: da ist an keine Hülse mehr zu 
denken, mit dem ist alles aus. 
Wie ein zweischneidig Schwert durchborte diese, mit aller Kraft 
der Gewißheit aüsgesprocheue Entscheidung des armen Vaters Brust. 
Sein Leid war zu neu, zu allgewaltig für ihn, er konnte eö nicht fas 
se», nicht tragen. Unbeweglich stand er vor dein Leichnam seines 
Kindes, fast so starr wie dieser bis der Wirth ihn endlich mit 
der Frage aufrüttelte, was denn nun werden solle? Hier könne doch
        
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