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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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selten nur in das nächste Oertchen und nie noch weiter gekommen 
war, erschien auch das Kleinste merkwürdig, und Andreas war durch 
das Wiedersehn der Gegenden, welche er als junger Bursch leicht 
und sorgenfrei durchstreift hatte, so sehr in diese glücklichen Tage zu 
rückversetzt, daß er eine Erzählung nach der andern von dem, was er 
damals erlebt hatte, zum Besten gab. und auf diese Act sich und den 
Schn immer neu aufregte und erheiterte. 
In einem ziemlich beträchtlichen Städtchen wurde Mittag ge 
macht,"und Andreas schloß schon hier einen äußerst vortheilhaften 
Handel mit seinem Gastwirth, bei dem zu gleicher Zeit ei» reicher Herr 
eingekehrt war und um jeden Preis Fische begehrte, die zufällig im gan 
zen Ort nicht zu bekommen waren. Durch diesen Anfang ermuthigt, 
machte auch unser Freund mit seinem Knaben sich einen guten Tag, 
und neu gestärkt traten dann beide ihre Reise wieder an. Mehr als 
die Hälfte des Weges lag bereits im Rücken, die Straße ward im 
mer besser, und so hoffte man noch vor Einbruch der Nacht an den 
Thoren von Warschau einzutreffen, wo der wackre Ephraim verspro 
chen hatte, sie an diesem Abend und dem folgenden Tag? zu er 
warten. 
Allein die frühere Aufregung unserer Reisenden nahm von nun 
an allmählig ab. Die zweite Hälfte einer weiteren Fahrt ist immer 
langweiliger als die erste. Die Ungeduld, welche ihr Ziel zwar nä 
her gerückt, aber doch noch immer nicht erreicht sieht, läßt dann kein 
ruhiges Gespräch, keine andere Zerstreuung mehr zu. Ausrufungen 
und "Fragen wie die: Ach wie weit mag'S nun noch sein? Wann 
werden wir nur in Warschau ankommen? machte, auch bei unsern 
Beide» die einzige Unterhaltung aus; in de» Pausen empfand Jeder 
stets lebhafter, die Unannehmlichkeiten der Reise. Denn eS ward 
gegen Abend kälter, weit kalter noch als am Morgen; selbst de» star 
ken abgehärteten Andreas fror auf seinem freieren Vordersitz so sehr, 
daß er für den Knaben besorgt ward, einmal über das andre ihn 
ermahnte, sich ja recht dicht in die weiche Decke zu hüllen, welche 
die zärtliche Mutter noch außer dem warmen Schafpelz ihm mit 
gegeben hatte und immer dringender ihn fragte: Friert dich auch nicht 
allzusehr, armer Junge? Siehst du wohl, hättest zu Hause bleiben 
sollen, habe mir's schon gedacht, daß du zimpern würdest! 
Ach, diese» Vorwurf nicht zu verdienen, strengte der arme Ge 
org eben jetzt mit höchster Angst alle seine Kräfte an. Um keinen 
Preis wollte er gestehn, wie schrecklich ihm zu Muthe sei. Er rieb 
Hände und Füße gegen einander, schmiegte sich, fast zum Knäul zu 
sammen gerollt, dichter und dichter in den Mantel, zitterte und bebte 
vor entsetzlichem Froste, aber: Mir ist ganz warm! blieb auf jede 
Erkundigung des Vaters feine Erwiederung, so daß dieser beru 
higt weiter fuhr, sich damit begnügend, ihm ein Schlückchen Brandt- 
wein, das erste geistige ^Getränk, was der Kleine je genoß, zur in 
neren Erwärmung zu reichen. 
Von nun an hörte Georg zu antworten auf, wenn Andreas
        
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