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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Wie die Kleinen nun noch ein Stündchen gebaut hatten, und 
Sandmännchen allmähllg seine Körner in ihre klaren Aeuglein streute, 
ging die Großmutter, auf einen Augenblick nur. ins Nebenzimmer, 
um der Köchin zu sagen, sie möge die Milchsuppe herein bringen 
und auch das Nachtzeug, denn die Kinder sollten nun zu Bette 
gehn. Indem sie aber mit der Köchin sprach, klang's als rolle ein 
Wagen heran, und sie eilte an'S Fenster und lauschte, ob's vielleicht 
Vater und Mutter wären, die jetzt schon zurück kämen, aber end 
lich überzeugte sie sich, daß nur der Sturm sie getäuscht habe. 
Während Großmütterchen nun in der Nebenstube zum Fenster 
hinaussah, bog sich Lotte weit über den Tisch, um einen Hahn aus 
ihrer Arche auf Hänschen- Kirchthum zu stellen, damit dieser eben 
so aussähe wie der Thurm in Höchberg, auf dem auch ein blanker 
Hahn stand, und wie sie jubelnd das Köpfchen wieder zurückzog, 
fuhr die Schleife ihres Häubchens mitten durch die Flamme, und 
der ganze Kopfputz brannte lichterloh. 
Gleich bemerkte Hänschen das Unglück, aber ohne sich deswe 
gen zu ängstigen, ries er: Warte, warte, ich will's auspuste»! Da 
bei blies und blie« der ehrliche Junge stärker noch als des Abends, 
wenn der Vater mit der große» Laterne vom Hof herein kam, und 
die Kinder das Wachslicht darin ausblasen dursten; aber LottchenS 
Haube brannte immer heller darnach, und ach, bald ihre blonden Löck 
chen auch- Da erhob die arme Kleine ein Jammergeschrei, denn 
sie fühlte jetzt mit Schmerzen, daß eS kein Spaß ist, wenn Jeman 
den der Kopf brennt. 
In diesem Augenblick trat die Großmutter wieder herein. Gott 
wie erschrak sie, ihren Liebling in solcher Gefahr zu sehn. Sie stieß 
einen Angstruf aus, der durch das ganze Haus drang, aber sie 
konnte kein Glied rühren, um Lottchen zu helfen, sonder» stand auf 
der Schwelle wie gelähmt. Zum großen Glück war die Köchin in 
der Nähe, diese stürzte ins Zimmer, bedeckte schnell entschlossen 
LottchenS brennendes Köpfchen mit ihrer Schürze, drückte es fest 
zwischen die Knie uud erstickte auf diese Art das Feuer. 
Ach wie sah das arme Kind aus, als man sie jetzt näher un 
tersuchte. Kein Löckchen war auf dem kleinen Kopfe geblieben, und 
Schläfe, Stirn und Hals obendrein mit großen Brandblasen be 
deckt. ES dauerte manche Woche, ehe die großen Schmerzen gelin 
dert wurden, und länger noch, ehe die Wunden alle heilten; die 
tiefe» Narben aber behält das arme Mädchen vermuthlich lebenslang. 
Weil Lottchen nun durch Ihre Unvorsichtigkeit sich und ihre» An 
gehörigen so viel Angst und Kummer verursacht hatte, und weil sie hörte, 
daß die Sache noch weit schlimnier hätte ablaufen können, bat sie mich, 
alle andern kleinen Mädchen und Knaben vor dem schönen, gefährlichen 
Feuer und Licht in ihrem Namen zu warnen, und daß habe ich denn hier 
mit durch ihre eigene Geschichte gethan. Emilie Feige. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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