Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

15 
Fustsack, Mantel u»d Schleier gehüllt, die Puppe im Arm, auf 
dem wärmeren Hauptsitz »eben der Mutter. Äch wie sollten die 
Schellen klingen, die große Peitsche knalle», und wie köstlich gespielt 
werden mit den kleinen Freunden m Hochberg! — Die Sache 
kam aber ganz anders. Der liebe Gott schickte auf einmal„wär-, 
mcre Lust und Regen, da thaute die meiste Schneedecke auf, und 
die Schlittenlust war in wenig Stunden vorüber; statt dessen aber 
entstand eine solche Nässe, daß die Wege unsicher und gefährlich 
wurden, und der Vater meinte, es wäre seine» liebe» Kindern weit 
besser, hinter dem warmen Ofen zu bleiben und im sicheren Hause, 
als auf dem offenen Wage» in Sturm und Ungewitter umhcrzu- 
rollen. Vater und Mutter fubre» nun allein, die Kleine» trösteten 
sich indeß, denn die gute Großmutter, welche gegenüber im Witt- 
wcnhäuSchen wohnte., versprach bei ihnen zu bleiben und kam auch 
schon, ehe die Eltern abfuhren, herüber. 
Das war keine geringe Lust, denn die Grofimutter war gütig 
und freundlich, so sehr wie nur eine Großmutter es sein kann, und 
wußte Spiele anzugeben, eins immer noch schöner als das andre. 
Zuerst mußten die Kinder ihre neuen Fibeln bringe», Großmüt- 
terchcn war Schulmeister und freute sich sehr, daß die kleinen Leute 
fast alle Buchstaben kannten, und viele von den hübschen Versen 
auswendig wußten, die unter den bunten Kupfern standen. 
Dan» ward an Lottens kleinem Tisch, aus dem zierliche» Por- 
zellangUchirr Kaffee getrunken. Großmutter hatte Jedem einen 
kleine» Napfkuchen gebacken, den verzehrte man dazu und ließ sich'ö 
trefflich schmecken. In der Dämmerung erzählte die gute alte Frau 
ihren Enkeln ein Gcschichtchen, das Schönste aber brachte der Abend, 
denn da feierte man noch einmal Weihnachten. Die Kannenbäume 
mit Zuckerbildern, Flittergold und blanken Aepfetn und Nüssen 
brannten wieder hell und wunderbar, die Herrlichkeiten alle standen 
aufgekramt, und fast wie am heiligen Abend jauchzten die entzück 
ten Kleinen. 
Doch die kurzen Lichterchcn verbrennen schnell, und sic sollten 
doch noch einmal glänzen, wenn die Kinder aus Hochberg zum Be 
such kämen. Deßhalb mußte man bald an's Ausblasen denken, und 
nun kam es Hans und Lotten recht dunkel vor im Zimmer, worin 
nur eine einzige Lampe brannte, dic^gar nicht bis zu ihrem Tisch 
chen hinunterschien, und doch wollten sie dort so gern noch mit dem 
neuen Baukasten spiele» und Tbürme und Brücken bau'». 
Ach wenn wir doch heute die kleinen WachSlichtc anstecken dürf 
ten, die in LottchenS Porzellanleuchtern stehn! seufzte HanS und sah 
die Großmutter recht freundlich bittend an. Da erlaubte cs die 
gute Frau, obgleich sie die Kinder eigentlich nicht gern mit Licht um 
gehen sah. Aber sie saß ja nur drei Schritte von ihnen, und sie 
spielten so verständig und still, waren so glücklich, als die buntbe 
malten Kerzen jetzt ihre» Bau erhellten, daß allmählig jede Bcsorg- 
niß der Großmutter entschwand.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.