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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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helle Feuer in den Oese», und die Familien traulich um denselben 
gereiht. 
Da fühlte Karoline recht herben Schmerz über ihre unglückliche 
Lage und leise, wenn auch noch nicht ganz verstandene Reue, vereint 
mit dem Wunsch, sie möchte, wie der alte Bäcker ihr gerathen, sich 
bessern und glücklich werden. Und indem sie'S dachte, stand sie schon 
wieder an seiner Thür, bewußtlos hingezogen zu diesem ihr so unver 
geßlichen Raum. 
An Stehlen dachte sie jetzt nicht, auch gab's keine Gelegenheit 
dazu. Der Bäcker nahm Abends seinen ganzen Kram in die Stube, 
und reichte den Käufern durch ein kleines Fenster, was sie begehrten. 
Doch kamen so spät nur wenig Leute, deebalb hatte sich's der gute 
Mann bequem gemacht, saß im weiche» Lehnstuhl, und las Frau 
und Kindern aus einem große» Buche etwas vor. Es war daS 
Buch aller Bücher, die heilige Schrift, aus welcher der Bäcker eben 
heute die schönen Gleichnisse von göttlicher Barmherzigkeit vortrug, 
die im fünfzehnten Kapitel des Evangelisten Lucas enthalten sind. 
Diese erläuterte er denn noch einmal schlicht und einfach und sprach 
in christlich frommem Sinn manch goldenes Wort, daS tief und 
fruchtbar in die Seelen feiner Zuhörer drang. 
Am fruchtbarsten zeigte es sich jedoch diesmal draußen an der 
lauschenden Sünderinn, denn mit dem Ausruf: Ach ich will auch 
umkehren undBuße thun, sagt mir, wie ichs machen soll! stürzteste 
in's Zimmer, dem erstaunten Bäcker zu Füßen, und sprach noch i» 
manchem tiefgefühlte» Wort, in mancher bitteren Thräne ihren 
Schmerz und ihre Reue aus. 
Der Bäcker aber war nicht einer von den Heuchlern, die nur 
fromme Lehre und guten Rath reichlich austheilen; nein auch zur 
Hülfe und aufopfernden That war er mit ächtem Christussinn bereit. 
Denn ob er schon selbst für eine zahlreiche Familie zu sorgen hatte, 
nahm er doch das verlassene, verwahrloste Mädchen von Stund' an 
in sein HauS, hielt sie zum Fleiße und zur Ordnung an, schickte sie 
zur Schule, und wartete und pflegte den spät erwachten Keim de- 
besseren Sinnes, mit treuem Eifer fort und fort in ihr. 
Karoline kam seinen Mühen willig entgegen, erwachte aber den 
noch zuweilen in ihrem Herzen die alte böse Lust, so durfte sie nur 
ihr zerrissenes Ohr ansehn, um schnell jene Neigung zu besiegen, und 
fester und fester im Guten segnete sie ihr ganzes zufriedenes Leben 
hindurch die Strafe, welche ihr, indem sie sie duldete, so hart und 
unerträglich erschien. Emilie Feige. 
Wo ist denn das Fest? * 
(auch ein Frühlingslied.) 
Es muß da wo sein ei» großes Fest; 
Ich möchte nur wissen, wo? 
Und wer so pfeifen und trommeln läßt, 
Und warum die Kinder so froh?
	        
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