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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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einen Kalender an die Wand, und die übrige Gesellschaft blickte 
nach einem Fremden hin, der mit großes Lebhaftigkeit eine wunder 
bare Geschichte erzählte. Dazu lag der ganze Tisch voll frischer war 
mer Zweigroschenprätzelii, deren schönes Ansetzn und herrlicher Duft 
KaroliizeiiS Begierde'mächtig anzog. Bald hatte sie eine unter dem 
Mantel, und würde vielleicht glücklich damit entwischt sein, hätte 
sie nicht bei dem Gedanken gezögert, daß zwei Prätzel» doch noch 
einmal so gut wäre» als eine, und rasch »och einen Griff gewagt, 
der nicht so gut ablief, dem, der Bäcker drehte sich in demselben Au 
genblicke um, weil er in seinem Spiegel über dem Kalender de» Raub 
mit angesehen batte, hielt Karolinen am Mantel fest und rief: Hab' 
ich dich doch endlich, du lüsterne DicbSseele, warte, warte, du sollst 
zeitlebens an Rvsinenprätzeln gedenken. Mit diesen Worten zog er 
das Mädchen dicht an den Ladentisch heran, und nagelte ihr rechtes 
Ohrläppchen darauf fest, so jämmerlich sie auch bat und schrie. 
ES läßt sich Mancher für Geld Ohrlvcher stechen, ich aber will 
dir's umsonst thun, licbeS Kind, sprach er dabei ganz freundlich zu 
ihr. Gewiß macht dirs Scbmerz, und die Schande wird dir auch 
nicht wohl thun, denn du sollst den ganzen Tag hier angenagelt blei 
ben, aller Welt zur Schau; aber mein Kind, wen» du bei deinem 
Gewerbe bleibst und dich nicht besserst, so wird die Strafe an Gal 
gen und Rad noch weit weher thun und dir noch ganz andre Schande 
bringen; bedenke das und leg' die bösen Laster ab. 
" Die ganze Gesellschaft im Laden billigte das Verfahren und 
die Worte deö Bäckers und meinte: wenn nur alle Spitzbuben so 
auf der Stelle gestraft würden, gäbe sich das gottlose Trügen und 
Stehlen wohl am ersten noch. 
Karoline lag wie auf der Folter, und hörte diese und tausend 
andere Reden an. Nicht als ob das Obr so entsetzlich geschmerzt 
hätte, eS tbat nicht viel weher, als wenn man eine» Ohrring einbohrt, 
denn der Nagel war spitz und fei»; aber daß sie nun nicht fort 
konnte, ihren Kaffee mid Zucker, ach und ihre herrlichen Prötzel» 
einbüßen sollte, und de» Spott und Hohn aller Vorübergehenden 
anhören mußte, und endlich »och Gefahr lief i» das StockbauS ge 
schleppt zu werden, das erhöhte ihren Schmerz zur ärgsten Pein. 
Wohl einige Stunde» lang hatte sie ihr Schicksal getragen, da, 
als der Bäcker einmal de» Lade» verließ, riß sie, so weh es auch that, 
sich los, obgleich das halbe Ohrläppchen zurück blieb, und eilte blu 
tend und voll Thränen ihrer Wohnung zu. In dieser kurzen Frist 
hatte sie mehr Ermahnungen gehört, als früher in ihrem ganzen Le 
ben, und zum ersten Male dachte sie über ihren Lebenswandel nach. 
Demohngeachtet würde sie in ihre alte Gewohnheit zurück gefallen 
sein, hätte Gott es nicht so wunderbar gefügt, daß gerade heute, wo 
sie diese Anregungen erhielt, ihre ganze frühere Lage sich auflöste. 
Den» ihre Eltern, die voll kecken Muthes ihrem schändliche» Ge 
werbe nachgegangen waren, sielen eben diesmal in die Hände 
der Polizei. Als Karoline in der Dämmerung zu Hause anlangte,
        
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