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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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gedient; dennoch mußte das Gesetz gegeben werden: denn durch das 
selbe kommt Erkenntniß der Sünde. A- Merzet. 
Heilsame Strafe oder die gebesserte Sünderin. 
(Fortsetzung.) 
Mit diesem Wunsche trennte sich das arge Kleeblatt; da wir 
indeß nicht alle Drei auf ihre» krummen Wegen begleiten können, 
Karolinens Jugend aber unstreitig die meiste Theilnahme einflößt, 
wollen wir sehe», auf welche Art diese ihren Zweck zu erreichen 
sucht. 
Der Wind wehte eisig über den großen Platz, von welchem aus 
das Mädchen ihre Streifereien begann. Sie war schlecht gekleidet 
und sann mit Zähneklapper» auf Ranke, womit sie die Leute täuschen 
und sich eine» guten Raub verschaffen könne. Ob ich einmal wieder eine 
zerbrochene Flasche oder alte Topfscherben suche, mich daneben stelle und 
heule und schreie, daß mich die arme» Eltern zu Hause schlagen wür 
den? das hat mir schon zu manchem Zweigroschenstück verholfen, 
dachte sie; ei» kleines Mädchen aber, das eben mit einem Korbe voll 
warmer Winterschuhe vorüber ging, brachte sie für's erste von die 
sem Plane ab. Solche Schuhe auf ihre erfrorne» Füße, nichts konnte 
lockender für sie sein, und eher als alles Andere, beschloß sie sich ein 
Paar derselben zuzueignen. — Schnell kehrte sie von ihrem Mantel, 
der auf der einen Seite eine Musterkarte von Lumpe», auf der an 
dern einen ganz anständigen Uebcrzug zeigte, diesen letzteren hervor, 
strich sich das Haar glatt und ging bald ehrbar neben der Kleine», 
die sichtbar recht schwer zu tragen hatte. 
Es wird dir wohl sauer, begann sie hierauf mit falscher Freund 
lichkeit zu dem Mädchen, hast du noch weit zu tragen? Bis zum 
Schloßplatz, ich muß für den Schuhmacher, der da eine Bude hat, 
Waare zum Verkauf austragen, antwortete die Kleine. Bis zum 
Schloßplatz? dahin gehe ich eben auch! rief Karoline, mein Vater 
wohnt da, er ist Leibkutscher bei einem Grafen, komm, ich will an 
fassen, dann wird dir's leichter. 
Freudig nahm das kleine Schuhmachermädche» diese» Vorschlag 
an. Zwar halte ihr Meister sie oft genug gewarnt, sich nicht an 
führe» zu lassen und niemals ihren Korb aus der Hand zu geben, 
allein sie hatte ihn ja auch wenigstens in der einen und würde schon 
auch mit der ander» zugefaßt haben, wenn das fremde Mädchen, 
das doch viel kleiner und schwächer war als sie, ihn ihr hätte entrei 
ße» wollen. Beide trennte» sich erst ani Schloßplatz, sehr zufrieden 
mit ihrer Bekanntschaft, die sie auch künftig fortzusetzen einander 
versprachen. Denn du darfst nur hier nach Lehne Eichholz fragen, 
sggte Karoline beim Scheiden, und verschwand in der weiten Pforte 
eines prächtigen Palastes.
        
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