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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Körnchen, nahrhafter GraSsaame, und eS sahe au- wie Koriander und 
schmeckte wie Semmelmehl mit Honig. Das war das Manna. 
Und das Volk sammelte eifrig die süße Speise, Männer, Weiber 
und Kinder, und stießen es in Mörser», zerrieben es mit Mühlen 
und fochten eS in Topfen, machten sich auch Aschenkoche» daraus, 
die waren ein gesundes Brodt. Aber die es aßen, denen es von Gott 
gegeben war, wurden seiner bald überdrüssig und verlangten üppi 
gere Nahrung. Die Kinder Israel saßen und wcinctcn, heißt es in 
den Bücher» MoseS, und sprachen: „Wer will unS Fleisch zu essen 
geben? Wir gedenken der Fische, die wir in Aegypten umsonst aßen, 
der Kürbisse, Zwiebeln und dcS Knoblauchs. Nun aber ist unsere 
Seele matt, den» unsere Augen sehen nichts als das Manna." O 
des verächtlichen Volkes! Nach der Knechtschaft im heidnischen Lande 
sehnen sie sich zurück, weil sie dort bei den Fleischtöpfe» saßen, und 
halten also die gute Speise für das höchste Gut deö Lebens, das der 
Mensch begehren kann. Ist nicht die Freiheit besser auch unter 
Mangel als die Sclaverei bei sinnlichem Wohlergehn? Was hilft 
mir die Speise, wenn ich sie nicht mit Danksagung genießen darf, 
wenn ich meinen himmlische» Vater dafür nicht preisen darf in ge 
wohnter Weise? er kan» sie mir ja dann nicht segne»; und an ih 
rem Gottesdienste wurden die Israeliten doch verhindert in Aegyp 
ten. Aber grade die Sclaverei hatte ihre Herzen erniedrigt, sie zag 
haft und feige gemacht, sie herabgedrückt zu den niedrigste» Gelüsten, 
und wo ihnen diese nicht befriedigt wurden, da murrten sie wider 
Gott. 
Wenn wir das israelitische Geschlecht, welches durch die Wüste 
zog, mit seinen Vätern vergleichen, so fallt der Homerische Spruch 
unS ein: 
Tilgt doch der richtende Gott dem Manne die Hälfte der Tugend 
Alsbald, wenn ihn umfängt der Knechtschaft schuldige Fessel. 
Oder meinet ihr, Kinder, das sei doch den armen Juden nicht zu 
verdenken gewesen, daß sie Fleisch haben wollten zu ihrem Manna; 
ihr wäret auch nicht zufrieden mit immer ein und derselben Nahrung. 
Ich bitte euch, bedenket, daß es nicht zu fern von euch Menschen 
giebt, die wirklich das Jahr über kaum etwas Anderes essen als 
täglich Kartoffeln, unv die doch dabei froh sind und gotteSfürchtig; 
und dann war der Zug durch die Wüste ja nur eben ein Nothstand 
für die Israeliten, der sie in das herrliche Kanaan führen sollte. 
Um das schöne, von Gott ihnen gesteckte Ziel zu erreichen, konnten 
sie doch wohl eine Weile ohne Murren die nothwendigen Entbehrun 
gen ertragen. Die Geschichte weiß von einem Manne, der als Jüng 
ling fünf Jahre hindurch nichts als Brodt und Wasser genoß, um 
seinen größeren Verdienst auf Mittel zu seiner Ausbildung zu ver 
wenden. — Ich bitte Euch, entschuldigt die Israeliten nicht, noch 
weniger aber Euch selbst, wenn ihr unzufrieden werdet, wo einmal 
Entsagungen von euch gefordert werden.
        
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