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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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rend einige Monate vorher das Gras »och eine solche Höhe erreichte, 
daß das Vieh sich darin verbergen konnte. 
Ihr seht nun, lieben Kinder, wie wichtig der Nil für das 
Land ist. ES wird Euch auch klar sein, was die Alten damit sa 
gen wollte», wenn sie behaupteten, Aegypten sei ein Geschenk 
des Nils. Ohne diese» Strom wäre das Land eine Wüste. 
Ihr müßt nämlich wissen, daß es hier fast nie regnet; ja in man 
chen Gegenden giebt cs Menschen, die nie eine» Regentropfen ha 
ben auf die Erde fallen sehen, die nie das Rollen des Donners ge 
hört, nie die liebliche Frische empfunden haben, welche nach einem 
Gewitter Menschen, Thiere und Pflanzen erquickt. Diejenigen 
Theile des Landes, welche von der Ueberschwemmung nicht getrosten 
werden, sind öde und wüst, und das ganze Land würde es sein, 
wen» der Nil austrocknete. Aber der wohlthätige Strom ist damit 
noch nicht zufrieden, daß er ganz Aegypten befruchtet; er setzt auch 
noch jährlich bei seiner Mündung neues Erdreich an, und hat auf 
diese Weise den Theil des Landes gebildet, welcher Unter-Aegypten 
oder das Delta genannt wird. Diesen letzteren Namen hat Unter- 
Aegypten von seiner dreieckigen Gestalt, welche der des griechischen 
Buchstabens Hella ähnlich ist. Der Boden wird hier immer 
höher, und so ist jetzt ein fruchtbares Land, wo vor sechstausend 
Jahren noch unbewohnbare Sümpfe waren. 
Das Wasser des Nils hat, wie ich schon angeführt habe, zur 
Zeit der Ueberschwemmung eine röthliche Farbe; anders ist eS, wenn 
der Strom in sein Bett zurückgetreten ist. Dann ist sein Wasser 
gelb, und von einem so frischen und lieblichen Geschmack, daß man 
es als ein köstliches Getränk bis nach Constantinopel verschickt. Und 
welche Wonne für den erschöpfte» und vom Durst verzehrten Ara 
ber, der die traurige Wüste durchwandert, wenn er endlich am Ufer 
seines Stromes ausruhe» und aus dieser unversiegbaren Quelle 
schöpfen kann! Werdet Ihr Euch nun noch wundern, meine lieben 
Freunde, wenn Ihr hört, daß die alten Aegypter den Ernährer 
ihres Landes, wie sie ihre» Nil nannten, göttlich verehrten, daß 
sie ihm Tenipel bauten und ihm Opfer brachten? Sie wußten ja 
nicht, daß der Eine allmächtige Gott, der ihnen alles gab, was 
sie hatte», ihnen auch den Strom zu ihrer Erhaltung geschenkt 
hatte. 
Im nächsten Blatte werde ich Euch von den übrigen Merk 
würdigkeiten des Länder noch Einiges erzählen. Denn hier ist al 
les wunderbar, Wasser und Lust, Menschen und Thiere. 
Th. Dielitz. 
Ueber die Opfer. 
Was ich gesagt habe im Vorigen, lieben Kinder, daß die Men 
schen mit Verbrennung von Thieren und Feldsrüchten oder daraus 
bereiteter Speise Gott einen Dienst zu thun meinten, daö konnte»
        
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