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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Bruder sprach mild und versöhnlich: Ihr gedachtet eS böse mit mir 
zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, daß er thäte, wie 
es jetzt am Tage ist, zu erhalten viel Volk. 
Merke! Joseph mochte wohl die That seiner Bdüder entschuldi 
gen; aber sic dursten sich in ihrem Gewissen damit nicht beruhigen, 
daß ihre Grausamkeit gegen den Bruder zuletzt zum Guten ausge- 
schlagen war. Der Mensch soll nicht Böses °thun, auch wenn er 
selbst einen guten Zweck als das Endziel dabei beabsichtigte: denn 
der Zweck heiligt die Mittel nicht. Und Josephs Brüder hatten cS 
böse mit ihm im Sinne. Sie begingen eine schwere Sünde, da sie 
ihn verkauften. Joseph konnte ihnen wohl vergeben und mußte es 
auch; aber bei Gott hatten sie gleichfalls Gnade zu suchen, und wer 
den das gewiß auch gethan haben. 
Joseph starb hundert und zehn Jahr alt, und verordnete zuvor, 
daß seine Gebeine, wenn die Kinder Israel einst wieder nach Ka» 
naan zurückkehrten, dahin von ihnen sollten mitgenommen werden. 
Und Israel wuchs und mehrte sich in Aegypten außerordentlich, 
wie Gott es gewollt hatte; aber die spätere» Pharaonen nach Josephs 
Tode vergaßen, welche Wohlthat der Sohn des Patriarchen ihnen 
erzeigt hatte, und sahen das fremd« Volk ungern in ihrem Lande; 
so auch die übrigen Aegypter verachtete» die Fremdlinge nnd waren 
ihnen abgeneigt, weil sie sich abgeschlossen für sich hielten, mit den 
Besitzern des Landes nicht verkehrten, ihren eigne» Gottesdienst hat 
ten, an den Festen und der Verehrung der Ägyptischen Götzen nicht 
Theil nahmen. 
Zu Anfang hatten die Juden im Lande Gosen nur ihrgs eige 
nen Gewerbes wahrgenommen, hatten ihr Vieh gehütet auf den gu 
ten Weiden, Hütten gebaut und den Acker bestellt; nun aber fingen 
die Aegypter an, sie als lästige Gäste zu betrachte», die für die 
Gunst, in ihrem Lande wohnen zu dürfen, Dienste leisten müßten, 
damit man Vortheil von ihnen hätte. Dazu kam die Furcht der 
Aegyptischen Könige, Israel möchte so zahlreich werden, daß man es 
am Ende nicht mehr würde bändige» können, daß die Schützlinge 
sich zu Herren im Lande könnten machen wollen: und deßhalb dach 
ten sie auf Mittel, das Gedeihen des Volkes zu hemmen, und sei 
ne» Sinn zu beugen. 
So wurden die Israeliten mit schwere» Knechtsarbeiten belastet. 
An jenen prächtigen Bauwerken und Denkmählern, welche die Pha 
raonen errichtete», a» de» Pyramide» und Palästen, mußten vorzüg 
lich Juden arbeite», und das war keine freie Thätigkeit wie die un 
serer Tagelöhner, denen ihre Arbeit bezahlt wird, sondern die Kinder 
Israel mußten Lehmsteine formen und brennen, Lasten tragen zu de» 
Bauten, welche Ägyptische Meister anordneten, alles nur für die 
kärgliche LcibeSnahrung, welche ihnen wie Sclaven täglich gereicht 
wurde. 
Während die kräftige» Männer unter dem schweren Joche seufzten, 
und unter übermäßiger Anstrengung für fremden Nutzen und den
        
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