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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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amte, und wiederum wurde dies eine Ursache zunächst zum Un 
glück für ihn. 
Die Aegyptcr hatten besondere Gemächer im Hause für ihre 
Frauen, wo diese getrennt von allem Umgänge mit ander» Männern, 
leben mußten. Jeder Aufenthalt eines Fremden in der Nähe der 
Hausfrau galt für höchste Unsitte. Das wußte Joseph wohl und 
hüthete sich, bei Ausübung seiner Aufschergeschäfte länger als nöthig 
in den Frauengemächcrn zu verweilen. Aber die Gemahlin des Po- 
tiphar gewann ihn lieb und begehrte seines Umganges, den Joseph 
standhaft verweigerte. Da warf sie einen schweren Haß auf ihn, 
verläumdete den Unschuldigen bei ihrem Gemäht, und der Jüngling 
wurde ohne Urtheil und Recht von seinem erzürnten Herrn in das 
Gefängniß geworfen; er war ja, wenn auch der erste, doch immer 
nur Sklav in dem ägyptischen Hause gewesen. 
Jetzt ein Gefangener, ganz seiner Freiheit beraubt, zeigte Joseph 
doch auch in den Bande» einen so gottergebenen Sinn, in den en 
gen Räumen seines Kerkers so viel Ordnungsliebe, gegen seine Mit 
gefangenen so herzliche Theilnahme, daß der oberste Beamte des Hau 
ses ihn lieb gewann, und ihn nach und nach zum Aufseher über 
alle übrigen Gefangenen machte. Sehet da den Joseph zum drit 
ten Mal im Amte eines Aufsehers, jetzt zwar im niedrigsten Bereich. 
Zuerst war er gesetzt über freie Leute, über die Familie eines Pa 
triarchen, dann über die Sclaven einer großen Haushaltung, jetzt 
über Verbrecher und Gefangene. Gott führte seinen Freund, berg 
ab, um ihn plötzlich zu erhöhen. 
Es sind ihm ja geringe Sachen, 
Und gilt dem Höchsten alles gleich, 
Den Reichen klein und arm zu machen^ 
Den Armen aber groß und reich. 
Zwei Mitgefangene -des Joseph hatten in einer Nacht jeder 
einen merkwürdigen Traum. Sie waren Hofbeamte des Königs. 
Josephs Auslegung ihrer Träume ging so in Erfüllung, daß der 
eine hingerichtet ward, der andre aber wieder zu Ehren angenommen. 
Dieser gedachte »ach Jahr und Tag des israelitischen Mannes, da 
auch der Pharao von Ägypten von zwei merkwürdigen Träumen be 
unruhigt, alle seine Wahrsager versammelte, ohne daß cs einer chm 
deuten konnte, was er geträumt hatte. 
Jetzt, da wir die Geschichte lange kennen, lieben Kinder, 
und die Eigenthümlichkeit des Ägyptischen Landes, möchten wir cS 
vielleicht selbst vermögen, jene Träume zu deuten von den sieben fetten 
und mageren Kühen, die aus dem Nil heraufstiegen, den sieben vollen 
und dürren Achren, welche an seinen Usern wuchsen, und wovon die 
letzten immer die ersten verschlangen. Damals konnten eS die Ägyp 
tischen Weisen nicht, aber Joseph vollbrachte es in der Kraft Got 
tes, mit der er vor Pharao erschien, nicht schüchtern und befangen 
von der Pracht des Thrones und HofeS, nicht ängstlich vor der gro-
        
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