Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

104 
er sich aber auf seine Stange, und sah von oben herab nicht mit den 
freundlichsten Blicken die beiden Mädchen an, welche sich so stark 
auf seine Kosten lustig machte». 
Ließ er sich das geduldig gefallen? Wir wollen sehen! 
Das eine dieser Mädchen hatte einen Hut auf, dessen Schirm 
um den Rand herum mit sehr breiten ächten Blonden besetzt war, 
nach der damaligen Mode. So eben war wieder ein Papierball 
fertig geworden, in welchem jedoch wirklich ein süßer Bonbon un 
ter vielen Schaalen verborgen lag. Der Affe saß verdrüßlich auf 
seiner Stange. Das Mädchen hielt den Papierball in seiner Hand 
und suchte den schmollenden Gefangenen zu bewegen, die ihm ge 
weihte Gabe, als ein Zeichen der Versöhnung, anzunehmen. An 
statt aber nach dieser Gabe zu langen, streckte er plötzlich seine bei» 
den Hände durch das Gitter, ergriff die Kanten des Hutes, riß sse 
mit einem gewaltigen Zuge von dem Schirm los, was ihm leicht 
gelingen konnte, da sie wahrscheinlich nicht sehr fest angenäht waren, 
zog sic eben so rasch durch das Gitter des Käfigs, und hüpfte mit 
seiner Beute in toller Ausgelassenheit von einem Ende zum andern. 
Dan», als ob er sich plötzlich besönne, daß ihm seine Eroberung von 
dem Wärter bald wieder" abgesagt werden könne, stellte er sich nahe 
an das Gitter, zog die theuren Blonden vor den Augen des von 
dem Schreck halb ohnmächtigen Mädchens durch ferne spitzen Zähne, 
und machte auf diese Weise in wenigen Augenblicken den werthvol 
len Schmuck der hart bestrafte» Neckerin» für diese völlig unbrauch 
bar. Nun aber sollte das eigentliche Fest für ihn erst noch angehen! 
Er hatte dafür gesorgt, daß selbst durch die Strenge seines Wärters 
der Feind nicht wieder in den Besitz seines Eigenthums gesetzt wer 
den konnte; denn aus dem kunstvollen Gewebe waren unansehnliche 
Lumpen und zerfetzte Bruchstücke geworden; für ihn selbst waren 
jedoch auch diese Trllmmcr früherer Schönheit noch ein werthvollcr 
Schmuck. Bald schlang er die ziemlich lang gewordene Blonde wie 
eine Boa um den Hals, und wischte sich mit de» herabhängen En 
den den Mund und die Stirn, bald schlug er sie sich um Schulter 
und Arme, als suche er sich ein Shwal daraus zu machen, bald 
wickelte er sie sich um den Kopf, und sahe dann einem beturbanten 
Neger nicht unähnlich; zuletzt aber warf er sie auf die Erde und 
trat sie mit Füßen. 
Dies Alles war das Werk weniger Minuten. Ehe der Wär 
ter herbeikam, waren die Blonden zerrissen, beschmutzt, zertrete», 
kurz gänzlich unbrauchbar gemacht. Das Mädchen war durch Scha 
den klug geworden. Es dankte Gott, daß der Affe mit seinen schar 
fen Nägeln ihr nicht in die Augen und in da- Gesicht gefahren war. 
Der Verlust der theuren Blonde war schmerzhaft; aber schmerzhaf 
ter wären die Wunden gewesen, welche das gereizte Thier in dem 
Gesicht gerissen hätte. Das Mädchen hat gewiß nie wieder einen 
Affen geneckt! E. Ä- R- Schultze. 
Gedruckt bei I. G. Brüfchcke, Breite Straße No. 9.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.