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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Gieb mir das Gericht, sprach Esau, denn mich hungert. Jakob 
aber erwiederte: Wenn du mir deine Erstgeburt dafür verkaufst. 
Und der rohe, leichtsinnige Mann sprach: Was soll mir meine Erst 
geburt! ich muß ja doch sterbe». Damit hielt er sein Recht allein 
für ein irdisches, und bedachte nicht, daß geistliche, himmlisch« Vor 
züge damit verknüpft waren, die Würde nemlich, Gottes Verhei 
ßungen zu vererbe» auf die Nachkommen. Jacob aber zeigt sich 
unbrüderlich und eigennützig, da er Esan'S Anerbieten annahm, und 
sein unbedeutendes Essen "für einen so hohen Preis verkaufte. Wie 
schnell sinkt die Tugend in einem edlen Geschlecht! WaS wir an 
Abraham bewundert haben, ist schon nicht mehr zu finden an seinen 
Enkeln. Doch war Jakob noch würdiger, ein Hausherr und Erz 
vater zu werden, und der Empfänger göttlicher Gnaden, als Esau; 
aber Gott mußte sich ihn erst erziehen durch mancherlei Prüfungen: 
denn so wie er war, schlug er einen unredlichen Weg ein, den Se 
gen der Erstgeburt zu empfangen, die er seinem Bruder abgekauft 
hatte. 
Nämlich das war GotteS Wille, daß nur Einer aus der Fa 
milie der Patriarchen der Haupterbe der väterlichen Güter, und da 
mit ein Herr über die übrigen Hausgenossen »ach seines VaterS 
Tode sein sollte; wie in unsern Königsfamilien uur Ein Prinz die 
Krone erbt, und damit König wird seiner Brüder um der Ordnung 
willen. 
Aber nicht grade der älteste Sohn eines Erzvaters sollte der 
Erbe sein seiner Würde, sondern der, welchen der Vater besonders 
einsetzte und einsegnete. Und ein solcher Segen war nicht des Va 
ters allein, sondern eS war ein Segen von Gott, der nicht wieder 
zurückgenommen werden konnte; es war ja auch eben damit das 
Erbe der göttliche» Gnaden und Verheißungen verbunden. 
Als nun Isaak alt war und hoch betagt, und seine Augen dun 
kel geworden waren, da sprach er eines Tages zu seinem Sohne 
Esau: Gehe hin und fange mir ein Wildpret, und richte mir'S zu, 
wie ich es gern esse, und bringe mir das Gericht: dann will ich 
dich segne» mit dem Segen der Erstgeburt. Und Esau ging hin. 
Aber die Mutter hatte gehört, was Isaak sagte, und rief ihren 
Sohn Jakob und beredete ihn, er möchte in Esau's Kleider» vor 
dem blinden Vater erscheinen mit einem Gericht, das sie ihm zu 
bereiten wollte, damit er den Segen des Vaters empfinge. Und 
Jakob that, wie ihm seine Mutter gerathen'batte, und erschien also 
vor Isaak. Und der alte Mann befühlte seine Hände und seinen 
Hals, die rauh waren von.Haaren bei Esau; Jakob aber batte sich 
mit Fellen umwickelt, daß der Vater ihn nicht erkennen inöchte; nud 
als dieser nun gegessen und Wein getrunken hatte, küßte er seinen 
zweiten Sohn und segnete und setzte ihn zum obersten Erben ein 
mit diese» Worten: 
„Gott gebe dir vom Thau des .Himmels und von der Frucht 
barkeit der Erde, und Korn und Wein die Fülle. Völker müssen
        
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