Path:
Volume

Full text: Südseite (Rights reserved) Issue2021,1 (Rights reserved)

01 | 2021 Sanierungszeitung Südliche Friedrichstadt · Semt yenileme gazetesi · ‫صحيفة اصالح وتأهيل المنطقة‬ Gewobag-Einkauf ermöglicht Neubau Die Idee vom Bildungscampus an der Schumacher-Schule Ferienwohnungen verknappen den Wohnraum Textilien kaufte man früher im Kaufhaus Jordan 10 JAHRE SANIERUNG Die Friedrichstadt – ein Museum des Städtebaus Friedrichstadt – Bir Kentsel Gelişim Müzesi ‫فريدريش شتادت – متحف للتنمية العمرانية‬ LOGIN FOCUS M inhalt · içindekiler · ‫المحتوى‬ Bebauungspläne sollen erschwingliche 4 Wohnungen auch nach der Sanierung garantieren · Imar planları, restorasyon sonrasında bile uygun fiyatlı apartmanlar garantilemeli ‫من المرتقب أن تؤمن مخططات عمرانية مساكن‬ ‫بأسعار في المتناول حتى بعد أعمال اإلصالح والتجديد‬ Die Gewobag hat ein Hochhaus 5 in der Franz-Künstler-Straße gekauft Gewobag, Franz-Künstler Caddesi’nde bir gökdelen satın aldı ‫اقتنت شركة جيفوباج برجاً يقع على شارع‬ ‫فرانتس كونستلر شتراسه‬ THEMA M 5 Wie ein Bildungscampus an der 6 Kurt-Schumacher-Schule aussehen könnte Kurt-Schumacher-Okulu’ndabir egitim kampüsünün görünümü nasıl olabilirdi ‫كيف سيبدو الحرم الجامعي لمراكز التدريب‬ ‫المهني قرب مدرسة كورت شوماخر‬ REPORT M Die Gedenkbibliothek plant einen Anbau – übergangsweise Anma kütüphanesi bir müştemilat planı yapıyor - Geçici olarak ً‫ مؤقتا‬- ‫المكتبة التذكارية تخطط للتوسع‬ Auch legale Ferienwohnungen 12 verknappen den Wohnraum Yasal tatil evleri de yaşam alanlarını daraltıyor ‫حتى مساكن العطل القانونية تقلص المساحة السكنية‬ Mehringplatz West: Guter Start 12 mit neuem Vermieter Mehringplatz West: Yeni bir mülk sahibiyle iyi bir başlangıç ّ ‫ بداية جيدة مع مؤ‬:‫ميرينج بالتز الغربية‬ ‫جر جديد‬ HISTORIE M Das Angebot von „Kunst & Küche“ 13 erwärmt das Herz “Sanat ve Mutfak” teklifi kalpleri ısıtıyor ‫عرض "فن ومطبخ" يثلج الصدر‬ Von „Deutschlands größtem Wäsche-Geschäft ist nichts geblieben “Almanya’nın en büyük kadın iç giyim magazası”ndan geriye hiçbir şey kalmadı ‫لم يتبق شيء من أكبر متجر للمالبس الداخلية‬ ‫في ألمانيا‬ 14 Wo Kinder lernen, wie man ein 15 Phantasie-Kostüm schneidert Çocukların düşsel kostümler dikmeyi ögrendigi yer ‫حيث يتعلم األطفال كيفية خياطة أزياء‬ ‫مستوحاة من الحكايات الخرافية‬ 2 BAUVERZÖGERUNG AUF DEM MEHRINGPLATZ Während die Pflasterarbeiten rund um den Mehringplatz ihre letzte Etappe in der Friedrichstraße erreicht haben, hinkt die Neugestaltung des Platzes selbst noch hinterher. Grund ist das Gleichrichterwerk der U-Bahn, das unter der künftigen Grünanlage liegt. Damit das fast 100 Jahre alte unterirdische Bauwerk nicht gefährdet wird, musste die Statik aufwändig geprüft und mit der BVG abgestimmt werden. Ein Problem, das erst durch die Umgestaltung des Platzes selbst sichtbar geworden ist. Den vorgesehenen Bauablauf hat das durcheinandergeworfen. Weil die Arbeiten länger dauern, muss der Bezirk auch zusätzliches Geld beantragen. Das innere Rondell des Mehringplatzes soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Ob das klappt, kann aber noch niemand sicher sagen. Der ursprüngliche Termin im April 2021 kann jedenfalls nicht gehalten werden. K Sanierungsberatung Die Sanierungssprechstunde der Stadtkontor GmbH findet aufgrund der Corona-Pandemie bis auf Weiteres nur tele­ fonisch unter 0331 7435735 statt. Die Vor-Ort-Termine in der Kiezstube am Mehringplatz 7 entfallen. Über Änderungen informiert die Internetseite www.sanierung-suedliche-friedrichstadt.de Aus dem Sanierungsbeirat Die wichtigsten Themen der letzten Sanierungsbeiratssitzungen am 27. Januar und 24. Februar waren: J Planungsstand des ZLB-Neubaus J Temporärer Erweiterungsbau für die AGB J Aktuelle Verkehrsplanungen in der Südlichen Friedrichstadt J Gewerbesituation am Mehringplatz Termine und Protokolle der Sitzungen finden Sie unter www.sanierung-suedliche-friedrichstadt.de LAUFEN UND LAUSCHEN: AUF DEN SPUREN DER IBA GITSCHINER FREIFLÄCHEN: FERTIG, ABER DOCH NOCH NICHT GANZ Die Neugestaltung der Grünanlagen an der Gitschiner Straße und am Halleschen Ufer verlief planmäßig. Allerdings konnten wegen einiger Mängel die Bauzäune nicht wie angekündigt zum Jahreswechsel vollständig entfernt werden. Der neu asphaltierte Weg zur Mehringbrücke – früher sandig und pfützenreich – ist noch nicht freigegeben, weil es beim Stromanschluss der Laternen Proble­ me gab. Auch zwei Bänke, auf deren Sitzflächen sich Wasser sammelt, bleiben noch gesperrt, bis der Mangel behoben ist. Mit den Spiel- und Fitness­ geräten sowie den neuen Sitzgelegenheiten werden die Gitschiner Freiflächen deutlich in ihren Nutzungsmöglichkeiten verbessert. K KONTAKT Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128 Tel. 030 78902600 Die Berlinische Galerie hat im Rahmen ihrer Ausstellung „Anything Goes? Berliner Architekturen der 1980er Jahre“ kostenlose Hörspaziergänge („Audiowalks“) zu den wichtigsten Stationen der Internationalen Bauausstellung in der Südlichen Friedrichstadt erstellt. Auf drei Routen mit Spaziergängen zwischen 60 und 90 Minuten kann man sich auf Spurensuche begeben. Zum Beispiel von der „Piazza del Popolo“, dem Mehringplatz, der eigentlich einer Autobahn weichen sollte, über den „postmodernen“ Theodor-WolffPark, wo Stahlträger und Keramik-Abflussrohre an die einstigen Gewerbebauten erinnern bis hin zum auffälligen Tor- und Uhrenhaus in der Friedrichstraße 234. Die Audiowalks sollen schon mal Lust machen auf die Ausstellung, die nach dem Ende des Lockdowns bis zum 18. August zu sehen sein wird. K INFO Starten kann man die Audiowalks auf www.berlinischegalerie.de Kostenlose Mieterberatung Die offene Mieterberatung sowie die mietrechtliche Beratung durch einen Rechtsanwalt bzw. eine Rechtsanwältin finden bis auf Weiteres aufgrund der Beschränkungen durch Corona telefonisch statt. Es ist dafür eine Terminvereinbarung unter Tel. 030 293431-0 oder per E-Mail unter info@asum-berlin.de erforderlich. 01 | 2021 3 FOCUS INFO Über Potenziale und Beschränkungen für eine mögliche Bebauung auf den betreffenden Flächen wird am 24. März um 18 Uhr im Sanierungsbeirat diskutiert. Interessierte finden Informationen zur Teilnahme per Videokonferenz unter www.sanierung-suedlichefriedrichstadt.de WAS IST DENKBAR, WAS MACHBAR? bebauungspläne sollen sichern, dass auch nach der sanierung erschwingliche wohnungen gebaut werden der Franz-Klühs-Straße, auf der die ParkpaEin wichtiges Ziel der Sanierung ist es, den Neubau an den Bedürfnissen der in der Südli- lette steht sowie die Fläche zwischen zwei chen Friedrichstadt lebenden Menschen aus- Hochhäusern am Ende der Neuenburger zurichten. Das heißt: Wohnungen müssen be- Straße. zahlbar und familientauglich sein. Die genau- Gemeinsam mit der Gebietsvertretung werden in mehreren Beteiligungsrunden möglien Anforderungen wurden in den sozialen che Bebauungs- und Nutzungsvarianten für Sanierungszielen festgeschrieben. Wo immer diese Areale diskutiert: Wie hoch und wie neu gebaut wird, soll der Wohnanteil so hoch breit kann man dort bauen, wie viele Wohwie möglich sein. Von den neuen Wohnungen müssen mindestens 30 Prozent Sozialwoh- nungen passen hin, ist dort auch Gewerbe nungen sein, die anfangs zu 6,50 Euro pro Qua- sinnvoll? dratmeter nettokalt vermietet werden. Außer- „Es geht darum: Was ist im Sinne unserer Sadem sollen wenigstens 60 Prozent dieser Woh- nierungsziele erreichbar und was ist unter den gegebenen Umständen machbar?“ fasst nungen drei oder mehr Zimmer haben. Wenn das Sanierungsgebiet in voraussicht- Helen Keymer von Stadtkontor die Aufgabe lich fünf Jahren aufgehoben wird, gelten die- zusammen. Andreas Dihlmann vom Stadtplanungsamt gibt zu bedenken: „Vieles aus dem se Vorgaben aber nicht mehr. Zur Vorsorge überlegt das Bezirksamt deshalb jetzt schon, Sanierungsrecht kann man im Bebauungsdie Sanierungsziele auf Dauer abzusichern. plan nicht festsetzen.“ Darüber könnte man Das geht zum Beispiel mit Bebauungsplänen, aber mit den Bauherren im Rahmen städtebaulicher Verträge verhandeln. Welche Punkin denen Vorgaben für den Neubau gemacht te dabei wichtig sind, soll mit der Machbarwerden können. keitsstudie herausgefunden wer­den. Wie das genau aussehen kann, untersucht der Sanierungsbeauftragte Stadtkontor ge­- Deren Fertigstellung ist für September geplant, damit der Bezirk möglichst bald rade in einer Machbarkeitsstudie. Konkret die Aufstellung der Bebauungspläne prügeht es darin um zwei Flächen, auf denen fen kann. Denn erst mit dem offiziellen Bezukünftig neu gebaut werden kann: der AOK-Parkplatz an der Friedrich-Stampfer- schluss der Aufstellung geht das richtige Bebauungsplanverfahren los. K Straße zusammen mit dem Grundstück an 4 »Besonders erfreulich ist, dass jetzt die Voraussetzungen für zusätzlichen Neubau geschaffen sind. « Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn über den Verkauf DIE GEWOBAG WAR EINKAUFEN grundstückserwerb ermöglicht wohnungsbau Die Gewobag hat jüngst das Hochhaus in der Franz-Künstler-Straße 2 von der Deutschen Wohnen erworben. Das Gebäude an der Ecke Alexandrinenstraße hat auf 15 Etagen 116 Wohnungen und drei Gewerbeeinheiten. Das Unternehmen besitzt im Umkreis von drei Kilometern bereits 6 200 Wohnungen, darunter auch den größten Teil der Mehringplatz-Bebauung. Mitgekauft wurden von ihr zwei Grundstücke an der Franz-Künstler-Straße, die zum Teil mit Garagen bebaut sind. „Die Flächen ermöglichen uns eine Arrondierung des Bestands und eine bessere Bebaubarkeit unseres Nachbargrundstücks in der Alten Jakob­ straße 4“, erklärt Gewobag-Vorstand Markus Terboven. Dort stehen noch bis Ende 2022 „Tempohome“-Container für die Unterbringung von Geflüchteten. Die Gewobag will dort schon seit langem Wohnungen bauen. Gewobag-Sprecherin Monique Leistner: „Wir stimmen uns zur Zeit mit dem Bezirks­ amt über die Aufstellung eines Bebauungsplans ab.“ K ERWEITERUNG FÜR DEN ÜBERGANG ein temporärer anbau soll die platznot in der gedenkbibliothek fürs erste lindern 01 | 2021 Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) möchte an der Rückseite ihres Hauses einen Erweiterungsbau errichten, denn sie platzt aus allen Nähten. Flexible Arbeitsräume, die mit Faltwänden abgetrennt oder zusammenge­ legt werden können, und ein großer Leseund Veranstaltungssaal sollen in diesem Gebäude mit 850 Quadratmetern entstehen. Geplant ist ein langgestreckter Bau mit einer Holzlamellen-Fassade entlang der Blücherstraße, der mit dem Hauptgebäude verbunden ist. Die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), zu der die AGB gehört, möchte den „Tempobau“ noch in diesem Jahr eröffnen und hat einen Bauantrag bei der Senatsverwaltung gestellt. Es müssen allerdings einige Bäume dafür weichen. Die Bezirksverordnetenversammlung »Es besteht ein hat mit großer Mehrheit eine „ökologisch großer Bedarf an schonende Planungsvariante“ gefordert, bei kostenfreien, niedrigder „möglichst viel Bestand an teilweise schwelligen Plätzen mehrere Jahrzehnte alten Bäumen erhalten zum Arbeiten. « bleibt“. Vorgesehen ist der Anbau für die Übergangszeit bis zum Baubeginn des groJudith Galka (ZLB) ßen ZLB-Neubaus im Jahr 2026. Während der Bauarbeiten muss die AGB voraussichtlich für längere Zeit schließen, weil sie durch die Baustelle von den notwendigen Versorgungsleitungen abgeschnitten wird. Man sucht jetzt schon nach einem Ausweichquartier in der Nähe. K 5 THEMA NEUE SCHULE, NEUE KITA UND EINE GRÜNE MITTE so könnte ein bildungscampus an der kurt-schumachergrundschule aussehen Während die Sanierungsarbeiten in der KurtSchumacher-Schule nur holperig voran kommen, wird schon an der weiteren Zukunft der Schule gearbeitet. Die Idee: Die Kurt-Schumacher-Grundschule soll mit den benachbarten Bildungseinrichtungen – der Kita Kochstraße und dem Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode (OSZ) – zu einem Campus zusammengefasst werden. Die drei Einrichtungen »Das Bezirksamt misst bleiben dabei eigenständig, können aber die diesem Vorhaben einen sehr hohen Stellenwert bei. « Spiel- und Freiflächen, die Sporthallen und bestimmte Räume gemeinsam nutzen. Schulstadtrat Andy Hehmke Die Kurt-Schumacher-Grundschule soll dabei nach Plänen des Schulamtes zu einer dreizügigen Gemeinschaftsschule erweitert werden. Hier werden 732 Kinder in den Klassen 1 IST-ZUSTAND bis 10 zur Schule gehen. Die gymnasiale Oberstufe wird mit 150 Schülerinnen und Schülern nebenan im OSZ untergebracht. Hierfür wird das OSZ um einen neuen Bautrakt erweitert. Es werden aber auch noch zusätzliche größere Schulgebäude benötigt. Der Vorschlag für den Campus kam 2018 von Schulstadtrat Andy Hehmke. Ein solches Bildungsangebot habe an dieser Stelle noch gefehlt. „Mit der Entwicklung der Schule zur Gemeinschaftsschule entsteht hier das einzige Oberschulangebot einer allgemeinbildenden Schule in öffentlicher Trägerschaft nördlich der U-Bahnlinie 1“, sagt Hehmke. Der Sanierungsbeauftragte Stadtkontor hat eine Machbarkeitsstudie für einen gemeinsamen Bildungscampus erarbeitet. Dafür wurde das gesamte Areal zwischen Puttkamer-, Wilhelm- und Kochstraße unter die Lupe genommen. Die jetzige Aufteilung der Flä- Eine Neuordnung der Fläche macht Sinn VARIANTE 3 6 che vergeudet Platz und behindert die Nutzungsmöglichkeiten. Außerdem ist einem Außenstehenden nicht gleich klar, wo sich die Eingänge zur Schule, zur Kita und zum OSZ befinden. Um noch vor der eigentlichen Planung herauszufinden, wo man am besten den notwendigen Neubau errichtet und wie man die Flächen sinnvoll neu ordnen kann, hat Stadtkontor sechs Varianten entworfen. In Workshops haben die Beschäftigten der drei Einrichtungen und Mitarbeiter des Bezirksamts der Variante 3 deutlich den Vorzug gegeben. Diese schnitt auch bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung am besten ab. Die Vorzugslösung trägt den Namen „Grüne Mitte“ und sieht vor, dass an der Puttkamerstraße und an der Wilhelmstraße zwei miteinander über Eck verbundene Gebäude für die Schule entstehen. Das provisorische Gebäude mit mobilen Unterrichtsräu- Den Freiraum in der Mitte können alle nutzen men (MUR) an der Puttkamerstraße wird dafür abgebaut. Anschließend wird das von der Kita und vom Hort gemeinsam genutzte und stark sanierungsbedürftige Haus abgerissen. Im letzten Schritt entsteht weiter nördlich hinter den Wohnhäusern der Kochstraße ein neues Kita-Gebäude. In der Zwischenzeit ziehen die 210 Kita-Kinder in einen Teil des Schulneubaus. So entsteht zwischen Kita, dem OSZ, altem und neuem Schulgebäude ein großer, von der Straße abgeschirmter Freiraum, der für Schulhof, Spielflächen und Sportanlagen genügend Platz bietet. An der Wilhelmstraße öffnet sich in der Verlängerung der Anhalter Straße ein neuer Zugang mit einem grünen Vorplatz für die Kita. Um den Schul- und Kitabetrieb während der Bauarbeiten immer aufrecht zu erhalten, müsste der Bau in mehreren Phasen umgesetzt werden. Einem ersten Zeitplan zufolge sollen die neuen Schulgebäude in acht Jahren fertig sein, der Kita-Neubau könnte nach weiteren zwei Jahren bezogen werden – vorausgesetzt, die Planung wird jetzt zügig weitergeführt. Angesichts der aktuellen Dauerbaustelle herrscht an der Kurt-Schumacher-Grundschule Skepsis vor. „Die Schule steht in ihrer 01 | 2021 ursprünglichen Form immer noch nicht den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung“, sagt Schulleiter Lutz Geburtig. Er hätte sich auch gewünscht, die gymnasiale Oberstufe direkt in die Kurt-Schumacher-Grundschule einzubinden, statt sie beim OSZ unterzubringen. Zu klären wäre noch die Finanzierung. Die Kosten für den Neubau der Kurt-Schumacher-Schule werden auf 45,4 Millionen Euro geschätzt. Aus der Berliner Schulbauoffensive stehen immerhin schon 30 Millionen Euro bereit. Für den Kita-Neubau werden die Kosten auf 7,4 Millionen Euro geschätzt. Die Schule an sich ist durch die Schulbauoffensive abgesichert, aber für die Kita gibt es keine vergleichbare Förderung. » Ich wünsche uns allen Die bestehenden Kita- und Schulgebäude hän- ganz viel Durchhaltevermögen.« gen baulich voneinander ab. Wenn sich keine Finanzierung für die Kita findet, kann auch Lutz Geburtig, Leiter der Kurt-Schumacher-Grundschule der Schulbau nicht umgesetzt werden. K INFO Präsentation der Machbarkeitsstudie im Protokoll des Sanierungsbeirats vom 25. November 2020: www.sanierung-suedliche-friedrichstadt.de/ der-sanierungsbeirat/sanierungsbeirat-protokolle 7 10 S A N I E R U N G J A H R E DIE FRIEDRICHSTADT – EIN MUSEUM DES STÄDTEBAUS vor zehn jahren wurde die südliche friedrichstadt zum sanierungsgebiet erklärt – anlass für einen ausflug in die rund 400-jährige geschichte dieses stadtquartiers Dort, wo die Friedrichstadt entstehen sollte, war bis zum Ende des 17. Jahrhunderts noch „eine tiefgelegene, sumpfige Gegend, die alljährlich bei Hochwasser durch Überschwemmungen heimgesucht wurde“, heißt es knapp 200 Jahre später im Stadtführer „Vom alten zum neuen Berlin“. „Der südliche Teil, der aus Sumpf und Wiese, Erlenbusch und Feld bestand, war eine traurige, unfruchtbare Gegend.“ Ab 1688 wurde der Stadtteil in einem rechtwinkligen Straßenraster nach Plan aufgebaut. Die Hauptstraßen waren die Friedrichstraße und die Leipziger Straße, die zu den Stadttoren führten. Zwischen 1732 und 1738 kamen die Lindenstraße und die Wilhelmstraße hinzu, die als Achsen am Halleschen Tor mit der Friedrichstraße an einem runden Platz, dem heutigen Mehringplatz, zusammentrafen. Dieses Grundschema der Friedrichstadt besteht heute noch. Der Grund, einen neuen Stadtteil anzulegen, war nicht etwa eine Wohnungsnot. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. wollte, dass seine Hauptstadt groß und stattlich erscheint. Und so zwang er „seine Minister, die Hofwürdenträger und Staatsdiener, viele Offiziere und alle reichen Leute, deren Geld er kannte, zum Bau“, berichtet der Geschichtsschreiber Ernst Consentius 175 Jahre später. 8 Den Bauherren war eine einheitliche Architektur vorgegeben. „Lange Straßen sahen aus, als stünde an den geraden Reihen zur Rechten und Linken nur ein einziges, langes, niedriges Haus“, so Consentius. Der runde Platz hieß anfangs nur „Rondell“ und war ein schmuckloser Markt- und Exerzierplatz. Nach Preußens Sieg gegen Napoleons Truppen bekam das Rondell 1815 nach dem Ort der letzten Schlacht den Namen Belle-Alliance-Platz. 1843 wurde in der Mitte die Säule mit der Skulptur der Siegesgöttin Victoria aufgestellt und wenig später einer von sechs öffentlichen Springbrunnen in Berlin. Die Friedenssäule hat die bewegten Zeiten bis heute überstanden. Im Innern Lärm und draußen Stille Die Friedrichstadt war schon immer zweigeteilt. Die „innere Friedrichstadt“ wurde im 19. Jahrhundert zu einem Teil der City: In der Leipziger Straße und in der Friedrichstraße siedelten sich Geschäfte, Büros und Gaststätten an. Die „äußere Friedrichstadt“ blieb dagegen noch lange ein ruhiges Wohnund Handwerkerviertel mit Gärten hinter den Häusern. Als Trennlinie wurde die Kochstraße empfunden. Sie zog „eine Grenze zwischen Stadt und Vorstadt – diesseits lag der INFO Lärm, jenseits die Stille“, schrieb der Schriftsteller Theodor Fontane 1867. „Die Läden hörten auf, die Jalousien fingen an.“ Als Berlin in der Gründerzeit im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zur Millionenstadt heranwuchs, dehnte sich das Geschäftsviertel auf die gesamte Friedrichstadt aus. Es siedelten sich Verlage und Druckereien, Industriebetriebe, Versicherungen und Verwaltungen an. Die alte Bebauung wurde durch fünfgeschossige Mietskasernen ersetzt. „Das Alte wurde bedenkenlos durch Neues ausgetauscht“, merkte der Historiker Wolfgang Schäche an. Selbst die vom hochverehrten Baumeister Schinkel errichtete Sternwarte an der Enckestraße wurde einfach abgerissen. Berlin ging „seiner eigenen Geschichte an den Kragen“, so Schäche. Die Unterscheidung in Nördliche und Südliche Friedrichstadt wurde erst 1920 üblich, als der Stadtteil an der Zimmerstraße zwischen den neuen Bezirken Mitte und Kreuzberg aufgeteilt wurde. In den Jahren der Weimarer Republik hat sich das Bild der Friedrichstadt kaum noch verän- 01 | 2021 dert. Das Nachtleben der Friedrichstraße, für das Berlin in den 1920er Jahren berühmt war, drang nicht so weit in den Süden vor. „Alles war ein bisschen versteckter, die Nachtcafés waren hier die Kaschemmen, der Nachtclub war hier der Massagesalon, von dessen Existenz man nur über zweideutige Annoncen erfuhr“, heißt es im „Führer durch das lasterhafte Berlin“ aus dem Jahr 1931. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Friedrichstadt zu großen Teilen dem Erdboden Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt es der kommunistisch dominierte Magistrat nicht mehr für angemessen, preußische Kriegsschauplätze zu ehren. So erhielt der Belle-Alliance-Platz 1946 den Namen Franz-MehringPlatz, 1947 dann verkürzt zu Mehringplatz. Franz Mehring (1846-1919) war ein sozialdemokratischer Zeitungsredakteur, Schriftsteller und Politiker, der sich während des Ersten Weltkriegs von der SPD abwandte und Mitbegründer der Kommunistischen Partei wurde. Benannt wurde der Platz nach ihm, weil er von 1906 bis 1911 in der nahe gelegenen Lindenstraße 3 an der Parteischule der SPD gelehrt hatte. Verwechslungsgefahr besteht mit dem Franz-Mehring-Platz in Friedrichshain: 1972 wurde in Ost-Berlin der Platz vor dem Redaktionsgebäude des Neuen Deutschland ebenfalls nach ihm benannt. Der Schriftsteller Walter Mehring ist nicht mit ihm verwandt. gleich gemacht. Vor allem die Bombenangriffe vom Februar 1945 verwüsteten diesen Stadtteil wie kaum einen anderen. Von vielen Stadtplanern wurde diese Zerstörung durchaus als willkommene Vorarbeit für einen Neuaufbau begrüßt. Das Trümmerfeld wurde zur Spielwiese für eine erträumte „Stadt von morgen“. Der neue Stadtbaurat Hans Scharoun stellte einen Plan auf, der mit der alten Stadt nicht mehr viel zu tun hatte: In einem Netz von Schnellstraßen sollten Wohn- und Gewerbegebiete streng voneinander getrennt entstehen. Auch die Südliche SPEZIAL 9 INFO Die Voruntersuchung und die Sozialstudie finden sich unter „Downloads“ auf www.sanierungsuedlichefriedrichstadt.de Im Rahmen von wird die SÜDSEITE auch über die bisherigen Ergebnisse und die noch anstehenden Aufgaben der Sanierung berichten. 10 Friedrichstadt sollte eine solche Schnellstraße nördlich des Mehringplatzes von Ost nach West durchschneiden. Diese Südtangente wurde nie gebaut, doch der Grund und Boden wurde lange für die Trasse freigehalten. Die vom Krieg verschonten Häuser standen deshalb stellenweise verloren auf freiem Feld. Gebaut wurde zunächst nur am Rande der Friedrichstadt: die Amerika-Gedenkbibliothek in den 50er Jahren, die Wohnsiedlung „SpringProjekt“ östlich der Lindenstraße und die Blumengroßmarkthalle in den 60er Jahren. Die Neubauten am Mehringplatz entstanden 1968 bis 1976 nach den Plänen von Hans Scharoun. Die Wilhelmstraße und die Lindenstraße wurden so verlegt, dass der runde Platz zum Fußgängerbereich werden konnte. Die Häuser mit 1 550 Wohnungen entwarf der Architekt und Scharoun-Schüler Werner Düttmann, der von 1960 bis 1966 als Senatsbaudirektor die West-Berliner Stadtplanung maßgeblich mitgestaltet hatte. Düttmanns in der Friedrichstadt gebaute Wohnhäuser der Großsiedlung wirken zwar von außen möglicherweise auf den einen oder die andere schroff, erfreuten die Mieter aber mit hervorragenden Grundrissen, was man von vielen anderen – nach den Maßstäben des Sozialen Wohnungsbaus und der Maßgabe finanziell knapper Mittel gebauten – Häusern nicht sagen konnte. Von Düttmann stammen auch die zur gleichen Zeit gebauten 500 Wohnungen zwischen Friedrich-, Hedemann-, Wilhelm- und Puttkamerstraße. Ihre Planung hatte zur Grundlage, was die Internationale Bauausstellung 1984/87 (IBA) zum Prinzip erhob: die Ausrichtung neuer Gebäude am vorhandenen Straßenraster. Die IBA (Motto: „Die Innenstadt als Wohnort“) nahm in Angriff, die Baulücken mit Neubauten zu schließen, um so die „kaputte Stadt zu retten“. Die Südliche Friedrichstadt war das größte der vier IBA-Neubau-Gebiete. Architekten aus dem In- und Ausland wurden eingeladen, hier ihre neuartigen Wohnungsbau-Ideen in die Tat umzusetzen. „Die Südliche Friedrichstadt wird zum beispielgebenden Modell einer strukturellen und gestalterischen Stadtrekonstruktion in Berlin“, sagte der damalige Bausenator Georg Wittwer. Nach dem Fall der Mauer lag die Südliche Friedrichstadt plötzlich wieder in der Mitte der Stadt. Die SPD baute an der Wilhelmstraße ihre neue Parteizentrale, an der Lindenstraße erstrahlt das neue, aufsehenerregende Jüdische Museum und in der Alten Jakobstraße die Berlinische Galerie als be- Nach dem Mauerfall im Zentrum deutender Museumsstandort für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Ansonsten entstanden hier in den ersten 20 Jahren nach dem Mauerfall wenig neue Gebäude. Auswirkungen hatte die Vereinigung der Stadthälften vor allem insofern, als die Autoverkehrsbelastung wuchs und die Wohnungsmieten stiegen. Bevor die Südliche Friedrichstadt 2011 als erstes von Neubauten geprägtes Quartier zum Sanierungsgebiet erklärt wurde, hatte das Büro „Planergemeinschaft“ eine Voruntersuchung durchgeführt, die dem Gebiet eine „Einzigartigkeit“ bescheinigte, entstanden aus einer „Kombination aus Wohn-, Wirtschafts- und Kulturstandort einerseits und Persönliche Rückblicke auf die Südliche Friedrichstadt dem Erscheinungsbild als ‚Städtebaumuseum‘ andererseits“. Aber: Im Viertel funktioniere vieles nicht so, wie es sollte, und größere Teile der Bewohnerschaft stecken in finanziellen Nöten. „Nicht nur der hohe Anteil von Beziehern von Transferleistungen ist hierbei zu erwähnen. Auch die Tatsache, dass nahezu Dreiviertel aller Kinder und Jugendlichen in Haushalten ohne geregeltes Arbeitseinkommen aufwachsen müssen, ist herauszustellen“, heißt es in dieser Voruntersuchung. Die Mieterberatungsgesellschaft asum sah 2014 in einer Sozialstudie genauer hin: Die Bewohnerschaft unterschied sich teilweise deutlich vom Rest des Bezirks. So lebten hier mehr Kinder und Jugendliche, aber auch mehr ältere Menschen über 65 Jahren. Zwei Drittel der Bewohner hatten einen Migrationshintergrund – das war seinerzeit der dritthöchste Anteil in allen Berliner Stadt- Besondere Bedeutung hat das Wohnumfeld vierteln. Zudem gab es viele Familien mit Kindern. Ein Drittel der Haushalte bestand aus drei und mehr Personen – doppelt so viel wie im restlichen Bezirk. Auffällig viele Familien wohnten in beengten Verhältnissen. Eine besonders große Bedeutung habe deshalb die Qualität des Wohnumfeldes. „Der öffentliche Raum war für seine Bewohnerinnen und Bewohner wenig attraktiv“, erinnert sich Kerima Bouali von asum. „Es gab erneuerungsbedürftige Grün- und Spielflächen, unschöne Wegeverbindungen und kaputte Straßenlampen.“ Diese Mängel werden seit einem Jahrzehnt mit den Mitteln der Städtebauförderung behoben. Einiges ist schon geschafft, manche Bauarbeiten ziehen sich in die Länge und andere Aufgaben stehen der Südlichen Friedrichstadt noch bevor. Der für die Sanierung ursprünglich vorgesehene Zeitraum von zehn Jahren wurde deshalb um fünf Jahre verlängert. K 01 | 2021 „Dieses zentrale Gebiet in Berlin war bis vor zehn Jahren in vieler Hinsicht vernachlässigt. Weder Politik und Verwaltung noch Bewohner waren sich bewusst, welche exponierte Lage und historische Bedeutung die Südliche Friedrichstadt einnimmt.“ Bernd Surkau, langjähriger Gebietsvertreter „Das Kabarett der ‚Kiez-Krähen‘ hat sich 2011 eines aktuellen Problems im Kiez angenommen, das zahlreiche Bewohner ärgerte, weil es dem Mehringplatz das Gesicht nahm: die zu Sanierungsarbeiten verschwundene Victoria. Auf dem Platz stand nur noch eine nackte Säule.“ Wulfhild Sydow, Bewohnerin seit 1971 „Ich kannte damals deutlich weniger Menschen im Gebiet als heute.“ Hendrikje Herzberg, Gebietsvertreterin „In den sechs Jahren, die ich als Mitarbeiterin der Gewobag vor Ort dabei bin, war der Mehringplatz eine Dauerbaustelle. Das Umfeld hat sich in dieser Zeit sehr verändert. Damals befanden sich viele der inzwischen entstandenen Neubauten noch in der Planung.“ Sabine Kunert, Gewobag „Es war ein gänzlich anderes Sanierungsgebiet, als ich es aus den Gründerzeitvierteln in Friedrichshain kannte: der Mehringplatz mit dem Rondell und der Fußgängerzone, der interessante Architekturmix, Brachflächen mit vielen ungenutzten Möglichkeiten und eine ganz andere Bewohnerschaft.“ Kerima Bouali, asum „Als ich im November 2013 die Leitung der Schule übernommen hatte, wollten viele Familien ihre Kinder an anderen Schulen anmelden und wir hatten nur noch 345 Schüler und Schülerinnen. Die Schule ist inzwischen eine inklusive Schule mit einen SESB-Zweig (‚Staatliche Europaschule Berlin‘). In diesem Schuljahr haben wir 425, im nächsten Schuljahr 475 SchülerInnen.“ Yvonne André, Schulleiterin der Galilei-Grundschule SPEZIAL 11 REPORT WOHNUNGSPOLITISCHE ALTLAST die ferienwohnungen am mehringplatz 12-14 sind zwar legal, nehmen aber dringend benötigten wohnraum weg In Vor-Corona-Zeiten sah man am Rondell häufig junge Leute mit Rollkoffern herumirren, auf der Suche nach ihrer Unterkunft. Einige möblierte Apartments dort kann man ab 120 Euro pro Tag im Internet buchen. An­ » Wenn die Kündigung bieter ist das „A & B Apartment & Boarding­ dieses Gewerbehouse Berlin“. Ist das überhaupt erlaubt?, vertrags möglich ist, fragt sich mancher Anwohner. Antwort des sollte man das Bezirks­amts: ja, ist es. Vier Ferienwohnun- umgehend tun. Es gen gibt es am Mehringplatz 12-14, bestätigt ist nicht Aufgabe eine Bezirksamts-Sprecherin, darunter ei- einer kommunalen ne Maisonette-Wohnung. Weil sie schon vor Wohnungsbaugesell2014 als Ferienapartments vermietet wor- schaft, im Ferienden waren, genießen sie Bestandsschutz. wohnungsgeschäft Erst seit 2014 gilt die Vermietung einer Feri- mitzumischen.« enwohnung als Zweckentfremdung und ist Gaby Gottwald, Fraktion der genehmigungspflichtig. Ob das auch für Alt- Linken im Abgeordnetenhaus fälle gilt, muss das Bundesverfassungsgericht klären. Bis dahin dürfen die vier Wohnungen weiter angeboten werden. Die Howoge, frischgebackene Eigentümerin der Häuser, sagt, man sei an die Verträge gebunden, die der Voreigentümer mit dem Ferienwohnungsanbieter geschlossen hat. Man werde die Unterlagen aber nach Erhalt prüfen, so Unternehmenssprecherin Sabine Pentrop. Grundsätzliches Ziel sei es, alle Wohnungen in dem neu erworbenen Bestand dem regulären Mietwohnungsmarkt zuzuführen. K 12 INTERESSE AN ZUSAMMENARBEIT der eigentümerwechsel am westlichen mehringplatz macht hoffnung Mit der Übernahme durch die Howoge geht für die „Mieter*innen-Initiative Mehringplatz West – es reicht!“ ein jahrelanger Kampf zu Ende. Der alte Eigentümer ließ die Häuser Mehringplatz 12-14, Friedrichstraße 246 und Wilhelmstraße 2-6 verfallen und war für die dort Wohnenden kaum erreichbar. Mit der Howoge, einem landeseigenen Wohnungsunternehmen, wird das wohl nicht passieren. Die Kommunikation mit ihr läuft bislang gut. Christa Hartmann von der Initiative: „Wir haben bereits mehrere Male Kontakt mit der Wohnungsbaugesellschaft aufgenommen – sie hat deutlich gemacht, dass sie an einer guten Zusammenarbeit interessiert ist“. Eine funktionierende Interessenvertretung gibt es auch: den „Mieterrat“ und die „Mieterbeiräte“, die für fünf Jahre von den Mietern der Howoge gewählt werden und deren Belange gegenüber der Geschäftsführung vertreten. An den Wahlen der aktuellen Vertretungen können die Mieter aus dem Mehringkiez allerdings noch nicht teilnehmen, weil sie schon begonnen hatten, als der Eigentümerwechsel offiziell vollzogen wurde. Auf Vorschlag des Mieterrats der Howoge könnte die Mehringplatz-West-Initiative übergangsweise die Vertretung der Mieterinnen und Mieter übernehmen. Zwecks Legitimation gibt es auf dem Bogen der zurzeit laufenden Umfrage ein Feld, wo die Meh­ ringplatz-Bewohner darüber abstimmen kön­ nen, ob die Initiative ihre Interessen gegenüber der Howoge vertreten soll. K FÜR DEN GAUMEN UND FÜR´S HERZ in „kunst & küche“ gibt es dinge, die auf wundersame weise zusammenpassen Feine Speiseöle und Fischkonserven aus Spanien, Mate-Tee aus Uruguay, Schokolade aus Berlin und selbstgestrickte Abschmink-Pads aus Baumwolle: „Kunst & Küche“ ist ein Gemischtwaren-Laden im besten Sinne. Seit September 2020 gibt es hier Dinge zu kaufen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber auf wundersame Weise doch zusammenpassen. „Wir wollten das Angebot am Mehringplatz erweitern und den Menschen etwas bieten – etwas für's Herz“, erzählt Susanne Richter, die gemeinsam mit Karin Lücker den Laden führt. Die dritte im ne Konzerte stattfinden. Da es ein erklärtes Ziel der „Globale“ ist, die Kiezstrukturen am Mehringplatz zu stärken, versteht sich auch „Kunst & Küche“ als Ort für die Nachbarschaft. So gibt es die Möglichkeit für handwerklich begabte Anwohnerinnen und Anwohner, ihre Produkte auf Kommission im Laden zu verkaufen. Sobald wie möglich wird es Workshops geben, in denen Kinder und neugierige Erwachsene lernen können, wie man filzt, strickt oder Torten verziert. Da die Öffnung von „Kunst & Küche“ mitten in die Corona-Zeit gefallen ist, läuft ge- Bunde ist Hannah Luper, die in der Küche Torten, Kuchen und Kekse backt. Neben den haltbaren Lebensmitteln aus Spanien und Südamerika stehen regionale, nachhaltig erzeugte Produkte in den liebevoll arrangierten Regalen. „Außerdem achten wir darauf, überwiegend Sachen anzubieten, die in kleinen Betrieben hergestellt werden“, erzählt Susanne. Susanne und Karin kennen den Mehringplatz seit Langem. Ihr Verein „Die Globale e.V.“ organisiert Lernwerkstätten und nachbarschaftliche Veranstaltungen wie Kiezfeste und Flohmärkte. Ein paar Meter von „Kunst & Küche“ entfernt betreibt der Verein das Café MadaMe, in dem es günstiges Mittagessen gibt und in dem Lesungen sowie klei- rade alles anders als geplant. Das Geschäftsmodell musste angepasst, die Auslagen um­ sortiert werden. Im Lockdown können bei „Kunst & Küche“ immerhin Produkte bestellt und abgeholt werden. Wann die Workshops starten, ist noch unklar. Demnächst wird es einen Online-Shop geben, in dem sich In­teressierte das breite Angebot anschauen und zur Abholung bereitstellen lassen können. K »Uns ist wichtig, dass unsere Sachen keine weiten Wege zurücklegen müssen, aber ein bisschen weite Welt ist auch schön – vor allem, weil man heute ja nicht richtig reisen kann. « Susanne Richter, Ladeninhaberin INFO Mieterumfrage von Sonntag, den 21.Februar, bis Sonntag, den 21.März 2021 Weitere Infos unter https://mehringplatzwest. wordpress.com Abgabestellen Umfragebögen: Briefkästen von Hr. Surkau (Wilhelmstr. 6) und Fr. Herzberg (Wilhelmstr. 3). Die ausgefüllten Umfragebögen können erforderlichenfalls auch abgeholt werden – bitte dann unter Tel. 0172 7441695 einen Termin vereinbaren. 01 | 2021 KONTAKT Kunst & Küche Susanne Richter Mehringplatz 8, 10969 Berlin Tel. 0176 70723056 www.kunstundkueche.de www.facebook.com/kunstundkueche mehringplatz 13 HISTORIE DER WELT VORNEHMSTE KAUFSTÄTTE das ehemalige kaufhaus jordan hat an seinem früheren standort nicht viele spuren hinterlassen Als der 27-jährige, aus der Nähe von Kassel stammende Heinrich Jordan 1839 in der Markgrafenstraße 108 ein Wäschegeschäft eröffnete, galt die Gegend noch als verschlafen. Dennoch erwies sich die Standortwahl in den kommenden Jahrzehnten als gute Entscheidung. Von der Leipziger Straße her zogen immer mehr Geschäfte in die Südliche Friedrichstadt, und das Wäschehaus Jordan wuchs von einem Laden mit zwei Fenstern »Und wie sich dieses Berlin zu einem großen Kaufhaus heran. Was als aus einfachen Verhältnissen „Baumwoll- und Posamentierwarenhandlung“ mit „Lager türkischrother, ächt violetter und der Biedermeierzeit zum rother Garne“ begann, wurde zu einem Kauf Luxus des 20. Jahrhunderts haus für „leinene und baumwollene Gewebe heraufarbeitete, (…) so entaller Art, Kleiderstoffe, Seidenstoffe, Gardi wickelte sich die Firma nen, Teppiche, Möbelstoffe, fast sämmtliche Heinrich Jordan aus einem Gegenstände für Frauenkleidung sowie fer kleineren Detailgeschäft tige Betten und Materialien für dieselben“, zum größten Wäschegewie es in einer Selbstdarstellung der Firma schäft Deutschlands und zu einer der vornehmsten Kauf- hieß. Jordan ließ als erster Berliner Händler in eigenen Werkstätten konfektionier stätten der ganzen Welt auf te Wäsche herstellen, die von den Kundin dem so vielfach verästelten Gebiete der Textilbranche. « nen nicht noch umgearbeitet werden musste. Außerdem etablierte er das erste Berliner Selbstdarstellung der Firma aus der Zeit des Ersten Weltkrieges Wäscheversandgeschäft. Dazu wurde das Kaufhaus in mehreren Schritten vergrößert. 1868/69 ließ Heinrich Jordan auf den benachbarten Grundstücken Markgrafenstraße 105-107 einen Neubau errichten. Er selbst wohnte auch in der Nummer 107. Seine Erben bauten die Geschäftsräume im Jahr 1890 weiter aus, und im Jahr 1913 kam in der Enckestraße, die damals noch mit einem Knick in die Lindenstraße einmündete, ein großer Erweiterungsbau hinzu. Die Straßenecke wurde von einem beeindruckenden Turm geprägt. Das Kaufhausimperium erstreckte sich nach einer Umnummerierung von der Markgrafenstraße 85-88 über die Lindenstraße 91/92 bis zur Enckestraße 1/2 – eine fast 200 Meter lange Straßenfront. Rund 2 400 Angestellte waren dort beschäftigt. In den 1920er Jahren musste sich der Betrieb allerdings verkleinern. Das Gebäude an der Enckestraße wurde an den Ullstein-Verlag vermietet. Hier spielte sich in der Bombennacht des 3. Februar 1945 eine Tragödie ab. Viele Menschen, die in dem dortigen Keller Schutz suchten, wurden verschüttet. Die Zahl der Todesopfer ist unbekannt. Nur 21 Tote konnten identifiziert werden. Die Ruinen waren zwar wiederaufbaufähig, wurden aber in den 60er Jahren gesprengt. Nur die zum Kaufhauskomplex gehörenden Wohnhäuser in der Markgrafenstraße 85-87 haben die Zeiten überstanden. K INFO Der Begriff „Posamentierwaren“ ist heute kaum noch gebräuchlich. Gemeint sind Textilartikel wie Borten, Schnüre, Quasten. 14 Hallo Kinder! Noch bevor die Schulen wieder geschlossen wurden, habe ich in der Kurt-Schumacher-Schule Fünftklässlern beim Nähen von Kleidern über die Schulter geschaut. Nachwuchsschneider am Rande des Nervenzusammenbruchs INFO Im Klassenraum der 5b sieht es an diesem Nachmittag aus wie in einer Schneiderei. Auf den Tischen stehen Kisten mit Stoffen, Maßbändern, Scheren, Bändern und was man sonst noch so braucht, um sich ein cooles T-Shirt oder eine Tasche zu nähen. An der Nähmaschine sitzt gerade Ceyhun. Noch ist alles friedlich, die Maschine schnurrt. Kreuzstich und Heftstich können die Kinder bereits aus dem Effeff – naja: fast. Miriam will ein T-Shirt mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens aufpeppen und schneidet gerade ein rotes M aus. „Die Kinder laufen sich warm für ein Fantasiekostüm, das sie entwerfen und nähen sollen“, erzählt mir Micha Etienne. Er ist Werkpädagoge an der Schule. Die Jungen und Mädchen mussten rich- Hallo Vicky, ich habe gehört, dass es Corona-Spürhunde gibt. Stimmt das? Ja, am Flughafen von Helsinki in Finnland sind die Spürnasen sogar schon im Einsatz. Hunde haben eine viel feinere Nase als Menschen. Sie können sogar Schimmel oder Krankheiten wie Diabetes oder Krebs erschnüffeln. Das Virus selbst riecht zwar nicht. Aber wenn jemand an Corona erkrankt ist, gehen von den Zellen im Körper bestimmte Stoffe aus. Wenn die Hunde entsprechend trainiert sind und immer ein Leckerli als Belohnung kriegen, schlagen sie dann Alarm. Hier könnt ihr euch einen interessanten Podcast anhören: https://kinder.wdr.de/radio/kiraka/nach richten/klicker/Corona-Hunde-100.html Wenn Ihr Fragen an Vicky habt, dann schreibt per E-Mail an vicky@hnh-presse.de oder per Post an H & H Presse Büro Berlin, Vicky, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin. Antwort kommt garantiert. 01 | 2021 Das Projekt „Kinder machen Kleider“, ist nach „Kreuzberg hockt“, „Kreuzberg leuchtet“ und „Kreuzberg klingt“ bereits die vierte Zusammenarbeit von feldfünf e.V. mit der Kurt-Schumacher-Schule. 18 Kinder machen mit. Wann und wo die entstandenen Arbeiten öffentlich präsentiert werden können, ist noch unklar. Finanziert wurde das Projekt durch eine Spende vom Rotary Club Berlin-Funkturm. tige Bewerbungen einreichen, um bei dem Projekt „Kinder machen Kleider“ mit dabei zu sein. „Mir macht es Spaß, kreativ zu sein, und ich will lernen, wie man richtig näht“, hatte Esra geschrieben. Thuy Anh will am Rücken eines T-Shirts eine Art Ohr aus Draht befestigen. Derweil ist Ceyhun am Fluchen, die Nähmaschine näht nicht mehr. „Wo ist der Unterfaden?“, fragt Heike Scheller, eine Profi-Schneiderin, die Micha Etienne unterstützt. „Welcher Unterfaden?“, stöhnt Ceyhun verzweifelt. Nach einer Weile stellt sich heraus, dass die Maschine eine Macke hat. Auch Esra und Ilkay sind inzwischen am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weil sie alles wieder auftrennen müssen. „So ist das Leben als Schneiderin, da kriegt man Hornhaut auf den Fingern“, kommentiert Heike Scheller. Doch am Ende können die meisten tolle Sachen präsentieren. Thore zeigt stolz sein überlanges T-Shirt mit Tasche und Thuy Anh führt ihr orangefarbenes Kleid vor. Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen. K 15 im blickfeld impressum Üppig ist die Versorgung mit Lebensmittelläden im Quartier ganz sicher nicht. Und so sorgen die regelmäßigen Gerüchte, dass der Edeka-Laden bald zumache, bei den Bewohnern auch regelmäßig für Untergangsstimmung. Dabei will Edeka eigentlich bleiben. Die SÜDSEITE wird berichten. 01 | 2021 8. Jahrgang Erscheinungstermin: 8. März 2021 Herausgeber: asum GmbH, Kerima Bouali (VisdP) Thaerstraße 30d, 4.OG 10249 Berlin Telefon 030 29343116 info@asum-berlin.de www.asum-berlin.de im Auftrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin www.sanierung-suedlichefriedrichstadt.de Gesamtherstellung: H & H Presse Büro Berlin Franz-Mehring-Platz 1 10243 Berlin leserservice@hnh-presse.de www.hnh-presse.de Redaktion: Udo Hildenstab, Mathias Hühn, Birgit Leiß, Jens Sethmann Fotografie: Christian Muhrbeck, Tina Merkau, Münchner Stadtmuseum/Von Parish Kostümbibliothek, wikimedia, FHXB Museum/Henschel, BBWA Grafik und Layout: Julia Gandras, Kersten Urbanke
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.