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Periodical volume

Full text: Südseite Issue 2018,4

04 | 2018 Sanierungszeitung Südliche Friedrichstadt · Semt yenileme gazetesi · ‫صحيفة اصالح وتأهيل المنطقة‬ Der neue Platzgärtner stellt sich vor Die „taz“ ist umgezogen Ein Blick hinter den Zaun der Tempohomes Seit 45 Jahren selbstverwaltet: das Tommy-Weisbecker-Haus inhalt · içindekiler · ‫المحتويات‬ Der neue Mehringplatz-Gärtner stellt 4 sich vor Yeni Mehringplatz bahçıvanı kendini tanıtıyor ‫بستاني حي ميهرنغ بالتز الجديد يعرّف‬ ‫بنفسه‬ In der Kiezstube können Senioren kochen, essen und Kontakte knüpfen Topluluk locasında emekliler yemek pişirebilir, yiyebilir ve irtibat kurabilir ‫ يمكن للمسنّين االلتقاء‬،‫في مقرّ الرابطة‬ ً‫وطهي وتناول الطعام معا‬ 4 VOM REGEN IN DIE TRAUFE? Die Mieter der Gebäude Wilhelmstraße 2-6, Mehringplatz 12-14 sowie Friedrichstraße 245 und 246 werden nicht mehr von der EB Group verwaltet. Ob das eine gute Nachricht ist, muss sich noch zeigen. Der Einstand der neuen Hausverwaltung, der „BauGrund Immobilien-Management GmbH“, war jedenfalls verunglückt. Ende Oktober erhielten die Bewohner ein Schreiben mit der Angabe der neuen Bankverbindung – viel zu kurzfristig, um noch den Dauerauftrag für die Mietüberweisung zum angegebenen Zeitpunkt zu ändern. Sollten Mieter dazu Fragen haben, können Sie sich an asum wenden (siehe „Kostenlose Mieterberatung“ auf der nächsten Seite). Zu den Gründen für den Wechsel der Hausverwaltung wollte der Eigentümer, die Optimum Asset Management auf Anfrage der SÜDSEITE keine Stellung nerhmen. K Die Tageszeitung „taz“ bezieht ihr 5 neues Zuhause Günlük gazete „taz“ yeni yuvasına taşınıyor ‫الصحيفة اليومية "تاز" تنتقل إلى مقرّها‬ ‫الجديد‬ Ein Blick hinter den Zaun der Tempohomes 6 in der Alten Jakobstraße Eski Jakobstraße’de bulunan Tempohome çitinin ardına bir bakış ‫نظرة خلف سياج مبنى تمبوهومز في شارع‬ ‫ياكوب شتراسه القديم‬ Tommy-Weisbecker-Haus: Selbsthilfeprojekt seit 45 Jahren Tommy-Weisbecker Evi: 45 yıldır süren yardım projesi ‫ مشروع‬:‫هاوس‬-‫وايزبيكر‬-‫في مبنى تومي‬ ‫ سنة‬45 ‫المساعدة الذاتية منذ‬ 8 Die Erweiterung der Gedenkbibliothek will alle mit offenen Armen empfangen Fikir kütüphanesinin genişlemesi herkesi açık kollarla karşılamak istiyor ‫حب بالجميع بذراعين‬ ّ ‫توسعة مكتبة التذكارات تر‬ ‫مفتوحين‬ 9 Kennen Sie eigentlich die „Böhmische Walachei“? “Bohemya Eflakını” biliyor musunuz? ‫هل تعرف بالفعل «فاالشيا البوهيمية»؟‬ 10 Immer wieder sonntags in der Kiezstube: 11 Lesestunde für Kinder Pazarları topluluk locasında: Çocuklar için okuma saati ‫ ساعة‬:‫ي‬ ّ ‫دوماً في اآلحاد في مكتب الح‬ ‫قراءة لألطفال‬ 2 DER KURT-SCHUMACHERSCHULALLTAG BLEIBT PROVISORISCH »Man könnte den Lehrern und Kindern zum Beispiel eine Woche Ostsee spendieren. « Hendrikje Herzberg, Gebietsvertreterin, fordert eine Kompensation für die gestressten Lehrkräfte und Schüler Die Probleme mit der Sanierung in der Kurt-Schumacher-Grundschule gehen weiter. Nachdem die wichtigste Firma auf der Baustelle, die für den Brandschutz zuständig war, im Juli pleite ging, musste eine neue gefunden werden. Daher verzögert sich die Fertigstellung um ein Jahr. Erst zum Schuljahr 2019/2020 wird voraussichtlich der Rückzug in das sanierte Schulgebäude möglich sein. K Aus dem Sanierungsbeirat Die wichtigsten Themen der letzten Sanierungsbeiratssitzungen am 26. September und 24. Oktober 2018 waren: J J J J J Soziale Sanierungsziele für die Infrastruktur ZLB/AGB Konzept Stadtteilzentrum Friedrichstraße Baumaßnahmen Mehringplatz und Besselpark Freiflächen Gitschiner Ufer Termine und Protokolle der Sitzungen finden Sie unter www.sanierung-suedliche-friedrichstadt.de MEHRINGPLATZ UND GITSCHINER GRÜNFLÄCHEN: BAUBEGINN IN SICHT DAS MILIEU BAUT Welche Wünsche und Befürchtungen verbinden Mehringplatz-Bewohnerinnen und -Bewohner mit Wohnungsneubau-Vorhaben in ihrem Quartier? Und: Wie weit kommen ihre Erwartungen in den Bürgerbeteiligungsverfahren zur Geltung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit September das Projekt „Hier baut das Milieu“ des KUBIQ e. V., der INFO Kontakt: KUBIQ e. V. kubiq.e.v@gmail.com 0163 7762282 (Michael Kreutzer) Den Termin der Abschlusspräsentation bitte unter der Kontaktadresse bzw. Kontakttelefonnummer erfragen. auch Träger des Projekts „Common Ground Mehringplatz“ im Jahr 2016 war. Die Recherchen zum Thema sind eingebettet in künst­lerisch-soziokulturelle Aktivitäten, die sich mit denselben Fragen auseinandersetzen: Erwachsene und Kinder produzieren Theaterszenen, Filme, literarische Texte sowie Songs in verschiedenen Sprachen und präsentieren alles zusammen am Ende in einer gemeinsamen Veranstaltung im Türkischen Theater Tiyatrom. Außerdem erarbeiten die am Projekt beteiligten Studierenden der Stadtplanung und -soziologie eine Broschüre, in der sie versuchen wollen, Wege zu einer breiteren und lebendigeren Bürgerbeteiligung vorzuschlagen. Sie soll im Frühjahr 2019 erscheinen. K 04 | 2018 Der Umbau des Mehringplatzes kann nun im Frühjahr 2019 beginnen. Weil bei der Ausschreibung der Arbeiten keine Baufirma im Kostenrahmen geblieben war, musste die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zunächst eine Übernahme der Mehrkosten zusagen. Im Oktober konnte nun eine Baufirma beauftragt werden. Der Sanierungsbeauftragte Stadtkontor wird ein Baustellenmanagement einrichten, um während der Arbeiten die Belastungen für Anwohner und Gewerbetreibende so gering wie möglich zu halten. Auch die Umgestaltung der Gitschiner Grünflächen kann voraussichtlich im nächsten Jahr beginnen. Die Senatsverwaltung hat die Finanzierung bewilligt. Die Detailplanung läuft auf Hochtouren. Mit der AOK muss noch über die Fällung der Pappeln an der Grundstücksgrenze verhandelt werden. Die Wurzeln der Bäume würden die geplante Befestigung des Weges sonst schnell wieder zerstören. K Kostenlose Mieterberatung Immer montags bietet asum von 16 bis 18 Uhr im tam – Interkulturelles Familienzentrum, Wilhelmstraße 116/117 eine kostenlose Beratung für Mieter an. Ebenfalls montags von 16 bis 18 Uhr gibt es eine offene Anwaltssprechstunde in der Kiezstube, Mehringplatz 7. 3 INFOBÖRSE UND SPRACHROHR IN EINER PERSON der neue platzgärtner liest manches von der nasenspitze ab Carsten Seebold hat auch schon als Schausteller auf dem Rummelplatz gearbeitet. Für seinen neuen Job ist das von Vorteil, denn hier wie dort hat man es mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Seit Mai 2018 kümmert er sich um Ordnung und Sauberkeit » Am häufigsten auf dem Mehringplatz. Wenn er die Blumen- werde ich nach dem Weg zum kübel und Hochbeete gießt, Müll wegräumt und das nasse Laub fegt, bekommt er viel Zu- Jüdischen Museum gefragt. Und natürspruch, aber gelegentlich auch verächtliche lich, wie es mit Bemerkungen. der Umgestaltung Als „Ein-Euro-Jobber“ hat ihn kürzlich einer aus der Trinkerclique am Platz bezeichnet – des Mehringplatzes weitergeht.« Seebold nimmt‘s gelassen. „Es gibt solche und solche“, sagt er. Andere aus dieser Grup- Carsten Seebold pe seien durchaus umgänglich, etwa wenn man ihnen sagt, dass sie zu laut sind oder nicht ihren Unrat herumliegen lassen sollen. Und den Hundehaltern sieht der 42-Jährige mitunter an der Nasenspitze an, ob sie aggressiv werden, wenn man sie ermahnt, die Hinterlassenschaft ihrer Vierbeiner zu beseitigen. Wie schon sein Vorgänger Heinrich Fust versteht sich Carsten Seebold als Sprachrohr und Info-Börse für Anwohner und Gewerbetreibende. Sein Job wird übrigens gemeinsam von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, dem Bezirksamt und der AOK finanziert. K 4 HERAUS ZUM FRÖHLICHEN SCHNIPPELN „nicht quatschen – machen!“ ist die devise von carsten hönig, der in der neuen kiezstube mit senioren kochen möchte Tomaten-Gemüse-Reis mit Schweinesteak und Hackfleischröllchen werden an diesem Donnerstagvormittag zubereitet. Doch wie schon bei den letzten Terminen steht Carsten Hönig alleine am Herd. Erst zum Essen kommen dann immer sechs bis zehn Leute. Ein bisschen frustriert ist er schon, der 53-Jährige gelernte Koch, der früher in der Küche des Hotels Esplanade gestanden hat. Im Vorfeld hätten viele gesagt, dass es eine tolle Idee sei und sie auf jeden Fall zum gemeinsamen Kochen kommen würden. „Aber die meisten sind dann wohl doch zu bequem, um sich auf die Socken zu machen.“ Anlass für die Initiative von Hönig war seine Beobachtung, dass viele der älteren Menschen vereinsamen und das Haus kaum noch verlassen. Beim gemeinsamen Schnippeln und Brutzeln, so seine Idee, könne man dem abhelfen und neue Kontakte knüpfen. Vor acht Jahren ist Hönig an den Mehringplatz gezogen. Seitdem arbeitet er ehrenamtlich im Mieterbeitrat der Gewobag, in der Gebietsvertretung und im Quartiersrat. Warum er sich so engagiert? „Ich habe viel von der Gesellschaft bekommen und möchte nun etwas zurückgeben“, erklärt der Frührentner. K HÄKELDECKE MIT SCHRÄGEM BLICK die „taz“ hat ihr neues redaktionsgebäude in der friedrichstrasse 21 bezogen KONTAKT Das Seniorenkochen findet jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat in der Kiezstube am Mehringplatz 7 statt. Von 10 bis 12 Uhr wird gekocht, anschließend gemeinsam gegessen. Selbstkostenbeitrag: 1,50 bis 5 Euro, je nachdem was auf den Tisch kommt. Genau 40 Jahre nach ihrer Gründung wird die Tageszeitung „taz“ nun in der Friedrichstraße produziert. Nach dreijähriger Bauzeit hat sie ihren 20-Millionen-Euro-Neubau am 19. Oktober feierlich eingeweiht. In den folgenden Wochen ist die Redaktion in die neuen Räume eingezogen. „Der Grund für den Umzug heißt Standortsicherung“, erklärt taz-Geschäftsführer KarlHeinz Ruch. Das bisherige taz-Haus ist nur 500 Meter entfernt. Weil dort aber der Raum nicht mehr ausreichte, hatte man weitere Büros anmieten müssen. „Für die Mitarbeitenden verbessern sich die Arbeitsbedingungen in diesem modernen und energieeffizienten Haus“, so Ruch. „Der Kommunikation eröffnen sich ganz neue Perspektiven, denn die transparente Struktur des Gebäudes bietet den horizontalen Das alte taz-Haus in der Rudi-Dutschke-Straße 23, in dem die Zeitung in den letzten 29 Jahren produziert wurde, bleibt im Besitz der taz-Genossenschaft. Es wurde komplett an die Firma Betahaus vermietet, die dort einzelne Büros und Großraum-Büroarbeitsplätze für Kurzzeitnutzer anbietet. Das wird aber nur eine Übergangsnutzung sein. Wenn alles nach Plan verläuft, soll hier im Jahr 2022 das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus einziehen, ein schwul-lesbisches Anmeldung bei Carsten Hönig unter Telefon 25298521 »Vielleicht erleben wir ja noch – mit der taz am Ort des Geschehens –, dass sich das Tor zum Süden wieder öffnet und die südliche Friedrichstadt nach Kreuzberg hinüberspringt.« Der Schauspieler und Regisseur Hanns Zischler in der tazSonderbeilage zum Neubau und vertikalen, aber auch den schrägen Blick durch das ganze Haus.“ Die markante Fassade aus sich kreuzenden Stahlträgern nennen die beiden Architekten Piet und Wim Eckert vom Schweizer Büro E2A eine „Häkeldecke aus Doppelstäbchen“. 04 | 2018 Kulturzentrum. Acht Institutionen haben sich zusammengeschlossen, um ein Leuchtturmprojekt des queeren Berlins auf die Beine zu stellen. Vorgesehen sind Ausstellungsund Seminarräume, Ateliers, eine Bibliothek mit Archiv und ein Café. Namensgeber sind Johanna Elberskirchen und Magnus Hirschfeld, die sich in den 1920er Jahren für die Rechte homosexueller Menschen eingesetzt haben. K INFO Zum taz-Neubau: www.taz.de/!p4820/ 5 DAS DORF IST ANGEKOMMEN ein blick hinter den zaun der tempohomes in der alten jakob-, ecke franz-künstler-strasse Unabhängig vom Jobcenter sein und eine Dreizimmerwohnung, in der sie Ruhe und Platz hat zum Lernen – das ist der Traum von Songül. Seit April wohnt sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Söhnen im Containerdorf für Geflüchtete. Endlich hat die kurdische Familie ein eigenes Bad und eine kleine Küche. Vorher hat sie in umfunktionierten Pensionen gewohnt. „Das war schlimm“, erzählt Songül. Oft musste die damals Schwangere »Die Tempohomes sind sogar Schlange stehen, um auf die Toilette nur eine Übergangslösung. Die Menschen brauchen zu kommen. Ihr jetziges und neues Zuhause auf Zeit be normale Wohnungen in normalen Nachbarschaften. « steht aus zwei kleinen Räumen, in dessen Zwischenbereich Bad und Küchenzeile un Katja Lehmann von der Initiative „Kreuzberg hilft“ tergebracht sind. In einem Zimmer schläft die Familie, im anderen wird gegessen und gespielt. Die 26-Jährige ist ehrgeizig und geht jeden Tag zum Deutschkurs. „Ich will eine Ausbildung als Krankenschwester oder Arzthelferin machen, ich möchte nicht zu Hause herumsitzen“, sagt sie. Ihre beiden Kinder fühlen sich in der Kita in der Wilhelmstraße wohl, und ihr Mann hat einen Aushilfsjob in einem türkischen Restaurant in Kreuzberg gefunden. Man hat ihnen hin und wie- 6 der sogar schon eine Wohnung im Gebiet um den Mehringplatz angeboten – allerdings gegen Schmiergeldzahlungen von mehreren tausend Euro. Songül: „Das Geld haben wir nicht, und außerdem: Wer weiß, ob das wirklich geht“, meint die junge Frau. Im Containerdorf, das mit seinen Straßen und Vorgärtchen wirklich an ein Dorf erinnert, wohnen rund 160 Menschen, viele von ihnen aus Syrien, Iran, Afghanistan und der Ukraine. Alleinstehende Flüchtlinge teilen sich ein Zweibettzimmer, vier Personen nutzen dann jeweils Küche und Bad. Für Omid und Nousrallah ist das kein Problem. Sehr viel mehr stört die beiden jungen Afghanen, dass sich die Container bei sommerlichem Sonnenschein total aufheizen – im oberen Etagenbett ist es dann vor Hitze nicht auszuhalten. Omid arbeitet in einem Lebensmittelladen, wie er stolz berichtet. Auch er sucht verzweifelt nach einer Wohnung. Das Team von Albatros gGmbH, dem Betreiber des Containerdorfs, hat seit der Eröffnung im Februar viel unternommen, um den Bewohnern das Ankommen im Kiez zu erleichtern. So wurden Ausflüge, etwa zum » Viele gehen tagsüber zum Deutschkurs, bleiben aber ansonsten unter sich. Der alltägliche Kontakt zu anderen wäre aber nicht nur zum Deutschüben total wichtig.« Roya Hadaegh wünscht sich, dass die Bewohner des Containerdorfs mehr Nähe zu den Nachbarn haben Helfer gesucht Tempelhofer Feld, organisiert, einmal pro Woche ist Frauencafé und die Kinder gehen sonntags zum Malen und Basteln in die Berlinische Galerie ein paar Häuser weiter. Roya Hadaegh, stellvertretende Heimleiterin und Ehrenamtskoordinatorin, freut sich besonders über die gute Aufnahme bei den umliegenden Bewohnern. So haben drei Nachbarn, die von ihren Balkons auf die Tempohomes sehen können, irgendwann beschlossen, einfach mal dort unten vorbeizuschauen. Jetzt geben sie regelmäßig Deutsch­ unterricht für die Tempohomes-Bewohner. Eine Anwohnerin hat den Frauen das Fahrradfahren beigebracht und ihnen auch gleich ein Fahrrad mit großem Einkaufskorb geschenkt. Bei der Einweihungsfeier hatten einige Nachbarn noch Befürchtungen geäußert, etwa dass die Fremden womöglich „herumlungern“ würden. „Ich hatte dieses Wort noch nie gehört“, amüsiert sich die perfekt Deutsch sprechende Roya Hadaegh. Inzwischen haben sich offenbar die Befürchtungen zerstreut. Konflikte oder Beschwerden sind keine bekannt. „Wir haben ein wunderschönes Opferfest gefeiert; und auch zu unserem Halloween-Fest sind viele aus der Nachbarschaft gekommen“, berichtet die stellvertretende Heimleiterin. K 04 | 2018 KONTAKT Telefon 208988970 oder 0159 04329112 E-Mai: r.hadaegh@albatrosggmbh.de In den Tempohomes arbeiten viele Ehrenamtliche und diverse Initiativen zusammen, zum Beispiel aus dem Mehrgenerationenhaus oder der Alten Feuerwache. Gesucht werden noch Helferinnen und Helfer, die die Bewohner zu Behördengängen oder bei der Wohnungssuche begleiten. Wer Leseoder Lernpate für die Kinder werden möchte, kann sich ebenfalls gerne melden. K Sprachcafé in der Bauhütte und urbanes Gärtnern KONTAKT E-Mai: media@kreuzberg-hilft.de Jeden Samstag ab 12 Uhr lädt die Bauhütte am Besselpark zum Sprachcafé ein. Gemeinsam wird gekocht, geredet und oft bis spät abends zusammengesessen. Zu dem offenen Treff kommen Geflüchtete aus verschiedenen Kreuzberger Unterkünften. Außerdem gibt es eine „Urban Gardening“-Gruppe, an der sich ebenfalls Geflüchtete beteiligen. Gemeinsam wurden kleine Beete gebaut und bepflanzt. Nach dem Umzug an die Fried­ richstraße soll das noch intensiviert werden, sagt Katja Lehmann von der Initiative „Kreuzberg hilft“: „Wir machen den neuen Standort freundlicher, und vielleicht könnten die Teilnehmer eigene Hochbeete bewirtschaften.“ K 7 EIN HAUS MIT OFFENEN ARMEN gedanken von heute zur bibliothek von morgen Gleich nach der Entscheidung, die neue Zen­ tral- und Landesbibliothek (ZLB) am Stand »Bisher stehen für den ort der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) zu bauen, begann die ZLB-Leitung damit, Bürger ZLB-Neubau genau null Euro nach ihren Nutzungswünschen zu befragen in der Investitionsplanung und sie in den künftigen Planungsprozess des Landes. Wir müssen einzubinden. Dabei liegt der Baubeginn noch möglichst schnell in die Pötte kommen. « in weiter Ferne: Voraussichtlich wird der erste Spatenstich nicht vor 2026 erfolgen. Grünen-Kulturpolitiker Daniel Wesener im Oktober beim Für elf Wochen hatte die ZLB einen Themen Treffen der Gebietsvertretung raum „Bibliothek findet Stadt – Stadt findet Bibliothek“ eingerichtet. Hier haben Bibliotheksnutzer hunderte von Ideen für die ZLB der Zukunft auf Haftzettel geschrieben. Mit einem Lastenfahrrad ging der Themenraum auch raus auf Berlins Marktplätze und zu den Bezirksbibliotheken, um Anregungen zu sammeln. Die Bandbreite reicht von einem Lesegarten und einer Dachterrasse über Kinderbetreuung, Gruppenarbeitsräume, stabi­ les WLAN bis zu längeren Öffnungszeiten. „Das ist für uns ein ganz reicher Schatz an Ideen“, sagt Jonas Fansa, Neubaubeauftragter der ZLB. „Wir wollen sie, so gut es geht, unter ein Dach bringen.“ Über die Rolle der künftigen ZLB in ihrem Umfeld ging es in einer Diskussionsrunde, zu der die Gebietsvertretung der Südlichen Friedrichstadt im Rahmen des „Urbanize!“-Festi- 8 vals eingeladen hat. Die Gebietsvertretung möchte, dass sich die neue Bibliothek noch enger mit den umliegenden Quartieren verbindet. ZLB-Vorstand Volker Heller weiß: „Die AGB hat hier im Kiez eine besondere Funktion: Sie ist Anziehungspunkt für die direkte Nachbarschaft.“ Die Aufgaben der Bibliothek hätten sich stark gewandelt. Die AGB arbeitet mit den Schulen in Sachen Sprach- und Leseförderung zusammen, sie wird von Schülern für die Gruppenarbeit genutzt und bietet Platz für Veranstaltungen. Da kommen viele Ansprüche zusammen. Mit dem Neubau wird sich die Publikumsfläche verdreifachen. Nicht alle sehen diese Notwendigkeit. Eine Anwohnerin meinte zum Beispiel: „Die Bibliothek ist für mich ein Ort des Buches – alles andere brauche ich nicht.“ Dem ZLB-Chef ist wichtig, dass der Neubau alle mit offenen Armen empfängt: „Dieses Haus darf keine Kathedrale der Bildung sein, die die Menschen verschreckt.“ „Es wird eines der größten Berliner Bauvorhaben der nächsten Jahre“, erklärte Stadt­ entwicklungssenatorin Katrin Lompscher bei der Finissage des Themenraums am 1. November. Sie kündigte ein transparentes zweistufiges Wettbewerbsverfahren an, das zwei bis drei Jahre dauern wird. „Dann sollten wir aber auch hinnemachen“, so Lompscher, die sich freuen würde, wenn der Bau nicht erst in acht Jahren beginnen könnte. K INFO Rückblick auf den Themenraum „Bibliothek findet Stadt“ unter: www.zlb.de/veranstaltungen/themenraum/ archiv/themenraum-bibliothek-findetstadt.html SELBSTBESTIMMTER FAMILIENERSATZ im tommy-weisbecker-haus finden junge trebegänger seit 45 jahren ein dach über dem kopf Abhängen is‘ nich‘. Die Bewohner müssen Thekendienst in der hauseigenen Kneipe „Linie 1“ schieben, das Konzert-Boo­ king organisieren, Reparaturen vornehmen oder sich sonst irgendwie nützlich machen. Das Tommy-Weisbecker-Haus (THW) in der Wilhelmstraße 9 ist ein selbstverwaltetes Wohnkollektiv. Das heißt: Alles wird selber gemacht, und alles wird auf dem Plenum besprochen – auch die Frage, ob man einem Artikel über das Haus in der SÜDSEITE zustimmt. Man hat zugestimmt. 40 junge Leute wohnen im THW, außerdem gibt es vier Notübernachtungsplätze. Jeder hat sein eigenes Zimmer, es gibt Gemeinschaftsküchen und -bäder in jeder Etage. Seit das Haus 1973 von jugendlichen Trebegängern besetzt wurde und später vom Senat einen langfristigen Vertrag bekam, hat sich vieles auch im staatlichen Hilfesystem verändert, wie Denny, einer der Bewohner erklärt: „In den 1970er-Jahren wurden Heimkinder unmündig gehalten, gedemütigt und zum Teil auch missbraucht, heute dagegen gibt es ein relativ gut funktionierendes System der Jugendhilfe“. Es gebe im Haus kaum noch Jugendliche, die von zu Hause oder von einem Heim abgehauen sind. Im TWH wohnen heute vor allem ehemalige Straßenkinder aus der Subkultur sowie Treber, die trotz aller Verbesserungen schlechte Erfahrungen mit dem offiziellen Hilfesystem gemacht haben. Der Trägerverein SSB e. V. („Sozialpäd- 04 | 2018 agogische Sondermaßnahmen Berlin“) verficht das Prinzip des „Empowerment“. Das heißt vereinfacht: Die Stabilen sollen die Labileren darin unterstützen, ihre Interessen eigenverantwortlich wahrzunehmen. Allerdings war die Streichung einer geförderten Sozialarbeiter-Stelle im Jahr 2006 ein Einschnitt mit großen Folgen. Seitdem wird Sozialarbeit nur noch ehrenamtlich geleistet. » Man kann da hingehen, „Einige haben so vielfältige Probleme, dass sein Bier trinken und Billard wir die nötige umfassende Hilfe nicht mehr spielen.« ohne Profis leisten können“, so Denny. Auch Bernd Surkau, Anwohner im die Identifikation der Bewohner mit dem Pro- Rentenalter, fühlt sich wohl in der „Linie 1“ jekt habe seither deutlich abgenommen. Dennys eigene Geschichte ist eher untypisch. Er ist im Alter von 16 von zu Hause ausgezogen, hatte aber eine eigene Wohnung, als er 2005 beschloss, ins TWH zu ziehen. Sein Beweggrund: sich engagieren. „Ich fühle mich wohl hier, für mich ist das eine Art Familienersatz geworden.“ Während die Wohnflure für neugierige Besucher tabu sind, steht die „Linie 1“ allen offen. „Schlipsträger sind hier ebenso willkommen wie jugendliche Punks, man muss halt nur mit der Musik klarkommen“, erklärt Denny. K INFO Wer war Tommy Weisbecker? Der gebürtige Freiburger war Anarchist und lebte zeitweise in der Berliner Kommune I. Später schloss er sich der Bewegung 2. Juni an, die für mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge verantwortlich war. 1972, im Alter von 23 Jahren, wurde er von der Polizei erschossen. 9 BÖHMISCHE WALACHEI im 18. jahrhundert bildeten tschechische zuwanderer in der südlichen friedrichstadt eine eigene gemeinschaft Im Jahr 1732 standen 500 Religionsflüchtlinge aus Böhmen vor dem Halleschen Tor. Sie sind zu Fuß aus dem damals zu Österreich gehörenden Tschechien gekommen, wo sie als »Alle Religionen seindt Protestanten zunehmend drangsaliert wor gleich und gut, wan nuhr den waren. Der preußische König Friedrich die leute, so sie profesieren, Wilhelm I. hatte verfolgte Protestanten aus Ehrlige leute seindt, und katholischen Ländern eingeladen – nicht al wenn Türken und Heiden lein aus Nächstenliebe, sondern zur „Peuplie kämen und wollten das rung“ Preußens: Das dünn besiedelte Land Land pöplieren, so wollten brauchte Zuwanderung, insbesondere von wir sie Mosqueen und Fachkräften. Kirchen bauen. « Im selben Jahr kamen auch 15 500 Salzburger nach Berlin, die aber als Landwirte vor al Friedrich II., König von Preußen (1712 bis 1786), ließ im Jahr 1740 lem nach Ostpreußen weiterzogen. Die Böh Toleranz walten, auch in der men waren hingegen als Tuch- und Leinewe Rechtschreibung ber qualifiziert und wurden in der Südlichen Friedrichstadt angesiedelt. Bis 1735 entstanden zwischen Kochstraße und Halleschem Tor die ersten 39 Häuser für die böhmischen Siedler. Die Gegend wurde von den Berlinern „Böhmische Walachei“ genannt. Später kamen im Berliner Raum weitere böhmische Kolonien hinzu, etwa Böhmisch-Rixdorf (heute in Neukölln) und Nowawes (heute in Potsdam-Babelsberg). Die Integration der bald auf 1 200 Menschen angewachsenen Böhmen verlief nicht so reibungslos wie bei den 60 Jahre zuvor aus Frankreich zugewanderten Hugenotten. Schon die Verständigung war schwierig. Die Böhmen sprachen Tschechisch – was im Gegensatz zu Französisch in Berlin so gut wie niemand verstand. Zudem wurden sie wie die Hugenotten gegenüber den Berliner Bürgern bevorzugt: Sie bekamen kostenlos das Bürger- und Meisterrecht, eine fünfjährige Steuerbefreiung, Mietzuschüsse für zwei Jahre, 10 eine Unterstützung zur Anschaffung von Arbeitsgeräten und eine Befreiung vom Militärdienst. Sie hatten eigene Schulen und eine eigene Kirchengemeinde. Die Bethlehemskirche stand auf dem Platz an der Mauerstraße, Ecke Krausenstraße. Die Predigten wurden noch lange Zeit auf Tschechisch gehalten. Außerdem gab es eigene Druckereien, Ärzte und Hebammen. Die teilweise sehr frommen Böhmen hielten sich vom Großstadtleben fern. Von der böhmischen Zuwanderung gibt es nur noch wenige Spuren. Es haben keine tschechischen Wörter Eingang in den berlinischen Sprachschatz gefunden. Aber das noch gut erhaltene „Böhmische Dorf“ unweit des Richardplatzes in Neukölln lohnt einen Besuch. Hier ist noch immer viel über das Leben und die Zuwanderungsgeschichte der Böhmen zu erfahren. Von der im Krieg zerstörten Bethlehemskirche ist heute der Grundriss im Pflaster nachgezeichnet, eine Stahlrohr-Lichtinstallation erinnert seit 2012 an den Baukörper. Der „Böhmische Gottesacker“ ist Teil der denkmalgeschützten Friedhofsanlage am Halleschen Tor. Durch den Bau der Blücherstraße wurde der Friedhof der böhmischen Gemeinde 1967 aber erheblich verkleinert. Viele historische Grabsteine wurden dabei versetzt und sind stark überwuchert. K KUSCHELN MIT DEM KLEINEN PRINZEN gegen langeweile am sonntag hilft die märchenstunde in der kiezstube „Habt ihr schon mal von dem Kleinen Prinzen gehört“, will Rajaa Bajus von Maya, Djoumana, Hasedin und Momo wissen. Die vier Kinder, die eingekuschelt in Decken auf dem Boden sitzen, kennen die Fernsehserie gleichen Namens auf dem Fernsehsender Kika. Doch jetzt geht es um das Buch von Antoine de Saint-Exupéry, das zu allen Zeiten von Kindern und Jugendlichen geliebt wurde. Abwechselnd lesen Raaja Bajus und die 11-jährige Djoumana Kapitel für Kapitel des kleinen Buches vor. Dabei tauchen immer wieder Verständnisfragen auf, die erörtert sein wollen. Die zwei Jungen und Mädchen lauschen gespannt, auch wenn der Text für den siebenjährigen Hasedin ganz schön schwierig ist. „Ich möchte den Kindern ein Stück Bildung vermitteln“, erklärt Rajaa Bajus, Vollzeit-Stu- dentin und Mutter einer kleinen Tochter. Vie- » Wir haben als Kinder unser le Kinder aus dem Quartier seien sich selbst Treppenhaus für Halloüberlassen und spielen hauptsächlich drau- ween oder Weihnachten ßen auf der Straße. Die junge Frau hat die geschmückt, heute gibt es Vorlesestunden in ihrer einstigen Kita noch so etwas nicht mehr. Irgendin allerbester Erinnerung. wie ist manches an LebensNach einer guten halben Stunde heißt es: freude verlorengegangen, „Jetzt spielen wir, und beim nächsten Mal le- ich finde das sehr traurig.« sen wir weiter.“ Bei der anschließenden Run- Rajaa Bajus, seit 1989 Bewohnerin im Kiez um den Mehringplatz de „Mensch ärgere dich nicht“, wird gelacht und gebangt. Und am Ende gewinnt – na, wer wohl? – Hasedin, der Jüngste. K INFO »Jetzt gehe ich nach Hause zum Essen – meine Mutter hat Weinblätter gemacht. Und dann geht es ins Schwimmbad, darauf freue ich mich total.« Maya, 8 Jahre alt, über den weiteren Verlauf ihres Sonntagnachmittags 04 | 2018 Die kostenlose Märchenstunde für Kinder ab dem Grundschulalter findet derzeit jeden zweiten Sonntag im Monat von 12 bis 15 Uhr statt. Ort: Kiezstube, Mehringplatz 7. In der Märchenstunde wird aber nicht nur gelesen und gespielt, sondern auch gebastelt, zum Beispiel für den Weihnachtsbaum auf dem Mehringplatz. 11 vorschau impressum Der Herbst deckt das ständige Ärgernis mit Farbe zu. Wie geht es weiter mit der Parkpalette? Die SÜDSEITE bleibt dran. 04 | 2018 5. Jahrgang Erscheinungstermin: 11. Dezember 2018 Herausgeber: asum GmbH, Kerima Bouali (VisdP) Sonntagstraße 21 10245 Berlin Telefon 2934310 info@asum-berlin.de www.asum-berlin.de im Auftrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin www.sanierung-suedlichefriedrichstadt.de Gesamtherstellung: H & H Presse Büro Berlin Franz-Mehring-Platz 1 10243 Berlin leserservice@hnh-presse.de www.hnh-presse.de Redaktion: Udo Hildenstab, Birgit Leiß, Jens Sethmann Fotografie: Christian Muhrbeck, Birgit Leiß, Mehrad Sepahnia/KUBIQ e. V., boehmischesdorf.de Grafik und Layout: Kersten Urbanke
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