Publication:
2018
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365695
Path:
04 | 2018

Sanierungszeitung Südliche Friedrichstadt · Semt yenileme gazetesi · ‫صحيفة اصالح وتأهيل المنطقة‬

Der neue Platzgärtner
stellt sich vor

Die „taz“
ist umgezogen

Ein Blick hinter den Zaun
der Tempohomes

Seit 45 Jahren selbstverwaltet:
das Tommy-Weisbecker-Haus

inhalt · içindekiler · ‫المحتويات‬
Der neue Mehringplatz-Gärtner stellt 		 4
sich vor
Yeni Mehringplatz bahçıvanı kendini tanıtıyor
‫بستاني حي ميهرنغ بالتز الجديد يعرّف‬
‫بنفسه‬
In der Kiezstube können Senioren 		
kochen, essen und Kontakte knüpfen
Topluluk locasında emekliler yemek
pişirebilir, yiyebilir ve irtibat kurabilir
‫ يمكن للمسنّين االلتقاء‬،‫في مقرّ الرابطة‬
ً‫وطهي وتناول الطعام معا‬

4

VOM REGEN IN DIE TRAUFE?
Die Mieter der Gebäude Wilhelmstraße 2-6,
Mehringplatz 12-14 sowie Friedrichstraße
245 und 246 werden nicht mehr von der EB
Group verwaltet. Ob das eine gute Nachricht
ist, muss sich noch zeigen. Der Einstand der
neuen Hausverwaltung, der „BauGrund Immobilien-Management GmbH“, war jedenfalls verunglückt. Ende Oktober erhielten die
Bewohner ein Schreiben mit der Angabe der
neuen Bankverbindung – viel zu kurzfristig,
um noch den Dauerauftrag für die Mietüberweisung zum angegebenen Zeitpunkt zu ändern. Sollten Mieter dazu Fragen haben, können Sie sich an asum wenden (siehe „Kostenlose Mieterberatung“ auf der nächsten Seite).
Zu den Gründen für den Wechsel der Hausverwaltung wollte der Eigentümer, die Optimum Asset Management auf Anfrage der
SÜDSEITE keine Stellung nerhmen. K

Die Tageszeitung „taz“ bezieht ihr		 5
neues Zuhause
Günlük gazete „taz“ yeni yuvasına taşınıyor
‫الصحيفة اليومية "تاز" تنتقل إلى مقرّها‬
‫الجديد‬
Ein Blick hinter den Zaun der Tempohomes 6
in der Alten Jakobstraße
Eski Jakobstraße’de bulunan Tempohome
çitinin ardına bir bakış
‫نظرة خلف سياج مبنى تمبوهومز في شارع‬
‫ياكوب شتراسه القديم‬
Tommy-Weisbecker-Haus:
Selbsthilfeprojekt seit 45 Jahren
Tommy-Weisbecker Evi: 45 yıldır süren
yardım projesi
‫ مشروع‬:‫هاوس‬-‫وايزبيكر‬-‫في مبنى تومي‬
‫ سنة‬45 ‫المساعدة الذاتية منذ‬

8

Die Erweiterung der Gedenkbibliothek
will alle mit offenen Armen empfangen
Fikir kütüphanesinin genişlemesi herkesi
açık kollarla karşılamak istiyor
‫حب بالجميع بذراعين‬
ّ ‫توسعة مكتبة التذكارات تر‬
‫مفتوحين‬

9

Kennen Sie eigentlich die
„Böhmische Walachei“?
“Bohemya Eflakını” biliyor musunuz?
‫هل تعرف بالفعل «فاالشيا البوهيمية»؟‬

10

Immer wieder sonntags in der Kiezstube: 11
Lesestunde für Kinder
Pazarları topluluk locasında: Çocuklar için
okuma saati
‫ ساعة‬:‫ي‬
ّ ‫دوماً في اآلحاد في مكتب الح‬
‫قراءة لألطفال‬

2

DER KURT-SCHUMACHERSCHULALLTAG BLEIBT
PROVISORISCH
		
		
		
		
		
		
		
		
		
		

»Man könnte den
Lehrern und Kindern
zum Beispiel eine
Woche Ostsee
spendieren. «
Hendrikje Herzberg,
Gebietsvertreterin, fordert
eine Kompensation für die
gestressten Lehrkräfte und
Schüler

Die Probleme mit der Sanierung in der
Kurt-Schumacher-Grundschule gehen weiter.
Nachdem die wichtigste Firma auf der Baustelle, die für den Brandschutz zuständig
war, im Juli pleite ging, musste eine neue gefunden werden. Daher verzögert sich die Fertigstellung um ein Jahr. Erst zum Schuljahr
2019/2020 wird voraussichtlich der Rückzug
in das sanierte Schulgebäude möglich sein. K

Aus dem Sanierungsbeirat
Die wichtigsten Themen der letzten Sanierungsbeiratssitzungen am 26. September und 24. Oktober 2018 waren:
J
J
J
J
J

Soziale Sanierungsziele für die Infrastruktur
ZLB/AGB
Konzept Stadtteilzentrum Friedrichstraße
Baumaßnahmen Mehringplatz und Besselpark
Freiflächen Gitschiner Ufer

Termine und Protokolle der Sitzungen finden Sie unter
www.sanierung-suedliche-friedrichstadt.de

MEHRINGPLATZ UND
GITSCHINER GRÜNFLÄCHEN:
BAUBEGINN IN SICHT

DAS MILIEU BAUT
Welche Wünsche und Befürchtungen verbinden Mehringplatz-Bewohnerinnen und -Bewohner mit Wohnungsneubau-Vorhaben in
ihrem Quartier? Und: Wie weit kommen ihre Erwartungen in den Bürgerbeteiligungsverfahren zur Geltung? Mit diesen Fragen
beschäftigt sich seit September das Projekt
„Hier baut das Milieu“ des KUBIQ e. V., der

INFO
Kontakt: KUBIQ e. V.
kubiq.e.v@gmail.com
0163 7762282
(Michael Kreutzer)
Den Termin der Abschlusspräsentation bitte unter
der Kontaktadresse bzw.
Kontakttelefonnummer
erfragen.

auch Träger des Projekts „Common Ground
Mehringplatz“ im Jahr 2016 war. Die Recherchen zum Thema sind eingebettet in künst­lerisch-soziokulturelle Aktivitäten, die sich
mit denselben Fragen auseinandersetzen:
Erwachsene und Kinder produzieren Theaterszenen, Filme, literarische Texte sowie
Songs in verschiedenen Sprachen und präsentieren alles zusammen am Ende in einer
gemeinsamen Veranstaltung im Türkischen
Theater Tiyatrom. Außerdem erarbeiten die
am Projekt beteiligten Studierenden der
Stadtplanung und -soziologie eine Broschüre, in der sie versuchen wollen, Wege zu einer breiteren und lebendigeren Bürgerbeteiligung vorzuschlagen. Sie soll im Frühjahr
2019 erscheinen. K
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Der Umbau des Mehringplatzes kann nun
im Frühjahr 2019 beginnen. Weil bei der Ausschreibung der Arbeiten keine Baufirma im
Kostenrahmen geblieben war, musste die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Wohnen zunächst eine Übernahme der Mehrkosten zusagen. Im Oktober konnte nun eine Baufirma beauftragt werden. Der Sanierungsbeauftragte Stadtkontor wird ein Baustellenmanagement einrichten, um während
der Arbeiten die Belastungen für Anwohner
und Gewerbetreibende so gering wie möglich
zu halten.
Auch die Umgestaltung der Gitschiner Grünflächen kann voraussichtlich im nächsten
Jahr beginnen. Die Senatsverwaltung hat
die Finanzierung bewilligt. Die Detailplanung läuft auf Hochtouren. Mit der AOK
muss noch über die Fällung der Pappeln an
der Grundstücksgrenze verhandelt werden.
Die Wurzeln der Bäume würden die geplante Befestigung des Weges sonst schnell wieder zerstören. K

Kostenlose Mieterberatung
Immer montags bietet asum von 16 bis 18 Uhr
im tam – Interkulturelles Familienzentrum,
Wilhelmstraße 116/117 eine kostenlose Beratung
für Mieter an.
Ebenfalls montags von 16 bis 18 Uhr gibt
es eine offene Anwaltssprechstunde in der
Kiezstube, Mehringplatz 7.

3

INFOBÖRSE UND
SPRACHROHR IN
EINER PERSON
der neue platzgärtner liest
manches von der nasenspitze ab
Carsten Seebold hat auch schon als Schausteller auf dem Rummelplatz gearbeitet. Für
seinen neuen Job ist das von Vorteil, denn
hier wie dort hat man es mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Seit Mai 2018
kümmert er sich um Ordnung und Sauberkeit » Am häufigsten
auf dem Mehringplatz. Wenn er die Blumen- werde ich nach
dem Weg zum
kübel und Hochbeete gießt, Müll wegräumt
und das nasse Laub fegt, bekommt er viel Zu- Jüdischen Museum
gefragt. Und natürspruch, aber gelegentlich auch verächtliche
lich, wie es mit
Bemerkungen.
der Umgestaltung
Als „Ein-Euro-Jobber“ hat ihn kürzlich einer
aus der Trinkerclique am Platz bezeichnet – des Mehringplatzes
weitergeht.«
Seebold nimmt‘s gelassen. „Es gibt solche
und solche“, sagt er. Andere aus dieser Grup- Carsten Seebold
pe seien durchaus umgänglich, etwa wenn
man ihnen sagt, dass sie zu laut sind oder
nicht ihren Unrat herumliegen lassen sollen. Und den Hundehaltern sieht der 42-Jährige mitunter an der Nasenspitze an, ob sie
aggressiv werden, wenn man sie ermahnt,
die Hinterlassenschaft ihrer Vierbeiner zu
beseitigen.
Wie schon sein Vorgänger Heinrich Fust
versteht sich Carsten Seebold als Sprachrohr
und Info-Börse für Anwohner und Gewerbetreibende. Sein Job wird übrigens gemeinsam von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, dem Bezirksamt und der AOK finanziert. K

4

HERAUS ZUM
FRÖHLICHEN
SCHNIPPELN
„nicht quatschen – machen!“
ist die devise von carsten hönig,
der in der neuen kiezstube mit
senioren kochen möchte
Tomaten-Gemüse-Reis mit Schweinesteak
und Hackfleischröllchen werden an diesem
Donnerstagvormittag zubereitet. Doch wie
schon bei den letzten Terminen steht Carsten Hönig alleine am Herd. Erst zum Essen
kommen dann immer sechs bis zehn Leute. Ein bisschen frustriert ist er schon, der
53-Jährige gelernte Koch, der früher in der
Küche des Hotels Esplanade gestanden hat.
Im Vorfeld hätten viele gesagt, dass es eine
tolle Idee sei und sie auf jeden Fall zum gemeinsamen Kochen kommen würden. „Aber
die meisten sind dann wohl doch zu bequem,
um sich auf die Socken zu machen.“ Anlass
für die Initiative von Hönig war seine Beobachtung, dass viele der älteren Menschen
vereinsamen und das Haus kaum noch verlassen. Beim gemeinsamen Schnippeln und
Brutzeln, so seine Idee, könne man dem abhelfen und neue Kontakte knüpfen.
Vor acht Jahren ist Hönig an den Mehringplatz gezogen. Seitdem arbeitet er ehrenamtlich im Mieterbeitrat der Gewobag, in
der Gebietsvertretung und im Quartiersrat.
Warum er sich so engagiert? „Ich habe viel
von der Gesellschaft bekommen und möchte nun etwas zurückgeben“, erklärt der Frührentner. K

HÄKELDECKE MIT SCHRÄGEM BLICK
die „taz“ hat ihr neues redaktionsgebäude
in der friedrichstrasse 21 bezogen

KONTAKT
Das Seniorenkochen
findet jeden zweiten
und vierten Donnerstag
im Monat in der Kiezstube am Mehringplatz 7
statt. Von 10 bis 12 Uhr
wird gekocht, anschließend gemeinsam gegessen.
Selbstkostenbeitrag:
1,50 bis 5 Euro, je nachdem
was auf den Tisch kommt.

Genau 40 Jahre nach ihrer Gründung wird die
Tageszeitung „taz“ nun in der Friedrichstraße
produziert. Nach dreijähriger Bauzeit hat sie
ihren 20-Millionen-Euro-Neubau am 19. Oktober feierlich eingeweiht. In den folgenden
Wochen ist die Redaktion in die neuen Räume eingezogen.
„Der Grund für den Umzug heißt Standortsicherung“, erklärt taz-Geschäftsführer KarlHeinz Ruch. Das bisherige taz-Haus ist nur
500 Meter entfernt. Weil dort aber der Raum
nicht mehr ausreichte, hatte man weitere
Büros anmieten müssen.
„Für die Mitarbeitenden verbessern sich die
Arbeitsbedingungen in diesem modernen
und energieeffizienten Haus“, so Ruch. „Der
Kommunikation eröffnen sich ganz neue
Perspektiven, denn die transparente Struktur des Gebäudes bietet den horizontalen

Das alte taz-Haus in der Rudi-Dutschke-Straße 23, in dem die Zeitung in den letzten 29
Jahren produziert wurde, bleibt im Besitz der
taz-Genossenschaft. Es wurde komplett an
die Firma Betahaus vermietet, die dort einzelne Büros und Großraum-Büroarbeitsplätze für Kurzzeitnutzer anbietet.
Das wird aber nur eine Übergangsnutzung
sein. Wenn alles nach Plan verläuft, soll
hier im Jahr 2022 das Elberskirchen-Hirschfeld-Haus einziehen, ein schwul-lesbisches

Anmeldung bei
Carsten Hönig unter
Telefon 25298521

		 »Vielleicht erleben wir ja
		 noch – mit der taz am Ort
		 des Geschehens –, dass sich
		 das Tor zum Süden wieder
		
öffnet und die südliche
		
Friedrichstadt nach
		Kreuzberg hinüberspringt.«
		
		
		

Der Schauspieler und Regisseur
Hanns Zischler in der tazSonderbeilage zum Neubau

und vertikalen, aber auch den schrägen Blick
durch das ganze Haus.“ Die markante Fassade aus sich kreuzenden Stahlträgern nennen
die beiden Architekten Piet und Wim Eckert
vom Schweizer Büro E2A eine „Häkeldecke
aus Doppelstäbchen“.
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Kulturzentrum. Acht Institutionen haben
sich zusammengeschlossen, um ein Leuchtturmprojekt des queeren Berlins auf die Beine zu stellen. Vorgesehen sind Ausstellungsund Seminarräume, Ateliers, eine Bibliothek
mit Archiv und ein Café. Namensgeber sind Johanna Elberskirchen und Magnus Hirschfeld,
die sich in den 1920er Jahren für die Rechte
homosexueller Menschen eingesetzt haben. K
INFO
Zum taz-Neubau:
www.taz.de/!p4820/

5

DAS DORF IST ANGEKOMMEN
ein blick hinter den zaun der tempohomes in der alten jakob-,
ecke franz-künstler-strasse
Unabhängig vom Jobcenter sein und eine
Dreizimmerwohnung, in der sie Ruhe und
Platz hat zum Lernen – das ist der Traum von
Songül. Seit April wohnt sie mit ihrem Mann
und zwei kleinen Söhnen im Containerdorf
für Geflüchtete. Endlich hat die kurdische
Familie ein eigenes Bad und eine kleine Küche. Vorher hat sie in umfunktionierten Pensionen gewohnt. „Das war schlimm“, erzählt
Songül. Oft musste die damals Schwangere
		
»Die Tempohomes sind
sogar Schlange stehen, um auf die Toilette
		 nur eine Übergangslösung.
		
Die Menschen brauchen zu kommen.
Ihr jetziges und neues Zuhause auf Zeit be		
normale Wohnungen in
		normalen Nachbarschaften. « steht aus zwei kleinen Räumen, in dessen
Zwischenbereich Bad und Küchenzeile un		
Katja Lehmann von der
		
Initiative „Kreuzberg hilft“
tergebracht sind. In einem Zimmer schläft
die Familie, im anderen wird gegessen und
gespielt. Die 26-Jährige ist ehrgeizig und
geht jeden Tag zum Deutschkurs. „Ich will
eine Ausbildung als Krankenschwester oder
Arzthelferin machen, ich möchte nicht zu
Hause herumsitzen“, sagt sie. Ihre beiden
Kinder fühlen sich in der Kita in der Wilhelmstraße wohl, und ihr Mann hat einen Aushilfsjob in einem türkischen Restaurant in Kreuzberg gefunden. Man hat ihnen hin und wie-

6

der sogar schon eine Wohnung im Gebiet um
den Mehringplatz angeboten – allerdings gegen Schmiergeldzahlungen von mehreren
tausend Euro. Songül: „Das Geld haben wir
nicht, und außerdem: Wer weiß, ob das wirklich geht“, meint die junge Frau.
Im Containerdorf, das mit seinen Straßen
und Vorgärtchen wirklich an ein Dorf erinnert, wohnen rund 160 Menschen, viele von
ihnen aus Syrien, Iran, Afghanistan und der
Ukraine. Alleinstehende Flüchtlinge teilen
sich ein Zweibettzimmer, vier Personen nutzen dann jeweils Küche und Bad. Für Omid
und Nousrallah ist das kein Problem. Sehr
viel mehr stört die beiden jungen Afghanen,
dass sich die Container bei sommerlichem
Sonnenschein total aufheizen – im oberen
Etagenbett ist es dann vor Hitze nicht auszuhalten. Omid arbeitet in einem Lebensmittelladen, wie er stolz berichtet. Auch er sucht
verzweifelt nach einer Wohnung.
Das Team von Albatros gGmbH, dem Betreiber des Containerdorfs, hat seit der Eröffnung im Februar viel unternommen, um den
Bewohnern das Ankommen im Kiez zu erleichtern. So wurden Ausflüge, etwa zum

» Viele gehen tagsüber
zum Deutschkurs,
bleiben aber ansonsten unter sich. Der
alltägliche Kontakt
zu anderen wäre
aber nicht nur zum
Deutschüben total
wichtig.«
Roya Hadaegh wünscht
sich, dass die Bewohner
des Containerdorfs mehr
Nähe zu den Nachbarn
haben

Helfer gesucht
Tempelhofer Feld, organisiert, einmal pro
Woche ist Frauencafé und die Kinder gehen
sonntags zum Malen und Basteln in die Berlinische Galerie ein paar Häuser weiter. Roya
Hadaegh, stellvertretende Heimleiterin und
Ehrenamtskoordinatorin, freut sich besonders über die gute Aufnahme bei den umliegenden Bewohnern. So haben drei Nachbarn, die von ihren Balkons auf die Tempohomes sehen können, irgendwann beschlossen, einfach mal dort unten vorbeizuschauen. Jetzt geben sie regelmäßig Deutsch­
unterricht für die Tempohomes-Bewohner. Eine Anwohnerin hat den Frauen das
Fahrradfahren beigebracht und ihnen auch
gleich ein Fahrrad mit großem Einkaufskorb
geschenkt.
Bei der Einweihungsfeier hatten einige
Nachbarn noch Befürchtungen geäußert, etwa dass die Fremden womöglich „herumlungern“ würden. „Ich hatte dieses Wort
noch nie gehört“, amüsiert sich die perfekt
Deutsch sprechende Roya Hadaegh. Inzwischen haben sich offenbar die Befürchtungen zerstreut. Konflikte oder Beschwerden
sind keine bekannt. „Wir haben ein wunderschönes Opferfest gefeiert; und auch zu unserem Halloween-Fest sind viele aus der
Nachbarschaft gekommen“, berichtet die
stellvertretende Heimleiterin. K
04 | 2018

KONTAKT
Telefon 208988970
oder 0159 04329112
E-Mai:
r.hadaegh@albatrosggmbh.de

In den Tempohomes arbeiten viele Ehrenamtliche und diverse Initiativen zusammen,
zum Beispiel aus dem Mehrgenerationenhaus oder der Alten Feuerwache. Gesucht
werden noch Helferinnen und Helfer, die
die Bewohner zu Behördengängen oder bei
der Wohnungssuche begleiten. Wer Leseoder Lernpate für die Kinder werden möchte,
kann sich ebenfalls gerne melden. K

Sprachcafé in der Bauhütte
und urbanes Gärtnern

KONTAKT
E-Mai:
media@kreuzberg-hilft.de

Jeden Samstag ab 12 Uhr lädt die Bauhütte
am Besselpark zum Sprachcafé ein. Gemeinsam wird gekocht, geredet und oft bis spät
abends zusammengesessen. Zu dem offenen
Treff kommen Geflüchtete aus verschiedenen Kreuzberger Unterkünften. Außerdem
gibt es eine „Urban Gardening“-Gruppe, an
der sich ebenfalls Geflüchtete beteiligen.
Gemeinsam wurden kleine Beete gebaut und
bepflanzt. Nach dem Umzug an die Fried­
richstraße soll das noch intensiviert werden, sagt Katja Lehmann von der Initiative
„Kreuzberg hilft“: „Wir machen den neuen
Standort freundlicher, und vielleicht könnten die Teilnehmer eigene Hochbeete bewirtschaften.“ K

7

EIN HAUS MIT OFFENEN ARMEN
gedanken von heute zur bibliothek
von morgen
Gleich nach der Entscheidung, die neue Zen­
tral- und Landesbibliothek (ZLB) am Stand		
»Bisher stehen für den
ort der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) zu
		
bauen, begann die ZLB-Leitung damit, Bürger
ZLB-Neubau genau null Euro
nach ihren Nutzungswünschen zu befragen
		 in der Investitionsplanung
und sie in den künftigen Planungsprozess
		
des Landes. Wir müssen
einzubinden. Dabei liegt der Baubeginn noch
		
möglichst schnell in die
		
Pötte kommen. « in weiter Ferne: Voraussichtlich wird der erste Spatenstich nicht vor 2026 erfolgen.
		
Grünen-Kulturpolitiker
		 Daniel Wesener im Oktober beim
Für elf Wochen hatte die ZLB einen Themen		
Treffen der Gebietsvertretung
raum „Bibliothek findet Stadt – Stadt findet
Bibliothek“ eingerichtet. Hier haben Bibliotheksnutzer hunderte von Ideen für die ZLB
der Zukunft auf Haftzettel geschrieben. Mit
einem Lastenfahrrad ging der Themenraum
auch raus auf Berlins Marktplätze und zu
den Bezirksbibliotheken, um Anregungen zu
sammeln. Die Bandbreite reicht von einem
Lesegarten und einer Dachterrasse über Kinderbetreuung, Gruppenarbeitsräume, stabi­
les WLAN bis zu längeren Öffnungszeiten.
„Das ist für uns ein ganz reicher Schatz an
Ideen“, sagt Jonas Fansa, Neubaubeauftragter der ZLB. „Wir wollen sie, so gut es geht,
unter ein Dach bringen.“
Über die Rolle der künftigen ZLB in ihrem Umfeld ging es in einer Diskussionsrunde, zu der
die Gebietsvertretung der Südlichen Friedrichstadt im Rahmen des „Urbanize!“-Festi-

8

vals eingeladen hat. Die Gebietsvertretung
möchte, dass sich die neue Bibliothek noch
enger mit den umliegenden Quartieren verbindet. ZLB-Vorstand Volker Heller weiß:
„Die AGB hat hier im Kiez eine besondere
Funktion: Sie ist Anziehungspunkt für die
direkte Nachbarschaft.“ Die Aufgaben der
Bibliothek hätten sich stark gewandelt. Die
AGB arbeitet mit den Schulen in Sachen
Sprach- und Leseförderung zusammen, sie
wird von Schülern für die Gruppenarbeit genutzt und bietet Platz für Veranstaltungen.
Da kommen viele Ansprüche zusammen.
Mit dem Neubau wird sich die Publikumsfläche verdreifachen. Nicht alle sehen diese Notwendigkeit. Eine Anwohnerin meinte zum Beispiel: „Die Bibliothek ist für mich
ein Ort des Buches – alles andere brauche ich
nicht.“
Dem ZLB-Chef ist wichtig, dass der Neubau
alle mit offenen Armen empfängt: „Dieses
Haus darf keine Kathedrale der Bildung sein,
die die Menschen verschreckt.“
„Es wird eines der größten Berliner Bauvorhaben der nächsten Jahre“, erklärte Stadt­
entwicklungssenatorin Katrin Lompscher
bei der Finissage des Themenraums am
1. November. Sie kündigte ein transparentes
zweistufiges Wettbewerbsverfahren an, das
zwei bis drei Jahre dauern wird. „Dann sollten
wir aber auch hinnemachen“, so Lompscher,
die sich freuen würde, wenn der Bau nicht
erst in acht Jahren beginnen könnte. K

INFO
Rückblick auf den Themenraum
„Bibliothek findet Stadt“ unter:
www.zlb.de/veranstaltungen/themenraum/
archiv/themenraum-bibliothek-findetstadt.html

SELBSTBESTIMMTER FAMILIENERSATZ
im tommy-weisbecker-haus finden junge trebegänger
seit 45 jahren ein dach über dem kopf
Abhängen is‘ nich‘. Die Bewohner müssen
Thekendienst in der hauseigenen Kneipe
„Linie 1“ schieben, das Konzert-Boo­
king organisieren, Reparaturen vornehmen oder
sich sonst irgendwie nützlich machen. Das
Tommy-Weisbecker-Haus (THW) in der Wilhelmstraße 9 ist ein selbstverwaltetes
Wohnkollektiv. Das heißt: Alles wird selber
gemacht, und alles wird auf dem Plenum
besprochen – auch die Frage, ob man einem
Artikel über das Haus in der SÜDSEITE zustimmt. Man hat zugestimmt.
40 junge Leute wohnen im THW, außerdem
gibt es vier Notübernachtungsplätze. Jeder
hat sein eigenes Zimmer, es gibt Gemeinschaftsküchen und -bäder in jeder Etage.
Seit das Haus 1973 von jugendlichen Trebegängern besetzt wurde und später vom Senat einen langfristigen Vertrag bekam, hat
sich vieles auch im staatlichen Hilfesystem
verändert, wie Denny, einer der Bewohner
erklärt: „In den 1970er-Jahren wurden Heimkinder unmündig gehalten, gedemütigt und
zum Teil auch missbraucht, heute dagegen
gibt es ein relativ gut funktionierendes System der Jugendhilfe“. Es gebe im Haus kaum
noch Jugendliche, die von zu Hause oder von
einem Heim abgehauen sind. Im TWH wohnen heute vor allem ehemalige Straßenkinder aus der Subkultur sowie Treber, die trotz
aller Verbesserungen schlechte Erfahrungen
mit dem offiziellen Hilfesystem gemacht haben. Der Trägerverein SSB e. V. („Sozialpäd-

04 | 2018

agogische Sondermaßnahmen Berlin“) verficht das Prinzip des „Empowerment“. Das
heißt vereinfacht: Die Stabilen sollen die Labileren darin unterstützen, ihre Interessen
eigenverantwortlich wahrzunehmen. Allerdings war die Streichung einer geförderten
Sozialarbeiter-Stelle im Jahr 2006 ein Einschnitt mit großen Folgen. Seitdem wird Sozialarbeit nur noch ehrenamtlich geleistet. » Man kann da hingehen,
„Einige haben so vielfältige Probleme, dass
sein Bier trinken und Billard
wir die nötige umfassende Hilfe nicht mehr
spielen.«
ohne Profis leisten können“, so Denny. Auch
Bernd Surkau, Anwohner im
die Identifikation der Bewohner mit dem Pro- Rentenalter, fühlt sich wohl in
der „Linie 1“
jekt habe seither deutlich abgenommen.
Dennys eigene Geschichte ist eher untypisch.
Er ist im Alter von 16 von zu Hause ausgezogen, hatte aber eine eigene Wohnung, als er
2005 beschloss, ins TWH zu ziehen. Sein Beweggrund: sich engagieren. „Ich fühle mich
wohl hier, für mich ist das eine Art Familienersatz geworden.“
Während die Wohnflure für neugierige Besucher tabu sind, steht die „Linie 1“ allen
offen. „Schlipsträger sind hier ebenso willkommen wie jugendliche Punks, man muss halt nur
mit der Musik klarkommen“, erklärt Denny. K
INFO
Wer war Tommy Weisbecker?
Der gebürtige Freiburger war Anarchist und lebte zeitweise in der Berliner Kommune I. Später schloss er sich
der Bewegung 2. Juni an, die für mehrere Brand- und
Sprengstoffanschläge verantwortlich war. 1972, im Alter von 23 Jahren, wurde er von der Polizei erschossen.

9

BÖHMISCHE WALACHEI
im 18. jahrhundert bildeten tschechische
zuwanderer in der südlichen friedrichstadt
eine eigene gemeinschaft
Im Jahr 1732 standen 500 Religionsflüchtlinge aus Böhmen vor dem Halleschen Tor. Sie
sind zu Fuß aus dem damals zu Österreich gehörenden Tschechien gekommen, wo sie als
		
»Alle Religionen seindt
Protestanten zunehmend drangsaliert wor		 gleich und gut, wan nuhr
den waren. Der preußische König Friedrich
		die leute, so sie profesieren, Wilhelm I. hatte verfolgte Protestanten aus
		 Ehrlige leute seindt, und
katholischen Ländern eingeladen – nicht al		 wenn Türken und Heiden
lein aus Nächstenliebe, sondern zur „Peuplie		
kämen und wollten das
rung“ Preußens: Das dünn besiedelte Land
		 Land pöplieren, so wollten
brauchte Zuwanderung, insbesondere von
		
wir sie Mosqueen und
Fachkräften.
		
Kirchen bauen. « Im selben Jahr kamen auch 15 500 Salzburger nach Berlin, die aber als Landwirte vor al		
Friedrich II., König von Preußen
		
(1712 bis 1786), ließ im Jahr 1740
lem nach Ostpreußen weiterzogen. Die Böh		
Toleranz walten, auch in der
men
waren hingegen als Tuch- und Leinewe		
Rechtschreibung
ber qualifiziert und wurden in der Südlichen
Friedrichstadt angesiedelt. Bis 1735 entstanden zwischen Kochstraße und Halleschem
Tor die ersten 39 Häuser für die böhmischen
Siedler. Die Gegend wurde von den Berlinern
„Böhmische Walachei“ genannt. Später kamen im Berliner Raum weitere böhmische
Kolonien hinzu, etwa Böhmisch-Rixdorf
(heute in Neukölln) und Nowawes (heute in
Potsdam-Babelsberg).
Die Integration der bald auf 1 200 Menschen angewachsenen Böhmen verlief nicht
so reibungslos wie bei den 60 Jahre zuvor
aus Frankreich zugewanderten Hugenotten.
Schon die Verständigung war schwierig. Die
Böhmen sprachen Tschechisch – was im Gegensatz zu Französisch in Berlin so gut wie
niemand verstand. Zudem wurden sie wie die
Hugenotten gegenüber den Berliner Bürgern
bevorzugt: Sie bekamen kostenlos das Bürger- und Meisterrecht, eine fünfjährige Steuerbefreiung, Mietzuschüsse für zwei Jahre,

10

eine Unterstützung zur Anschaffung von Arbeitsgeräten und eine Befreiung vom Militärdienst. Sie hatten eigene Schulen und eine eigene Kirchengemeinde. Die Bethlehemskirche stand auf dem Platz an der Mauerstraße,
Ecke Krausenstraße. Die Predigten wurden
noch lange Zeit auf Tschechisch gehalten. Außerdem gab es eigene Druckereien, Ärzte und
Hebammen. Die teilweise sehr frommen Böhmen hielten sich vom Großstadtleben fern.
Von der böhmischen Zuwanderung gibt es
nur noch wenige Spuren. Es haben keine
tschechischen Wörter Eingang in den berlinischen Sprachschatz gefunden. Aber das noch
gut erhaltene „Böhmische Dorf“ unweit des
Richardplatzes in Neukölln lohnt einen Besuch. Hier ist noch immer viel über das Leben
und die Zuwanderungsgeschichte der Böhmen zu erfahren. Von der im Krieg zerstörten Bethlehemskirche ist heute der Grundriss im Pflaster nachgezeichnet, eine Stahlrohr-Lichtinstallation erinnert seit 2012 an
den Baukörper.
Der „Böhmische Gottesacker“ ist Teil der
denkmalgeschützten Friedhofsanlage am
Halleschen Tor. Durch den Bau der Blücherstraße wurde der Friedhof der böhmischen
Gemeinde 1967 aber erheblich verkleinert.
Viele historische Grabsteine wurden dabei
versetzt und sind stark überwuchert. K

KUSCHELN MIT DEM KLEINEN PRINZEN
gegen langeweile am sonntag hilft die märchenstunde
in der kiezstube
„Habt ihr schon mal von dem Kleinen Prinzen
gehört“, will Rajaa Bajus von Maya, Djoumana, Hasedin und Momo wissen. Die vier Kinder, die eingekuschelt in Decken auf dem
Boden sitzen, kennen die Fernsehserie gleichen Namens auf dem Fernsehsender Kika.
Doch jetzt geht es um das Buch von Antoine de Saint-Exupéry, das zu allen Zeiten von
Kindern und Jugendlichen geliebt wurde. Abwechselnd lesen Raaja Bajus und die 11-jährige Djoumana Kapitel für Kapitel des kleinen Buches vor. Dabei tauchen immer wieder Verständnisfragen auf, die erörtert sein
wollen. Die zwei Jungen und Mädchen lauschen gespannt, auch wenn der Text für den
siebenjährigen Hasedin ganz schön schwierig ist.
„Ich möchte den Kindern ein Stück Bildung
vermitteln“, erklärt Rajaa Bajus, Vollzeit-Stu-

dentin und Mutter einer kleinen Tochter. Vie- » Wir haben als Kinder unser
le Kinder aus dem Quartier seien sich selbst
Treppenhaus für Halloüberlassen und spielen hauptsächlich drau- ween oder Weihnachten
ßen auf der Straße. Die junge Frau hat die
geschmückt, heute gibt es
Vorlesestunden in ihrer einstigen Kita noch
so etwas nicht mehr. Irgendin allerbester Erinnerung.
wie ist manches an LebensNach einer guten halben Stunde heißt es:
freude verlorengegangen,
„Jetzt spielen wir, und beim nächsten Mal le- ich finde das sehr traurig.«
sen wir weiter.“ Bei der anschließenden Run- Rajaa Bajus, seit 1989 Bewohnerin
im Kiez um den Mehringplatz
de „Mensch ärgere dich nicht“, wird gelacht
und gebangt. Und am Ende gewinnt – na, wer
wohl? – Hasedin, der Jüngste. K

INFO

		
»Jetzt gehe ich nach Hause zum Essen
		 – meine Mutter hat Weinblätter gemacht.
		
Und dann geht es ins Schwimmbad,
		
darauf freue ich mich total.«
		
		

Maya, 8 Jahre alt, über den weiteren Verlauf
ihres Sonntagnachmittags

04 | 2018

Die kostenlose Märchenstunde für Kinder ab dem
Grundschulalter findet
derzeit jeden zweiten
Sonntag im Monat von
12 bis 15 Uhr statt. Ort:
Kiezstube, Mehringplatz 7.
In der Märchenstunde
wird aber nicht nur gelesen
und gespielt, sondern auch
gebastelt, zum Beispiel für
den Weihnachtsbaum auf
dem Mehringplatz.

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vorschau

impressum

Der Herbst deckt das ständige
Ärgernis mit Farbe zu. Wie geht
es weiter mit der Parkpalette?
Die SÜDSEITE bleibt dran.

04 | 2018
5. Jahrgang
Erscheinungstermin: 11. Dezember 2018
Herausgeber:
asum GmbH, Kerima Bouali (VisdP)
Sonntagstraße 21
10245 Berlin
Telefon 2934310
info@asum-berlin.de
www.asum-berlin.de

im Auftrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin
www.sanierung-suedlichefriedrichstadt.de
Gesamtherstellung:
H & H Presse Büro Berlin
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin
leserservice@hnh-presse.de
www.hnh-presse.de

Redaktion:
Udo Hildenstab, Birgit Leiß,
Jens Sethmann
Fotografie:
Christian Muhrbeck, Birgit Leiß,
Mehrad Sepahnia/KUBIQ e. V.,
boehmischesdorf.de
Grafik und Layout:
Kersten Urbanke
                            
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