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Galizien

Full text: Der internationale Mädchenhandel / Baer, Karl M. (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Galizien. 
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Dort war der Tagesverdienst 20—30 Kronen, die 
jedoch für die Bedürfnisse des Mädchens nicht ausreichten. 
Die Wohnung kostete täglich 15 Kronen; der Rest ging 
für Essen und Kleidung auf. Alle Einkäufe wanderten 
durch die Hand der Wirtin, so daß die Mädchen, die 
überdies in schrecklicher Weise behandelt wurden, immer 
in Schulden blieben. 
Als die Händlerin arretiert wurde, ergab es sich, 
daß sie ihr Geschäft seit zehn Jahren betreibt. 
Mehr noch als in der Hauptstadt blüht der Mädchen¬ 
handel auf dem Lande, wo besonders südamerikanische 
Kasten ihre Ware einhandeln. Sie gehen auf die ver¬ 
schiedensten Arten zu Werke. 
Wenn in diesen Ortschaften, die zum großen Teil 
noch nicht an das Schienennetz angeschlossen sind, ein Frem¬ 
der auftaucht, der es versteht, durch scheinbare Wohlhaben¬ 
heit und Scheinheiligkeit sich das Vertrauen der Bevölke¬ 
rung zu erwerben, ist es für ihn leicht, Ware zu finden. 
Er ist nicht sehr wählerisch in seinen Mitteln. Hier ver¬ 
spricht er einem Mädchen, das kaum lesen und schreiben 
kann, eine gut bezahlte Stellung als Buchhalterin, dort 
hat er den Auftrag, seiner Schwester, die in Amerika 
sehr reich verheiratet ist, eine Bonne oder Gesellschafterin 
mitzubringen. Es kommt ihm auch nicht darauf an, ein 
Mädchen zu heiraten, und dessen Schwester für seinen 
Freund, „dem es an Damenbekanntschaft fehlt", mit 
herüberzubringen, oder er stellt Ensembles von Künstle¬ 
rinnen zusammen; kurzum, er wendet die alten Lügen so 
geschickt an, daß immer wieder neue Mädchen zum Opfer 
fallen. 
Der Hamburger Verein wurde benachrichtigt, das; 
ein Mädchen aus seinem galizischen Heimatsorte ver¬ 
schwunden war. Es hatte sich herausgestellt, daß ein polni¬ 
scher Bauer aus dem Wohnorte des Mädchens sie mit 
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