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Full text : Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Charlottenburg (Public Domain) Ausgabe 1907 (Public Domain)

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Auch  der  Vergleich  des  Zahlenmaterials  anderer  Verwaltungszweige  (Krankenkassen, ­
  Baugesuche,  Armenpflege),  die  einen  Rückschluß  aus  die  Lage  des  Arbeitsmarktes
gestatten,  ergaben  eine  verminderte  Arbeitsgelegenheit.
Arbeitslosen-Beschäftigung.  Schreibstube  für  Stellenlose.  Zu  außerordentlichen ­
  Maßnahmen  zur  Beschäftigung  von  Arbeitslosen  lag  auch  in  diesem  Jahre  kein
Anlaß  vor.  Zur  Beschäftigung  von  Arbeitslosen,  für  welche  eine  andere  Arbeit  nicht
zu  ermitteln  war,  stand  wie  in  früheren  Jahren  in  erster  Linie  der  städtische
Steinschlageplatz  zur  Verfügung.  Während  in  den  letzten  Jähren  sich  für  diese  Beschäftigung ­
  nur  wenige  Arbeitslose  meldeten,  wurden  in  diesem  Jahre  vom  Arbeitsnachweis
in  den  Wintermonaten  167  Personen  dem  Steinschlageplatz  überwiesen,  von  denen  15  Personen ­
  die  Arbeit  nicht  annahmen.  Von  der  Armenverwaltung  wurden  ohne  Vermittlung
des  Arbeitsnachweises  293  Personen,  die  wegen  Arbeitslosigkeit  um  Unterstützung  eingekommen ­
  waren,  ebenfalls  dem  Steinschlageplatz  zur  Beschäftigung  überwiesen,  von
denen  jedoch  über  die  Hälfte,  170  Personen,  die  Arbeit  nicht  annahmen.  Die  Höchstzahl
der  dort  zugleich  beschäftigten  Arbeiter  betrug  96.  Die  Ausführung  der  Arbeiten  geschieht
int  Akkord.  Der  höchste  Verdienst  eines  Arbeiters  betrug  4,38  M,  der  niedrigste  (veranlaßt
teils  durch  freiwilliges  vorzeitiges  Verlassen  der  Arbeitsstelle,  teils  wegen  gänzlicher  Unfähigkeit, ­
  eine  entsprechende  Geschicklichkeit  sich  anzueignen)  0,25  M,  der  Durchschnittsverdienst ­
  2,22  M  pro  Tag  bei  durchschnittlicher  81/.  ständiger  Arbeitszeit.  Um  den  ungeübten ­
  Arbeitern  Gelegenheit  zur  Aneignung  der  nötigen  Fertigkeit  zu  geben,  wurde  denselben ­
  zu  ihrem  Akkordverdienst  ein  Zuschlag  gezahlt,  damit  dieselben  einen  Verdienst ­
  von  30  für  die  Stunde  erreichten.  Die  Dauer  der  Zahlung  dieses  Zuschlages
wurde  auf  4  Wochen  bemessen.  In  einzelnen  Fällen  wurde  diese  Frist  auch  noch  verlängert. ­

In  der  Sitzung  der  Stadtverordnetenversammlung  vom  8.  Januar  1908  gelangte
folgender  Antrag  des  Stadtverordneten  Hirsch  zur  Verhandlung:
Der  Magistrat  wird  ersucht,  schleunigst  Maßnahmen  zur  Linderung  der  Arbeitslosigkeit ­
  und  ihrer  Folgen  in  Charlottenburg  zu  ergreifen.
Nach  Vorberatung  durch  einen  Ausschuß,  welchem  sämtliches  statistische  Material
vorgelegt  wurde,  faßte  die  Versammlung  am  12.  Februar  folgende  Beschlüsse:
1.  Die  Stadtverordnetenversammlung  erkennt  mit  dem  Magistrat  an,  daß  die
Lage  auf  dem  Arbeitsmarkt  zur  Zeit  zwar  ernst,  aber  nicht  kritisch  ist;  sie  hat
das  Vertrauen  zum  Magistrat,  er  werde,  wie  im  Jahre  1901/02  die  nötigen
Maßregeln  treffen,  um  einer  etwa  weiter  zunehmenden  Arbeitslosigkeit  gerüstet ­
  gegenüberzustehen.
2.  Die  Stadtverordnetenversammlung  ersucht  den  Magistrat  in  Erwägung  zu  ziehen,
ob  sich  die  Verwendung  städtischer  Mittel  für  die  Zwecke  der  Arbeitslosenversicherung ­
  empfiehlt.
Die  öffentliche  Schreibstube  für  Stellenlose  erhielt  auch  im
Berichtsjahre  einen  städtischen  Zuschuß  von  2000  M  und  berichtet  über  das  Kalender
jähr  1907  folgendes:
Die  öffentliche  Schreibstube  für  Stellenlose  setzte  ihre  Tätigkeit  in  der  bisherigen
Weise  fort.  Aus  dem  größeren  Komitee  hat  sich  ein  kleines  Arbeitskomitee  gebildet,  das
in  wöchentlichen  Besprechungen  die  nötigen  Direktiven  für  die  Geschäftsführung  gibt  und
eine  Kontrolle  über  die  Tätigkeit  der  Angestellten  und  die  Erledigung  der  Aufträge  übt.
Zu  unserem  Bedauern  hat  sich  trotz  wiederholter  Aussendung  von  Rundschreiben
und  vielfachen  persönlichen  Bemühungen  im  abgelaufenen  Jahre  vermehrte  Arbeitsgelegenheit ­
  für  Schreibkräfte  nicht  erreichen  lassen.  Wie  es  scheint,  ist  auch  die  eingetretene
Erhöhung  des  Ortsportos  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Versendung  von  Preislisten  und
dergleichen  gewesen.  Auch  andere  Adressenbureaus  klagen,  wie  wir  hören,  darüber.  Bei
Stellung  von  Aushilfen  durch  die  Schreibstube  ist  es  übrigens  mehr  und  mehr  üblich  geworden, ­
  daß  die  Firiuen  mit  dem  Aushilfe-Personal  direkt  abrechnen,  so  daß  diese  Beträge
nicht  mehr  durch  die  Bücher  der  Schreibstube  gehen.  Es  meldeten  sich  Stellenlose  530
(1906  620),  von  denen  286  (1906  334)  (257  männl.,  29weibl.)  beschäftigt  werden  konnten.
Dauernd  beschäftigt  waren  7  Personen.  In  Aushilfestellen  kamen  durch  Vermittlung  der
Schreibstube  56,  in  feste  Stellen  38  Personen.
Die  Einnahmen  aus  den  Aufträgen  beliefen  sich  aus  12  120,12  .&  (gegen  13  025,78  .«  im  Vorjahre).
Die  dafür  in  4951  Arbeitstagen  verdienten  Lohne  betrugen  8788,78  M  (1906  9974,37  .«.).  Der  Durchschnittswvchenverdienst
  betrug  10,80  M  (1906  11,50  .#).  Durchschnittlich  beschäftigt  waren  24  Personen.  Zu  der  sehr
niedrigen  Ziffer  des  Lohndurchschnitts  muh  tvieder  daran  erinnert  werden,  dah  die  Schreibstube  nicht  nur  meist
ungeübtes  Personal  beschäftigt,  sondern  auch  Leute,  die  Halbinvaliden  sind  und  ohne  sie  überhaupt  keine  Be
schäftigung  finden,  sondern  der  öffentlichen  oder  privaten  Armenpflege  anheimfallen  würden.  Noch  mehr  wird
der  Durchschnitt  heruntergedrückt,  einerseits  durch  Leute,  die  nur  zum  Falzen  zu  brauchen  sind,  anderseits  aber
durch  Unlustige,  die  ihre  Arbeitszeit  beliebig  abkürzen.  Im  allgemeinen  tvird  auch  daran  sestgehalten,  Beschäftigung ­
  nur  für  6  Wochen  hintereinander  zu  gewähren,  so  dah  die  Arbeitskräfte  ständig  wechseln  und  die  neu
Eintretenden  sich  immer  erst  einarbeiten  müssen.
            
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