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Das Fürstlich Radzivilsche Palais

Full text: Berlin und seine Umgebungen im neunzehnten Jahrhundert (Public Domain)

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BERLIN IM NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERT. 
Gesiuuung seiner erlauchten Gemahlin den reinsten Anklang fand, machte diesen 
Palast, bei der Lebenszeit des unvergesslichen Besitzers, zu einem Tempel der 
Musen, in welchem die eigenen Schöpfungen des Verewigten eben so vollkommen, und 
dem Geiste ihres Urhebers angemessen, aufgeführt und dargestellt, als sie von den 
Zuhörern, welche die Liberalität des Fürsten an dem Genüsse Theil nehmen liess, tief 
empfunden und bewundert wurden. Hier wurden zuerst die Compositionen zu Göthe's 
Faust (die gegenwärtig durch die öffentliche Bekanntmachung ein Eigenthum des 
gesammten musikalischen Publikums geworden sind) aufgeführt, — und wie sehr der 
erste deutsche Dichter selbst die musikalische Belebung seiner Phantasiegebilde durch 
die Harmonieen des fürstlichen Kunstfreundes zu schätzen wusste, hat man, nach 
seinem Tode, durch seine Aeusserungen gegen einen vieljährigen Freund und Geistes 
verwandten, Zelter, sattsam zu erfahren Gelegenheit gehabt. 
Das Mausoleum der Königin Luise. 
Der gerechte Schmerz des Monarchen, der, in einer hart bedrängten Zeit, durch 
den Verlust einer, eben so sehr mit äusserem Liebreitz, als mit den trefflichsten 
Eigenschaften des Geistes und des Herzens ausgestatteten, Gemalin in die tiefste 
Trauer versenkt wurde, hat in Charlottenburg, dem Orte, den eine nicht 
weniger hoch stehende Königin einst zu ihrem Lieblings - Aufenthalt erwählte 
(s. pag. 102.), ein Denkmal gegründet *), das eben sowohl den Namen der erhabenen 
Fürstin, als den ihres erlauchten Gemals, der Nachwelt überliefern wird. Ohne 
äusseren Prunk, nur durch den Charakter seiner Umgebungen als der Sitz der 
Trauer und der ernsten Betrachtung bezeichnet, tritt das einfache Tempelgebäude**), 
am Ende einer düsteren Trauer-Allee, von Tannen- und Weymouth’s-Kiefern, 
dem Beschauer entgegen, der, am Eingänge des weiten, ringsum von Laub, Bäumen 
und Blumen eiugeschlossenen, freien Vorplatzes stehend, die Fronte des Denkmals 
erblickt. Einige wenige Granitstufen führen zwischen zwei, auf den Trejjpenwänden 
aufgestellten, schönen Granitvasen, im Sommer mit blühenden Gewächsen geschmückt, 
zu dem alt-dorischen Peristyl, dessen vier Säulen ein Fronton tragen, in welchem 
man das Monogramm des Namens des Erlösers zwischen dem Anfangs- und dem 
End - Buchstaben des griechischen Alphabets (in Bronze) erblickt, eine symbolische 
Andeutung, dass der Christ in Christo den Anfang und das Ende aller Dinge zu 
suchen habe. Die ganze vordere Fronte des Gebäudes ist gegenwärtig mit einem röth- 
lichen Granit bekleidet, aus welchem auch die, aus einem Stück bestehenden, 
ursprünglich zu einem Block gehörenden, Säulen gearbeitet sind, eine Arbeit, welche 
*) Es wurde im J. 1810 zu kauen begonnen; das Modell der Statue war im J. 1811 vollendet, und 
der Marmor wurde im J. 1815 aufgestellt (s. weiter unten). 
**) Es wurde nach einer Zeichnung des verstorbenen Ober-Bauraths Gens. (Bruder des in Wien ver 
storbenen K. K. Hofraths t*. Genz) erbaut, dem auch das Münzgebäude in Berlin (s. pag. 27.) 
seine Entstehung verdankt.
	        
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