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Full text: Tonkünstler-Lexicon Berlin's / Ledebur, Karl, Freiherr von

Sehnlz. 531 bescbäftigung machte. Kimberger hatte seine Freude daran, mich ihrer nicht miide werd~n zu sehen, und glaubte vielleicht einen zweiten Seb. Bach in mir zu erziehen. Er hatte mich anfänglich mit Strenge von allen l\Iusiknufführungen in Concerten oder Schauspielen abgehalten, mn, wie er sagte, meinem Geschmacke keine falsche Richtung zu geben. Diese Strenge ward bald unnütz, denn je länger ich arbeitete, je mehr fand ich alle neucre l\Iusiken schaal und unausstehlich uud ich hing nur mit Leib und Seele an alter gearbeiteter .Musik. Nur was mir mühsam ausgearbeitet zu sein schien, zog mich an, uud daher ward meine ehemals so leichte Schreibart nur mühsam nnd peinlich. Praktis<'he l\Iusik verlor allen Heiz für mich, weil Kimberger selbst kein sonderlicher Praktiker war und keine Concerte besuchte. Die Orgel, ehemals mein Hauptiustrument ward hintenangesetzt, weil ich sclJiichtern im Phantasiren geworden war und verboten~ Fortschreilungen zu machen fürchtete. Ich hatte, mit einem \Vorte, durch Kirnberger's Umgang und U nterrieht unstreitig an Kenntniss, Theorie und Kritik gewonnen, aber eben so viel an Genie znr praktischen Hervorbringung eigener Kunstwerke verloren. (Nachdem ich seinen Unterricht beinahe 3 Jahre lang genossen hatte), empfahl er mich einer polnischen Fürstin Sapieha, \Voiwodin von Smolensk, die sich an ihn selbst gewandt hatte, um sie auf ihrer Reise zu begleiten und ihr an Ort und Stelle Lektion auf dem Clavier zu gehen. l\lit dieser Dame war ich über 4 Jahr fast beständig auf Reisen. Im J. 1772 verlicss ich in \Varschau ihren Dienst und trat bei einem ihrer Verwandten, dem Fiirsten Sapieha, Woywod von Plock und damaligen Unterfeldherrn von Lithauen, der die Fürstin auf unserer Heise nach Italien begleitet und mich kennen gelernt hatte, mit dem Titel als Kaprllmeister in Dienst. Seine Hcsidenz, oder vielmehr der Ort, wo er sich am liebsten aufhielt, war Deveczyn, ein Dorf in Lithauen in der Gegend von Slonim. Er hatte einen glänzenden Hofstaat, eine ansehnliche Kapelle, spielte selbst recht brav Violine und gab wöchentlich 2 grosse Concertc; da er aber keine Sänger hatte und ich in seinen Concerten weiter nichts zu thun hatte, als zu accompagniren, oder allenfalls ein Clavier-Concert schlecht zu spielen, hielt ich es nur 6 Monate lang bei ihm aus und reiste 1773 nach einer 5jährigen Abwesenheit zu meinem Lehrer Kim- berger wieder zurück, der mich mit offenen Armen aufnahm. Er machte mich mit Sulzer bekannt und ich ward der .Mitarbeiter bei den noch fehlenden musikalischen Artikeln des 2ten Theiles seiner Theorie der schönen Künste. In Berlin bewarb man sich mehr, als ich es verdiente, um meinen Unterricht im Singen und auf dem Clavier, und ich kam sowohl bei Hofe, als auch in den ersten Häusern der Stadt so in's Lektionsgeben hinein dass ich froh war, als nach etlichen Jahren das Königliche französische Theater errichtet und ich dabei als l\Iusik-Director angestellt wurde. Dieser Stelle hatte ich 2 Jahre vor· gestauden, als der König beim Anfange des baiersehen Krieges das ganze Personal dieses Theaters verabschiedete. Die damalige Kronprinzessin, jetzt verwittwete Königin l\Iutter, errichtete während des Krieges zu ihrem Vergniigcn in llerlin ein Privat-Theater worin si.e ~elhst !.n Gescllsch.?~t von lauter Damen .. unter me.iner Leitung Anfangs kleine: zuletzt 1mmer grossere franzos1sche Operetten auffuhrte. I-her hatte ich alle Hände voll zu thun da ich allein mit allen diesen Personen die Rollen einstudiren musste zu dem Ende täglich Versammlungen bei der Kronprinze~sin stattfanden. Nach Endi~ung des Krieges ging diese Uehung noch selbs in Potsdam fort, wo ich zu diesem Ende 3 Tage in jeder Woche zubringen mmste.. Der Prinz Heinrich, Bruder des Königs, der etliche Vorstellungen dieser l:iesellschaft m Bcrlin mitangesehen hatte, engagirte mich nun für sein grosses französisches Theater in Rheinsberg als Kapellmeister. Diesen Dienst trat ich den 1. April 1780 an und brachte während der Zeit von 7 Jahren, die ich darin zu- brachte alle Gluck'sche, Piccini'sehe und Sachini'schc grosse Opern und eine grosse Menge 'der besten französischen Operetten anf's Theater. Ausser einer Menge grosser und kleiner Gelegenheitsmusikcn, die der Vergangenheit übergeben sind, componirte ich für das Rheinsherger Theater die Operetten: La Fee Urgele; Les Choeurs d'Athalie· die Oper: Aline Rrinc de Golconde. Die Musik zu den Chöreu der "Athalie" ward durch die Ut•ber~etzung des Prof. Crnmcr in Copcnhagen bekannt und verschaffte mir den Ruf als Kapellmeister des J{üuigs mit 2000 Thlrn. Gehalt. Ich nahm den Ruf an*), . "') Schulz nahm diese Stelle um w lieber an, als sein Verhältniss zu hochgestellten Personen Sich in der letzten Zeit weniger angenehm gestaltet hatte. Es ist in diesem Werke bereits 67*
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