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Full text: Tonkünstler-Lexicon Berlin's / Ledebur, Karl, Freiherr von

Reichardt. 431 freundlich die Bitte gewährt, ihn den folgenden Morgen wieder einige Meilen weiter, zum Amtsrath Keidel, fahren zu lassen, der ihn eudlich nach Königsberg hinschaffte, wo er demelbcn Abend ankam Er suchte ~ogleich seine unansehnlich geschriebene Partitur der Opc·r hervor Ullll ergiinzte schnell manches noch fehlende. Unterdessen schrieb er an den Conecrtmeistcr Benda, der ihn bei seinem mehrmaligen Aufenthalte in P(otsdam) so frr•mHIIich aufi.!·enommen batte, meldete ihm seinrn Entschh1ss, eine Probe-Oper an den König zu schicken, und ersuchte ihn, ob er sie wohl dem Könige überre'chcn wolle. llenda, dPr Pbcn am Chiragra litt, licss den Brief durch einen alten Freund, den Musik- Director Jacohi in P( otsdnm), beantworten. Dieser tüchtige Mann bekleidete die ehe- malige militairische I\npellmcisterstelle, welche Friedrich II. *) .zur Bildung seiner Regi- mentH·Hantboisten errichtet hatte, und stutzte Knaben aus dem Potsdamer Waisenhause zu Garde-Hrgirnents-Hauthoisten zu. Als R diese Antwort**) erhielt, war seine Oper bereits in drei ordinaire Pappbiinde gebunden und ging sogleich mit folgendem Briefe gerade an den König nach Potsdam. "Ew. Königliche Majestät wage ich eine grosse Oper zu überreichen, bei deren Bearbeitung mir Hasse und Graun Meister und Vorbild gewesen. Ein hoher Kenner- blick wird entscheiden, ob der Componist derselben es verdient, die ehrenvolle Stelle eines Graun zu bekleiden. In tiefer Ehrfurcht ersterbe ich u. s. w." - l\lit umgehender Post erhielt er aus dem Kabinet folgendes Königliches Schreiben: "Sc. Königliche l\Iajestät von Prcu8sen, unser Allergnädigster Herr, wollen dem 1\Iusico Hcichardt zu Königsberg in Preussen auf dessen eingesandte Oper hiermit zur vorläufigen Antwort nicht vorhalten, dass höchst Dieselben solche vorbero probiren lassen wollen, um zu beurtheilen, ob unu wieweit solche denen Arbeiten eines Graun oder Hasse zur Seite gestellt zu werden verdient. Potsdam, den 20. Oetober 1771(?)***) "· Nach Empfang dieses Schreibens meldete sich R. bei seinem zweiten Chef, dem Obermarschall v. d. Gröbcn, Chef des Consistoriums, bei welchem R. als Secretair an- gestellt war. Dieser brave 1\linistC'r, der sich durch Geradheit und Derbheit als Original auszeichnete, war ein grosser Freund der Musik und spielte selbst recht brav die Geige; R war sein Tisch- und Hausgenosse. Er theilte demselben seinen gewagten Schritt und die Antwort mit, äusserte auch seine Bcdcnkliehkciten vor Eingang einer Entschei- dung, etwas davon dem Oberpdisidenten, Chef der preussischen Domainenkammer, zu sagen. Der Obermarschall las den Brief und sagte zu R.: "Nun, so wollen wir nach meinem Gute reiten und die Hasen und Füchse so lange ängstigen, bis die Antwort kommt". - Das geschah, und R. brachte die für ihn schicksalsschwangere Zeit anfäng- lich sehr lustig auf seinem polnischen Gaule zu; aber er fing- an fast iingstlich zu wer- den, da der ganze November verstrich, ehe Antwort kam. Man erfuhr zwar, dass der König sehr krank sei, ja, zuweilen ward er auch todt gesagt, dies war aber kein Trost für den \Vartendcn; endlich langte am 4. December ein Schreiben Jaeobi's ant). - (Hier bricht das Manuscript gänzlich ab). - Im J. 1775 ward R. endlich als K. Kapellmeister angestellt; er trat jedoch sein Amt noch nicht gleich an. Fasch sagt in einer eigenhändigen Notiz im December 1775 darüber: "Ungeachtet die Stelle des scl'gen Herrn Agricola durch den neuen Kapell- meister Reichardt wieder besetzt war, so behielt icl1 doch auf Befehl des Königs diesen \Vinter die Direction der Opera". - Ferner schreibt Faselt im Dec. 1776: "Nach Be- endigunoo des Carnevals übergab ich das bisher gehabte Opern- Departement an den ueucn Kapellmeister Herrn Reichardt". - n. begann seine 'Wirksamkeit mit der Com- position eines Prologs zu Ehren der Anwesenheit des Grassfürsten Paul von Russland, der im Sommer des J. 1776 nach Berlin kam. Unter dem Sängerpersonal befand sich damals die berühmte Mara, wclclJC das Privilegium zu haben glaubte, Arien, die ihr *) Dies ist ein Irrthum; Fricdr. Wilh. I. gründete die Musikschule des Militair-Waisen- hause~ zu Potsdarn. **) Sie fehlt in dem Manuscript, geht aber aus dem Folgenden hervor. ***) Die Jahreszahl 1771 ist jcd~nfalls unrichtig und wahrscheinlich ein Schreibfehler, da Agricola erst 1774 starb; wahrscheinlich muss dafiir 1775 gesetzt werden. t) Auch dies Schreiben fehlt,
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